Freundinnen und Freunde
der klassenlosen Gesellschaft
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Werner Imhof

Eure Replik ist eine Enttäuschung


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Es hat schon etwas Groteskes, wenn die "Freundinnen der klassenlosen Gesellschaft", die doch mit den Klassen auch das Geld und den Staat ins "Museum der Vorgeschichte" verbannen möchten, ausgerechnet gegen die Gesellschaftsform polemisieren, die allein die Aufhebung der Klassen, des Geldes und des Staates ermöglicht, mit der Begründung, es handle sich bloß um ein "Modell", das zudem die kapitalistische Fabrik zum Vorbild habe. Tatsächlich entwerfe ich weder ein "Modell", um ein "abstraktes Ideal der kommunistischen Gesellschaft" zu konkretisieren, noch gehe ich von einem nebulosen "Sozialismus"-Begriff aus, um einen "Vorschlag" zu machen, "wie er mal ausschauen könnte", noch gehe ich aus von der Organisation der kapitalistischen Privatarbeit, um sie auf die Organisation der gesellschaftlichen Gesamtarbeit zu übertragen. Wovon ich ausgehe, ist die gesellschaftliche Form der Arbeit, die dem "real existierenden Elend" zugrunde liegt und aus der allein die gesellschaftliche Form seiner potentiellen Überwindung zu erschließen ist. Und wenn Ihr ein Problem habt, Euch mit dieser Form, der Vereinigung der dissoziierten Produzenten ("Proletarier aller Länder"!) zu gemeinsamer Produktion mit gemeinsamen Produktionsmitteln, anzufreunden, dann offensichtlich deshalb, weil Euch die heute herrschende Form der gesellschaftlichen Arbeit selbst noch nicht wirklich zum Problem geworden ist.

Dem "real existierenden Elend" stellt Ihr das "abstrakte Ideal der kommunistischen Gesellschaft" entgegen. Aber warum ist diese "kommende, vernünftigere Gesellschaft" ein abstraktes Ideal? Weil Ihr sie nicht als Möglichkeit aus dem real existierenden Elend ableiten, die mögliche Zukunft nicht aus der Gegenwart, die Vernunft nicht aus der Unvernunft entwickeln könnt – und anscheinend auch gar nicht wollt. Denn dazu müßte man sich ja mit dem Gedanken anfreunden, daß die kapitalistische Gegenwart selbst die Anlage zur kommunistischen Zukunft entwickelt, in der herrschenden Unvernunft sich eine latente Vernunft verbirgt. Für Revolutionäre eine Zumutung, nicht wahr? Statt dessen schiebt Ihr die "Kluft" zwischen konkreter Wirklichkeit und abstraktem Ideal auf "die derzeitige Unbestimmtheit revolutionärer Praxis, die es zu klären" gelte (ohne allerdings selbst etwas dafür zu unternehmen; Ihr erkärt ja nicht einmal, warum denn die revolutionäre Praxis "derzeit" für Euch ihre einstige Bestimmtheit verloren hat). Aber wie bitte läßt sich bestimmen, was revolutionäre Praxis sein und bewirken könnte, wenn nicht aus der verständigen Kritik der herrschenden Praxis? Dazu müßte man das "real existierende Elend" allerdings erst mal auf einen praktischen Begriff bringen. Und daß sich die herrschende Praxis nicht in die simple Herrschaft der Kapitalisten und ihrer Regierung auflöst, hat sich inzwischen auch unter den meisten Linken herumgesprochen.

