Freundinnen und Freunde
der klassenlosen Gesellschaft
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Rauchzeichen aus den Banlieues

Reflexionen zur Revolte in den französischen Vorstädten


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Inhaltsverzeichnis:

  • Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft: Zu dieser Broschüre
  • Section Cosaques - Jabots de Bois: Das Wesen der Revolte
  • Charles Reeve (L’Oiseau-Tempête): Wortlose Brandstiftungen
  • Les Amis de Némésis: Vom Mahl aus Schutt und Asche zur Satinglut
  • R.S. (Meeting): Novemberballade
  • Denis (Meeting): Sagten Sie “Forderungen”?



  • Zu dieser Broschüre


    Drei Wochen lang malte uns die französische und internationale Presse ein Bild bürgerkriegsähnlicher Zustände in den französischen Vorstädten, nachdem zwei Jugendliche auf der Flucht vor den Schikanen der Polizei gestorben waren. Im Laufe der Unruhen wurden rund 3.000 Personen festgenommen, 700 von ihnen sind bereits verurteilt, darunter mehr als 100 Minderjährige. In etwa 300 der landesweit 36.000 Gemeinden wurden knapp 9.000 PKWs in Brand gesetzt, ebenso einzelne Polizeiwachen, Kitas, Schulen, Busse, Feuerwehrfahrzeuge, öffentliche Gebäude sowie Geschäfte und Fabrikhallen. Es gab kaum Verletzte, und Plünderungen blieben weit-gehend aus. Die spontan gegen ihre Lebensbedingungen Rebel-lierenden sind (männliche) ausgesonderte Jugendliche bis 25, die in verarmten Vorstädten ein prekarisiertes und perspektivloses Dasein fristen. Mehr als 90 Prozent der Verhafteten sind Franzosen, meistens aber nicht ausschließlich, wie gegen jede Ethnisierung zu betonen ist mit migrantischem Hintergrund. Eine aktive Solidarisierung von Seiten der Mehrheit der Bevölkerung in den betroffenen Vierteln blieb aus.

    In Frankreich haben die drastischen Veränderungen im Pro-duktionsprozeß, in der Unternehmensstruktur und auf dem Ar-beitsmarkt einerseits zu einer zunehmenden Verarmung und zu einer Verdrängung von stabilen durch prekäre Arbeitsverhältnisse geführt so gehen etwa heute 25 Prozent der Obdachlosen einem Job nach. Andererseits sind die traditionellen gewerkschaftlichen Kämpfe zu-nehmend rein defensiv geworden und noch dazu erfolglos. Die Folgen dieser Entwicklung sind Flecken geballter moderner Misere inmitten der urbanen Struktur und eine neue Segmentierung innerhalb des Proletariats.

    Weit davon entfernt, ein spezifisch französisches Phänomen zu sein, vollzieht sich dieser Prozeß im Weltmaßstab. Zum ersten Mal in der Geschichte überwiegt die weltweite urbane Bevölkerung die ländliche, während der Anteil der Elendsviertel-Bewohner in den Städten wächst. Diese Armut speist sich nicht nur aus der Proletarisierung der Landbevölkerung in der „dritten" Welt, die in die Städte ab-wandert, sondern in zunehmendem Maße auch aus der Prekarisierung der ehemals geregelten und „stabilen" Lohnarbeitsverhältnisse in Europa und Nordamerika.

    Für diejenigen, die sich für die weltweite soziale Emanzipation ein-setzen und wissen, daß diese nur das Ergebnis der Kämpfe aus den gegebenen sozialen Bedingungen heraus sein kann, wirft die Revolte in Frankreich grundsätzliche Fragen auf: Reiht sie sich in die Per-spektive der Ablehnung der kapitalistischen Verhältnisse ein, oder ist sie ein Zeichen der Barbarisierung innerhalb des globalisierten Kapitalismus? Worin liegen ihre emanzipatorischen Momente, und welche Beschränkungen weist sie auf? Sind ähnliche Bewegungen in verstärktem Maße auch in anderen Ländern zu erwarten? Gibt es spezifische Terrains, Kampfformen und Organisationsstrukturen für einzelne Segmente des Proletariats, die die Kluft zwischen ver-meintlich abgesicherten Lohnarbeitern, Prekären und ausge-schlossenen Arbeitslosen eher vertiefen? Wie könnten sich diese unterschiedlichen Bewegungen im Sinne einer globalen praktischen Kritik des Kapitals artikulieren? Können soziale Bewegungen, die nicht direkt aus dem Produktionsprozeß entstehen, gleichwohl zur Umwälzung der Produktionsverhältnisse beitragen? Zu diesen Fragen haben wir ein Flugblatt und einige längere Reflexionen von Genos-sinnen & Genossen aus Frankreich zusammengetragen und über-setzt, sowie eine Veranstaltung mit zwei französischen Genossen der Redaktion von L'Oiseau-Tempête am 22. Januar 2006 in Berlin durchgeführt.

