Freundinnen und Freunde
der klassenlosen Gesellschaft
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If I can´t dance, ist not my revolution! (Emma Goldman)


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Wie alle paar Jahre regt sich etwas an der Uni und zugegeben, eine Bilanz der letzten studentischen Bewegungen muß äußerst kritisch ausfallen. Nicht weil nur soundsoviel Milliönchen für die Ausbildung zusammengestreikt wurden, oder jene Gesetzesvorlage nicht zu Fall gebracht werden konnte. Unsere Bilanz fällt deshalb negativ aus, da die Formulierung einer Kritik an den herrschenden Verhältnissen bzw. Zuständen, wenn sie überhaupt vorhanden war, stark marginalisiert war. Der Streik 1997/98 war sehr stark mit einer parlamentarischen "Alternative" verbunden: Rot/Grün soll das Rennen machen, die sind doch gegen Studiengebühren, oder? Die Grünen- und Juso-Hochschulgruppen bewegten ihre Ärsche, schließlich ging es darum, mit Hilfe einer solchen Bewegung die eigenen Partei-Funktionäre ins Amt zu heben. Heute meiden sie eine solche Bewegung wie der Teufel das Weihwasser. Denn in den vergangenen 6 Jahren ist viel passiert, Rot/Grün ist an der Macht. Die von der Presse viel zitierte "Politikverdrossenheit" ist ein falscher Ausdruck für eine Sache, die immer offensichtlicher wird: SCHEISSEGAL OB CDU/SPD/FDP/GRÜNE/PDS, die Verwertungslogik des Kapitals geht seinen Gang, die sozialen Angriffe verschärfen sich zunehmend! Die Ahnung, daß wohl nicht nur etwas mit den politischen Parteien faul ist, verbreitet sich. Aus folgenden Gründen sind wir jedoch der Überzeugung, daß der studentische Protest erst dann zum Widerstand werden kann, wenn der Protest im eigentlichen Sinne des Wortes kein studentischer mehr ist:

· Die Einführung von Studiengebühren wird den Jura-Studenten, der die Kanzlei seines Vaters übernehmen wird, nicht stören. Ganz im Gegenteil wird er Studiengebühren im Sinne der sozialen Selektion gutheißen. Dem Jobber aber geht der Arsch auf Grundeis. Aus diesem Grund ist es falsch, von "der" Studierendenschaft zu sprechen. Die Klassenlage der Studierenden zu reflektieren und sich ohne wenn und aber auf die Seite der proletarisierten Studierenden zu schlagen, muß ein zentrales Anliegen des Widerstandes sein.

· Wer tatsächlich meint, der Widerstand müsse oder könne sich nur auf der Ebene der "Universitäts-Politik" formieren, hat entweder einen Dachschaden, oder betreibt Politik im übelsten Sinne des Wortes. Die Einführung von Studiengebühren, die sich in den Generalangriff auf die Lohnabhängigen (siehe Agenda 2010!) einreiht, schreit geradezu nach einer „gesamtgesellschaftlichen“ Perspektive des Widerstands.

· Mit den Vertretern der Macht bei Kaffee und Kuchen zu plaudern, ob und wo denn ein bisschen weniger gekürzt werden könne, drückt eine Bereitschaft zum Dialog und zur Verständigung aus, die unsere Position schwächt und eine falsche Perspektive eröffnet. Apelle an Politiker und Entscheidungsträger werden immer wieder zu zwei Reaktionen führen: Einerseits das Heucheln von Verständnis, ein offenes Ohr für die Problemchen und die Bereitschaft zur Kooperation, wobei diese Kooperation andererseits davon abhängig gemacht wird, daß man doch bitte auch wiederum verstehen müsse, daß es nunmal Sachzwänge gebe. Die Akzeptanz von Sachzwängen allerdings käme einem Verzicht des Widerstandes gleich, deshalb lohnt sich eine solche Diskussion auch nicht.

· Schlimm ist, wenn die Studierenden anstatt für sich und ihre eigenen Interessen (sich ein schönes Leben zu machen!) für den Wirtschaftsstandort Deutschland demonstrieren. "Ohne Wissenschaft keine Wirtschaft" war auf einem Plakat zu lesen. Dem Wirtschaftstandort Deutschland soll mit solchen Parolen der Rücken gestärkt werden, indem für die Universität und die wissenschaftliche Ausbildung protestiert wird, womit der Protest zur puren gesellschaftlichen Affirmation wird. Ein schönes Leben kann es nur ohne Deutschland, sowohl als Wirtschaftsstandort mit seinen Sachzwängen, als auch als Land mit all seinen Hohmännern geben.

· In der oben benannten Logik sind jedoch die in diesem Protest agierende Gruppen wie Attac oder das Berliner Sozialforum gefangen. Auch wenn diese nicht mit Parolen zur Stärkung der deutschen Wirtschaft hausieren gehen, bleiben sie dennoch mit ihren Forderungen auf der gleichen Ebene: der Appell an die Erhaltung des Sozialstaates und für die Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums bedeutet die Wahl des „kleineren Übels“, bei der man letztendlich den gesellschaftlichen Widersprüchen und ihrer Spaltung in Arm und Reich zustimmt. Verkannt wird somit, daß ein „sozialverträglicher“ Kapitalismus nie möglich war und nie möglich sein wird, da er auf dem Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital beruht, der durch das soziale Befriedungsprojekt der Sozialdemokratie und der sogenannten Sozialen Marktwirtschaft zeitweilig überlagert wird. Doch die sozialen Gegensätze treten heute verschärft hervor. Das Anprangern des Bankenskandals ist in diesem Sinne vielleicht moralisch berechtigt und weist auf die gesamtgesellschaftliche Ebene des Studiprotestes. Die Empörung bleibt jedoch in der Umverteilungslogik gefangen („Die Verursacher sollen den Schaden selber bezahlen!“) ohne die Ausbeutung der Lohnarbeit durch das Kapital zu thematisieren.