Doch statt sich dem Problem zu stellen und hinter den Alltagsphänomenen und -ideen die praktischen Verhältnisse der Menschen zu begreifen, die sie hervorbringen, klebt Ihr an den ungesellschaftlich scheinenden Formen, in denen diese Verhältnisse sich unmittelbar präsentieren (als Wert, Kapital, Lohn, Markt, Produktionsstätten, strukturelle Arbeitslosigkeit usw.), um sie mit Begriffen und Floskeln zu titulieren bzw. zu konfrontieren, die ein kritisches, pardon: revolutionäres, Verhältnis zur Wirklichkeit signalisieren sollen, ihr aber tatsächlich äußerlich bleiben. Ihr habt keinen wirklichen Zugang zur herrschenden Praxis, weil Euch eine entscheidende Kategorie der Wahrnehmung und ihrer begrifflichen Verarbeitung bisher fremd geblieben ist: die der gesellschaftlichen Form oder der Form gesellschaftlicher Beziehungen. Ja, ich weiß, Ihr lobt meine "akribische Rekonstruktion der Marxschen Begrifflichkeiten von Wert, Kapital und Arbeit", meine "treffend entfalteten Formbestimmungen". Aber Ihr lobt sie nur, um sie nicht weiter zu beachten und geflissentlich zu übergehen, wozu sie eigentlich dienen: die mögliche, aber auch einzig mögliche emanzipatorische Form ihrer Aufhebung begreiflich zu machen. Tatsächlich ist der behauptete Konsens reine Augenwischerei, wie die ganze Replik beweist, nicht zuletzt der drollige Vorwurf, ich würde "kaum einen Blick über den Tellerand der Produktionsstätten" werfen.

Wo Ihr meint, ich ginge von Marxschen Begrifflichkeiten aus, um sie zu rekonstruieren, gehe ich von der gesellschaftlichen Form menschlicher Arbeit aus, um begriffliche Chiffren der bürgerlichen Ökonomie zu demontieren; und wo Ihr entfaltete Formbestimmungen von Wert, Kapital und Arbeit zu sehen meint, entfalte ich Wert und Kapital nur als gesellschaftliche Formbestimmungen der Arbeit oder als bestimmte Formen gesellschaftlicher Arbeit. Nur mit Blick auf das Innenleben der Produktionsstätten sind diese Formen jedoch nicht zu begreifen. Denn die Produktionsstätten sind heute größtenteils Stätten privater, gesellschaftlich unvermittelter Produktion, deren Vermittlung mit der Konsumtion Fremder an den Wertersatz oder Formwandel der aufgewandten Privatarbeit, ihren Austausch gegen Geld gebunden und überhaupt erst zu realisieren ist, damit sie sich als Stätten kapitalistischer Produktion bewähren können. Mit anderen Worten: Der Produktionsprozeß des Kapitals umschließt unmittelbare Produktion und (mit der Konsumtion) vermittelnde Zirkulation.

Ohne Blick über den Tellerrand der Produktionsstätten ist daher auch nicht annähernd zu begreifen, daß es die gesellschaftliche Form der Arbeit ist – private Produktion für den Austausch gegen Arbeitszeitäquivalente –, die vergangener, "toter" Arbeit in Gestalt von Produktionsmitteln und Geld ihre Macht über die lebendige Arbeit verleiht und in der Versilberung unbezahlter Arbeit sich selbst primärer Zweck wird, der ihre Mittel – Arbeitskraft, Erde und Technik – ebenso beherrscht und deformiert wie ihre sekundären Zwecke – Produktion von Gebrauchswert für andere –, an die sie doch gefesselt bleibt. Und ohne Blick über den Tellerrand der Produktionsstätten ist erst recht nicht zu verstehen, daß, wie und wozu diese Produktionsweise überhaupt aufzuheben wäre. Daß nämlich die Lohnabhängigen ihre gesellschaftliche Arbeit von der Form getrennter Privatarbeiten mit dem Zwang zum Äquivalententausch befreien könnten, indem sie sich mitsamt allen Produktionsmitteln (und eben nicht nur den betrieblichen Maschinenparks) zu gemeinschaftlicher Produktion vereinigen, die unmittelbar der individuellen wie der produktiven Konsumtion dient, um sich zu verantwortlichen gesellschaftlichen Individuen zu emanzipieren, die die Zwecke und Mittel ihrer Arbeit beherrschen, statt von ihnen beherrscht zu werden. Und all das war der Inhalt meines Vortrags.

Ihr bringt es fertig, neun Zehntel davon schlichtweg zu ignorieren, um den Rest umzumünzen in ein "Ausloten" unbestimmter "Möglichkeiten innerhalb des Produktionsprozesses", "welche auf eine kommende, vernünftigere Gesellschaft verweisen" – als sei die theoretische Bestimmung "revolutionärer Praxis" nicht identisch mit der Kritik der herrschenden Gesellschaftsform, die zugleich die Form ihrer möglichen Aufhebung diktiert, sondern ein Suchprozeß unter einer Reihe unverbindlicher Optionen. (1) Und dann krönt Ihr Eure Interpretation, die mit Begriffsstutzigkeit allein für mich kaum zu erklären ist, mit dem Befund, ich glaubte, in der kapitalistischen Fabrik fündig geworden zu sein: Aus der "Annahme, innerhalb der Produktionsstätten wäre eine nicht-warenförmige, also schon gesellschaftliche Vermittlung zwischen Menschen etabliert", würde ich die "krude Prognose" ableiten, "daß die gesellschaftliche Reproduktion wie eine einzige Fabrik funktionieren könnte". Nun ist die Prognose ja beinahe richtig wiedergegeben, doch Eure Kritik an ihr ist so verquer wie ihre Begründung, die Ihr mir unterschiebt.

Zunächst mal zeugt schon die Entgegensetzung von "warenförmiger" und gesellschaftlicher Vermittlung von einer reichlich unreflektierten Begrifflichkeit. Denn zum einen ist auch eine "warenförmige" (soll wohl heißen: auf der Warenform der Produkte, also auf dem Austausch beruhende) Vermittlung eine Form gesellschaftlicher Vermittlung. Zum andern ist die tausch-freie Kooperation oder Arbeitsteilung innerhalb der Produktionsstätten zwar eine unmittelbare Vergesellschaftung der betreffenden Teilarbeiter, aber damit ist ihre Arbeit noch lange nicht gesellschaftlich vermittelt, noch keine gesellschaftliche Arbeit. Zwischen ihr und der Nutzung ihrer Produkte steht der Zwang zum Äquivalententausch; zu gesellschaftlicher Arbeit wird sie erst durch den realisierten Austausch ihrer Produkte gegen Geld. Erst negiert Ihr den Austausch als Form gesellschaftlicher Vermittlung, und dann meint Ihr, ihn ignorieren zu können. Bei soviel Unverständnis für diese allesbestimmende Form des gesellschaftlichen Verkehrs ist dann auch kein Wunder, daß Ihr die Aufhebung dieser Verkehrsform bloß für eine zwanglose "Modell"-Vorstellung haltet, zu der ich mich beim "Ausloten" von "Möglichkeiten innerhalb des Produktionsprozesses" vom Vorbild der kapitalistischen Fabrik hätte inspirieren bzw. verleiten lassen. Ein gewaltiges Mißverständnis.

Die Gesellschaftsform, die es erlaubt, die kapitalistische Produktionsweise aufzuheben, lote ich überhaupt nicht aus. Denn sie ist bestimmt durch die aufzuhebende Gesellschaftsform, als ihre praktische Negation nämlich. Wenn ich von der möglichen Aufhebung des Kapitals oder der möglichen Selbstaufhebung des Proletariats spreche, dann nur, um ihre Machbarkeit und gleichzeitig ihre Ungewißheit zu betonen, keineswegs aber weil sie praktisch unbestimmt oder gar unbestimmbar wäre. Im Gegenteil, die Bestimmung der möglichen Praxis, die allein geeignet ist, notwendig zu werden und die gesellschaftliche Not zu wenden, ist "eigentlich" sehr klar und einfach. Und die Überwindung des Äquivalententauschs, folglich auch der Privatarbeit, ist ihre conditio sine qua non. Nicht weil sie im Rahmen der Produktionsstätten schon vorexerziert wird, sondern weil der Äquivalententausch zwangsläufig sein Gegenteil beinhaltet, die Aneignung fremder Gratisarbeit, sobald die Produktion auf der Anwendung kollektiver Arbeitskraft beruht.