· Die Forderung "Rettet die Bildung" bringt die Angst der Studierenden zum Ausdruck, sich mittels ihrer Ausbildung nicht mehr in gesellschaftlich privilegierte Positionen schwingen zu können. Der individualisierte Studierende befürchtet, daß eine vermeintlich schlechte Aus-"Bildung" ihm verhindert, seine individuelle Leistung auf dem Arbeitsmarkt in bare Münze und gesellschaftliches Prestige umsetzen zu können. Fast zwangsläufig führt diese individualistische Perspektive zur Anbiederung an die Sachzwänge des Wirtschaftstandortes, den man von der Bedeutung der künftigen ("Bildungs"-)Elite, deren Teil man werden will, überzeugen möchte. Hierbei handelt es sich um das zentrale Element der studentischen Ideologie: Anstatt die eigene häufig miserable Situation zu reflektieren und sich einzugestehen, daß wohl die wenigsten eine solche Elite-Position einnehmen werden, klammert man sich an diese Hoffnung und läßt mehr oder weniger alles über sich ergehen. 5 Euro pro Stunde beim Kellner-Job, langweilige Seminare, etliche unbezahlte Praktika, doofe Klausuren etc. und dies alles für die große Hoffnung, irgendwanneinmal mit dem Diplom in der Tasche den großen Sprung zu schaffen. Endlich kann dann auch der ganze Frust abgelassen werden, entweder als Lehrer bei der Disziplinierung der Schüler oder als technischer Abteilungsleiter bei den Anweisungen an die dummen Handarbeiter.

· Der Hang zur gesellschaftlichen Affirmation wird von uns Studierenden im Wissenschaftsbetrieb eingeübt. Anstatt sich kritisch mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen geht es im Wissenschaftsbetrieb darum, vermeintlich objektive Aussagen über die Wirklichkeit zu machen. Wissenschaft bedeutet die statische Trennung des Subjekts von seinem Objekt. Somit erscheint (soziale) Wirklichkeit nicht als Produkt des Menschen, sondern als logisch und einwandfrei zu begreifender und darzustellender Gegenstand, der zwangsläufig von gesellschaftlicher Praxis getrennt bleibt. Der Wissenschaftler geht mit seiner Fachidiotie auf die Suche nach immer verzwickteren "objektiven" Aussagen über Wirklichkeit und verliert dabei die Fähigkeit zu sagen: die gesamten gesellschaftlichen Verhältnisse sind Mist und gehören abgeschafft.

· Daß die Studierendengemeinde meistens universitätsinterne (Polit-)Grüppchen gründet, drückt ein falsches Verständnis von Universität aus: Die Gesellschaft spielt verrückt, in der Universität wird der kümmerliche letzte Rest von Vernunft verortet. Von Entfremdung hat der vornehmlich kritische Student schon gehört, aber das kommt doch nur bei ArbeiterInnen vor! Die Uni erscheint ihnen als der letzte Rückzugsort von einem Gefecht, das angeblich schon längst verloren ist. So zumindest läßt sich das folgende Zitat aus dem Vorwort des vom AStA der FU neuaufgelegten Pamphlets von Wolf-Dieter Narr verstehen: "Wir bestehen weiter auf der Universität als einem zentralen Ort der gesellschaftlichen Bewußtwerdung, aber die Universität kann sich nur durch diesen Prozeß (der Bewußwerdung) selbst vor der von gesellschaftlichem Unbewußtsein vorangetriebenen restlosen Zerstörung retten." Wer aber meint, die Uni wäre der zentrale Ort der gesellschaftlichen Bewußtwerdung, ist schief gewickelt.

· Die Wurzel des Mißverständnisses all jener, die in Anbetracht einer verrückt gewordenen Gesellschaft die Universität retten wollen ist die Überzeugung, daß die Universität ein Bereich wäre, der vom Lauf der Tauschgesellschaft verschont geblieben wäre. Die Vertreter der Parole "Bildung ist das höchste Gut" meinen, von einer Uni-Insel im tobenden kapitalistischen Meer reden zu können und beziehen sich auf den freischwebenden Geist, der solcher kapitalistischer Logik fernbleibt. Die idealistische Idee der Loslösung des Geistes von der Praxis entspringt jedoch der tatsächlichen Arbeitsteilung der kapitalistischen Gesellschaft. Die gesellschaftliche Arbeitsteilung, die Trennung von sogenannter Hand- und Kopfarbeit stellt die Grundlage dar, auf der sich die staatliche Institution Universität gründet; Diese Arbeitsteilung gilt es zu überwinden, und mit ihr die Universität.

Diskussion zum Thema des Flugblattes
Donnerstag, den 27.11.03 um 14h
Treffpunkt: Rotes Café (OSI)