Was ich auslote, ist nicht die gesellschaftliche Form, die die kapitalistische Produktion aufheben kann, was ich auslote, sind die – objektiven und subjektiven – Bedingungen ihrer Realisierung. In diesem Zusammenhang setze ich mich mit dem Vorurteil auseinander, daß der Austausch eine unverzichtbare Form gesellschaftlicher Vermittlung sei. Eines meiner Gegenargumente ist der Hinweis darauf, daß "das Kapital selbst mit der unmittelbar vergesellschafteten Organisation der Privatarbeit im Keim die prinzipielle Form ihrer Aufhebung" demonstriert – "ihre prinzipielle Form", wohlgemerkt, und das auch nur "im Keim". Und dann folgt der Satz, der Euch anscheinend so aus der Fassung bringt: "Doch während der bürgerliche Verstand die austauschfreie Kooperation im Rahmen der Privatarbeit für selbstverständlich hält, schaudert er bei der Vorstellung, daß auch die gesellschaftliche Produktion insgesamt 'wie eine einzige Fabrik' funktionieren könnte." (2) Warum aber schaudert der bürgerliche Verstand? Weil er sich Kooperation ohne Austausch nur nach dem Muster der kapitalistischen Fabrik vorstellen kann und ihm die entfremdete und stupide Teilarbeit, die Antreiberei und Kontrolle, die er den Arbeitern zumutet, ein Horror ist, wenn er fürchtet, daß sie den heutigen Herren der Fabrikarbeit selbst zugemutet werden soll. Offenbar habt Ihr Euch von diesem Schauder anstecken lassen, ohne auf die Idee zu kommen, daß die Fabriken auch nicht mehr kapitalistisch gemanagt werden müßten, wenn ihre Belegschaften sich vom Austausch- und Verwertungszwang befreien und als "Verein freier Menschen" organisieren, "die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewußt als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben" (3) . Ja, Euer Schauder läßt meine Prognose sogar so weit gehen, "daß die gesellschaftliche Reproduktion wie eine einzige Fabrik funktionieren könnte". Da hierzu wohl auch die individuelle Konsumtion und die Fortpflanzung gehören, wäre das wirklich eine äußerst "krude Vision".

So verfehlt wie Eure Interpretation meiner "Prognose" sind dann logischerweise auch Eure Einwände gegen sie. Es dürfe, mahnt Ihr, "doch nicht vergessen werden, daß die Fabriken unter der Herrschaft des Kapitals als Workhouses immer 'Houses of Terror' waren", "daß der Produktionsapparat kein neutrales Instrument ist, das sich einfach so übernehmen ließe", "ohne weiteres als Anknüpfungsmodell für Späteres zu gebrauchen" sei. "Eine allzu voreilige Hypostasierung des jetzigen Zustandes innerhalb der Fabrik entwirft ihrerseits eine Utopie, die nun ihrerseits erstaunlich nah an den ML heranrückt, man müsse den Maschinenpark nur in eine andere Obhut übernehmen."

Wenn die Fabriken unter der Herrschaft des Kapitals immer und nur Houses of Terror waren, wäre es längst zum allgemeinen Auftand gekommen. Und die Obhut, die der ML meinte, war die des Politbüros, nicht die der Produzenten. Aber das nur nebenbei. – Was hier erstaunlich ist, ist Eure Behauptung, ich wolle den jetzigen Zustand innerhalb der Fabrik "hypostasieren". Davon kann keine Rede sein, im Gegenteil. Wovon rede ich denn? Doch wohl davon, daß der Übergang zu gemeinschaftlicher Produktion den Menschen endlich ermöglichen (nicht garantieren!) würde, die Zwecke und Mittel ihrer Arbeit zu beherrschen, statt von ihnen beherrscht zu werden, also die Produktion in den Dienst des gesellschaftlichen Bedarfs zu stellen und den Produktionsprozeß nach humanen und ökologischen Maßstäben umzugestalten. Und ich rede davon, daß das Kapital selbst die materiellen Bedingungen entwickelt (gesellschaftliche Arbeitsteilung, Verkehrs- und Kommunikationsmittel), die die Form gemeinschaftlicher Produktion realisierbar machen, auf deren Prinzip – Kooperation ohne trennende Austauschbeziehungen – es im Rahmen der unmittelbaren Produktion selbst angewiesen ist. Aber damit sage ich nicht, daß die hinreichenden Bedingungen gemeinschaftlicher Produktion auch schon ideale Bedingungen wären oder daß der "Formwechsel" der gesellschaftlichen Arbeit die anschließende Umgestaltung ihrer Inhalte und Mittel erübrigen würde. Gerade weil "man" den jetzigen Zustand innerhalb der Fabrik (und die gegebene Struktur der gesellschaftlichen Gesamtarbeit!) nicht "einfach so" übernehmen kann, muß "man" ihn aber erst mal übernehmen, sich aneignen, um ihn überhaupt umgestalten und die "Depravationen des Arbeitsprozesses" beseitigen zu können. Und umgestalten kann "man" ihn nur, wenn "man" sich nicht nur den sachlichen Reichtum aneignet, sondern auch den gegebenen Zusammenhang der Privatarbeiten, um auch diesen umzugestalten, ihn von den Trennungen des Privateigentums, den Dis-proportionen, Auswüchsen und Sackgassen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zu befreien. Was also bedeutet es, wenn Ihr gegen diese "Prognose" einwendet, daß "aber" unter der Herrschaft des Kapitals die Produktionsmittel die Arbeiter beherrschen? Es bedeutet, daß das Kapital halt nicht nur die Bedingungen seiner Aufhebung entwickelt, sondern auch einen (nur einen?) Grund dafür liefert (wer hätte das gedacht?), Ihr aber sinnigerweise den Grund gegen die Form der Aufhebung geltend macht, die allein erlaubt, ihn aus der Welt zu schaffen.

"Auch die kategoriale Dichotomie von produktionsimmanenter Kooperation und kapitalistisch-warenförmigem Markt" sei irreführend, meint Ihr und beweist damit doch wieder nur Eure kategoriale Konfusion. Ein "warenförmiger Markt" ist ein ebenso sinnloser Begriff wie ein "ballförmiges Fußballspiel"; und was ein "nicht-warenförmiger Markt" sein könnte, versuche ich mir gar nicht erst vorzustellen. Der Begriff wird auch nicht sinnvoller durch den Zusatz "kapitalistisch". Denn kapitalistische Produktion ist nicht möglich ohne Marktsubjekte, die kein Kapital tauschen, sondern entweder ihre Arbeitskraft oder ihr Einkommen, aber als Geld, nicht als Kapital. Recht habt Ihr, nur gegen Eure eigene Intention, daß es ein Irrweg ist, der Kategorie des Marktes die Kategorie der "produktionsimmannenten Kooperation" gegenüberzustellen. Denn dabei handelt es sich um eine ebenso viel- wie nichtssagende Kategorie, weil Kooperation jeder Form gesellschaftlicher Produktion immanent ist, selbstverständlich auch der kapitalistischen. Doch der Witz dabei, der Euch völlig zu entgehen scheint, ist, daß die "produktionsimmanente Kooperation" sich nicht auf das Innenleben der Produktionsstätten beschränkt, sondern auch zwischen ihnen stattfindet, sie über den "Markt" miteinander verbindet. Der Kapitalismus ist eben auch deshalb eine Form gesellschaftlicher Produktion, weil er ein System entwickelter gesellschaftlicher Arbeitsteilung ist, nur auf der Grundlage des Privateigentums, des Austauschs, des Werts, der sich verwerten muß. Diese Form der gesellschaftlichen Arbeit aber ist es, die die zwischen- und überbetriebliche Kooperation, die sie fördert, gleichzeitig permanent behindert, stört, durch Konkurrenz untergräbt, weil sie sie wie auch die innerbetriebliche Kooperation dem Austausch- und Verwertungszwang unterwirft. Man kommt dem Verständnis für die mögliche Aufhebung dieser Form deshalb auch keinen Schritt näher, wenn man ihr nur die innerbetriebliche Kooperation entgegenhält. Doch die konfuse "Dichotomie" von "warenförmiger, also ungesellschaftlicher" und "nicht-warenförmiger, also schon gesellschaftlicher Vermittlung", von "warenförmigem Markt" und "produktionsimmanenter Kooperation" innerhalb der Fabrik, ist allein Euer Ausgangspunkt, nicht meiner.

Dabei scheint sogar ein Fünkchen Formverständnis aufzublitzen, wenn Ihr schreibt: "Die Vorstellung, daß der Tauschcharakter der Produktion abgestreift werden müsse und darunter schon die kommunistische Produktion liege, hat etwas von einem Ei, dessen Schale es lediglich abzupellen gelte." Ich weiß zwar nicht, was ich mir unter dem "Tauschcharakter der Produktion" vorstellen soll, aber wenn Ihr damit den Tauschcharakter ihrer Vermittlung mit der Konsumtion meint, dann finde ich den Vergleich gar nicht übel. Denn die Zirkulationssphäre, in der die gesellschaftliche Arbeit ihre Form- und Eigentümerwechsel durchläuft, hat tatsächlich etwas von einer Schale, die den gesellschaftlichen Stoffwechsel umhüllt und nur abgepellt werden muß, um die Form unmittelbar gesellschaftlicher, d.h. kommunistischer Produktion freizulegen. Die Vergleichbarkeit geht sogar noch weiter: Ein Ei läßt sich nur abpellen, wenn es gekocht ist; bei einem rohen Ei wird nur eine formlose Masse herauskommen. Auch die gesellschaftliche Produktion setzt einen einigermaßen festen Aggregatzustand voraus, wenn sie ohne äußeren Zusammenhalt durch Geld nicht kollabieren soll. Wer oder was könnte diesen Zustand wohl bewirken?...

Leider habt Ihr den Vergleich nicht weiter durchdacht. Der Verzicht auf den "Tauschcharakter der Produktion" scheint Euch so belanglos, wenn nicht abwegig vorzukommen, daß er Euch keiner weiteren Überlegung wert ist. Statt dessen glaubt Ihr, diese Vorstellung mit dem Einwand erledigen zu können, daß "nicht nur die Maschinerie, sondern auch die Produktionsketten und -organisation nicht frei sind von der Legierung der Mehrwertproduktion". Wenn hinter diesem "Argument" mehr stecken soll als die wiederholte Unlogik, einen Grund für die Aufhebung des Kapitals gegen sie geltend zu machen, dann kann es nur die Annahme sein, daß der "Tauschcharakter der Produktion" und die Mehrwertproduktion nichts miteinander zu tun haben. Das wäre immerhin eine kühne These. Und sie würde einiges erklären, nicht zuletzt Eure Klage über "die derzeitige Unbestimmtheit revolutionärer Praxis". Solltet Ihr tatsächlich dieser Annahme sein, dann solltet Ihr sie aber auch offen vertreten und begründen – ernsthaftes Interesse an theoretischer Klärung vorausgesetzt. Ich wäre sehr gespannt darauf.

Zum Schluß nur noch ein paar Bemerkungen zu Eurer "Vision der Befreiung von der Arbeit", von der Ihr meint, daß sie mich irritiere, obwohl sie "der Gesellschaft durch die strukturelle Arbeitslosigkeit doch geradezu aufgedrängt" werde. Ich will mich nicht bei Eurer falschen Erklärung aufhalten, die die "strukturelle Arbeitslosigkeit" auf die "explodierende Produktivität des Kapitalismus" zurückführt. Wichtiger ist mir Euer Umgang mit dem "Phänomen" selbst. Daß es Linke gibt, die es zum "Ideal" einer "Befreiung von der Arbeit" erhöhen, irritiert mich keineswegs. Handelt es sich doch um eine bequeme, sozusagen "ideale" Manier, das "strukturelle" Problem der (trotz wachsender Arbeitsproduktivität) nach wie vor expandierenden Lohnarbeit zu "lösen". Und daß auch Linke zu gedanklicher Bequemlichkeit neigen, ist nun wirklich keine Überraschung mehr. Doch beim "Blick über den Tellerrand der Produktionsstätten" sollte man weder die Produktionsstätten selbst aus dem Auge verlieren noch an den Landesgrenzen Halt machen. Im globalen Maßstab werden immer noch weit mehr Menschen dem kapitalistischen Produktionsprozeß neu unterworfen oder subsumiert, wie der belesene Marxist sagt, als gleichzeitig aus ihm herausgeworfen werden. Daß diese Subsumtion begleitet wird und zur Voraussetzung hat die massenhafte Auflösung vorkapitalistischer Produktionsverhältnisse, dürfte die proletarisierten Opfer kaum motivieren, sich mit Eurer "Vision der Befreiung von der Arbeit" anzufreunden, es sei denn, sie erträumen sich ein arbeitsloses Schmarotzerdasein. Außerdem ist selbst in Ländern mit stagnierender oder gar schrumpfender Beschäftigung die Zahl der aktiven Lohnarbeiter immer noch ein Vielfaches größer als die Zahl der jeweils "freigesetzten". Und da die Automatisierung der Arbeitsprozesse nicht nur gewisse technische und natürliche Grenzen hat, sondern auch fürs Kapital immer kostspieliger wird, je weiter sie bereits vorangeschritten ist, wird sich daran auf unabsehbare Zeit auch wenig ändern. Und last but not least haben die meisten Arbeitslosen zum Glück immer noch soviel Selbstbewußtsein, daß sie die entfremdete Lohnarbeit einem Leben in gesellschaftlicher Isolierung und Nutzlosigkeit vorziehen. Kurzum: Die Befreiung von der Arbeit mag eine Perspektive für Blinde, Aussteiger und asoziale Randgruppen sein, eine gesellschaftliche Perspektive ist sie mit Sicherheit nicht.

Ich denke deshalb auch nicht im entferntesten daran, Eure Vision "gegen die Befreiung der Arbeit" auszuspielen. Ich nehme sie nicht einmal ernst. Und Ihr offenbar selbst nicht, weil Ihr sie gleichzeitig mit weiteren und einander ausschließenden "Visionen" vermengt. Erst werft Ihr mir vor, sie "gegen die Befreiung der Arbeit" auszuspielen, was den logischen Schluß erzwingt, daß Ihr beides wollt – die Befreiung der Arbeit und die Befreiung von ihr. Ich habe ja viel übrig für dialektisches Denken, aber hier schließt ein Ziel das andere aus. Dann erklärt Ihr, es sei "kindisch", ohne notwendige Arbeit auskommen zu wollen, und formuliert eine bescheidenere Vision: die Reduzierung der "Arbeitszeit auf das mögliche Minimum". Darüber ließe sich reden, wenn damit die Beschränkung auf gesellschaftlich notwendige Arbeit gemeint wäre. Doch dürfte es wenig ratsam sein, diese notwendige Arbeit auf das mögliche Minimum an Arbeitszeit zu reduzieren. Denn das hieße, die unter der Herrschaft des Kapitals erzwungene Intensität der Arbeit "einfach so zu übernehmen" oder gar noch zu steigern. Doch solche "realistischen" Bedenken sind Euch offenbar fremd, glaubt Ihr doch, mit der Minimierung der Arbeitszeit dem "Phänomen wie Ideal" der Arbeitslosigkeit näherzukommen. Und dann bringt Ihr es auch noch fertig, dieses Ideal gleichzeitig als sein Gegenteil auszugeben, als "Befreiung der Arbeit" von der Notwendigkeit, "nur Mittel für einen außerhalb ihrer selbst liegenden Zweck zu sein", die Arbeit also – zum Selbstzweck zu erheben...

Ich verkneife mir hier weitere Kommentare und breche statt dessen ab. Ob es Sinn macht, die Diskussion weiterzuführen, wird davon abhängen, ob Ihr mit dieser Replik auf Eure Replik ernsthafter umgehen könnt als mit meinem Vortrag. Und begrüßen würde ich auf jeden Fall, wenn die "Freundinnen der klassenlosen Gesellschaft" sich so äußern würden, wie ich sie kennengelernt habe: als Individuen, die sich nicht hinter einem stellvertretenden Anonymus verstecken müssen.

Werner Imhof, 28.08.06

Anmerkungen:

(1) Tatsächlich ist ja doch eine zweite, völlig entgegengesetzte Form der Aufhebung denkbar. Die Form voneinander getrennter Privatarbeiten mit dem Zwang zum Äquivalententausch kann auch ersetzt werden durch ein zentrales Regime über die gesellschaftliche Arbeit, das "im Namen der Gesellschaft" die Verteilung der Arbeitskräfte und der Produktions- wie der Konsumtionsmittel organisiert. Und diese Form geistert – bewußt oder unbewußt – durch alle Gesellschaftskonzepte des Traditionskommunismus, auch das der Rätekommunisten, wenn auch selten in völliger Reinheit, sondern meist überlagert durch marktwirtschaftliche und/oder demokratische Elemente. Die Geschichte hat gezeigt, daß diese Form keine progressive Überwindung des Kapitalismus war, sondern – trotz aller Industrialisierungserfolge – ein Rückschritt in vorbürgerliche, der "orientalischen Despotie" vergleichbare Verhältnisse, ohne doch den bürgerlichen Maßstab außer Kraft setzen zu können, dem nur getauschte Arbeitszeit als gesellschaftlicher Reichtum gilt. Daß ich auf diese Form nicht eingegangen bin, war wahrscheinlich ein Fehler.
(2) In ähnlicher Weise polemisiert übrigens auch Marx im "Kapital" gegen die "Apologeten des Fabriksystems", vgl. MEW 23, 377.
(3) MEW 23, 92; Hervorhebung von mir.