    Das Flugblatt Das Wesen der Revolte der Gruppe Jabot de Bois aus Nantes zeichnet sich durch seine entschiedene Parteinahme für die Revoltierenden aus, eines „Proletariats ohne Zukunft, das nicht auf die falschen Perspektiven einer Integration hereinfallen" könne. Es richtet sich gleichermaßen gegen die Heerscharen von Integrationsspezialisten auf der einen, wie gegen ein linkes und liberales Milieu auf der anderen Seite, welches der Revolte die „objektiven Bedingungen" und damit jegliche Legitimität abspricht. Daß die Jugendlichen der Banlieues in diesem Flugblatt als „Palästinenser des triumphierenden Spektakels" bezeichnet werden, stellt leider eine gewisse Übereinstimmung mit der ebenso modischen wie regressiven Dritte-Welt-Ideologie dar, die in eben diesem linken und liberalen Milieu grassiert.

    Entgegen der verbreiteten Meinung, daß die rebellierenden Jugend-lichen Einwanderer sind, deren Integration gescheitert sei, sieht Charles Reeve (L'Oiseau-Tempête) sie eher als das Ergebnis der sozialen Ausgrenzung eines wachsenden Teils des Proletariats, die der moderne Kapitalismus nach der Ära des Reformismus mit sich bringt. Reeve bestreitet zudem, daß Islamismus, Drogenkriminalität oder Bandenkriege in der Revolte eine entscheidende Rolle gespielt hätten. Stoßen einerseits die staatlichen Maßnahmen zur Be-kämpfung der Unruheherde an Grenzen, so lief andererseits die auf sich selbst zurückgeworfene Revolte in eine Sackgasse. Ihre gesellschaftliche Ohnmacht und Perspektivlosigkeit werden nicht nur an der relativen sozialen Isolierung der Aufständischen festgemacht, sondern als heutige Verfaßtheit der Arbeiterklasse insgesamt ge-sehen, eine zentrale Frage für jede Bewegung hin zur sozialen Eman-zipation. Reeve zufolge wies die Revolte an sich keinen eman-zipatorischen Inhalt auf. Ihre Stärke habe vielmehr darin gelegen, die Passivität aufzubrechen, die Institutionen des Staates anzu-greifen und die soziale Frage wieder ins gesellschaftliche Bewußtsein zu holen. Insofern habe sie dazu beigetragen, die Hoffnung auf radi-kale Veränderungen aufrechtzuerhalten.

    In der Revolte gegen das enteignete Leben, gegen die Reduzierung auf menschliches Treibgut und für Respekt seien die jungen Banlieue-bewohner allerdings zu einer klaren Einsicht in die gesellschaftlichen Verhältnisse gelangt, ohne allerdings die Trennung vom restlichen Proletariat überwinden zu können, schreiben Les Amis de Némésis. Es sei ihnen aber auch nicht möglich gewesen, sämtliche Fragen der Integration und Anerkennung weit hinter sich zu lassen, wo doch die Tatsache der Revolte selbst diese Fragen bereits ad absurdum geführt habe. Angesichts der Unmöglichkeit für den Staat, diese für die kapitalistische Produktion Überflüssigen noch halbwegs konsensual einbinden zu können, skizziert der Text, was von Seiten der Bourgeoisie, den Medien und des Staates bereits jetzt schon an Strategien und Repressionsphantasien gegen jene in Anschlag gebracht wird. Und er macht deutlich, worin jetzt die vordringlichen Aufgaben radikaler Kritik liegen: eben diese Unmöglichkeit einer „Integration" aufzuzeigen und jeder Ethnisierung der sozialen Misere entgegenzuwirken.

    R.S. vom Zeitschriftenprojekt Meeting breitet in seiner Novemberballade weniger die Mängel der Revolte aus, als daß er sie zunächst in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang zu verstehen versucht. Der Ausnahmezustand zeigt an, daß das Klassenverhältnis „im Angesicht eines Proletariers, der als Proletarier wieder zum Armen geworden ist", in wachsendem Maße wieder der nackten Gewalt zu seiner Aufrechterhaltung bedarf. Denn die jugendlichen Aufrührer bringen ihm zufolge nur am drastischsten eine weit über die Banlieues hinausreichende Krise des Proletariats ans Tageslicht, die es um so fragwürdiger erscheinen läßt, ihnen die „wirkliche" Arbeiterklasse mit ihren klassischen Kampfformen entgegen zu halten. Daß keine Forderungen nach „Gleichheit" laut wurden, deutet er als Fortschritt gegenüber der zivilgesellschaftlich-antirassistischen Ideologie, welche die soziale Misere stets in einen politischen Auftrag für mehr Rechtsgleichheit umzumünzen versteht. Gleichwohl verfällt R.S. nicht in Triumphalismus und nimmt die Spaltungslinien innerhalb der Klasse wahr, wenn er die Abgrenzung der „ehrwürdigen" Arbeiter von den meist migrantischen Jugendlichen als geradezu tragischen Versuch beschreibt, sich gegen das drohende eigene Schicksal zu wenden, indem sie sich an „die Ordnung" binden, die in Wirklichkeit für alle immer weniger anzubieten hat. Ein weiterer Beitrag aus dem Diskussionsforum von Meeting, den wir abschließend dokumentieren, betont gegen R.S., daß die Rebellierenden keinerlei Forderungen artikuliert haben - denn die einzige, die sie hätten aufstellen können, nämlich die nach Integration, erschien ihnen selbst nicht mehr realistisch.

    Auf der Veranstaltung wurden einige Aspekte erwähnt, die nicht in den von uns zusammengestellten Texten vorkommen. Wir mußten feststellen, daß wir und unsere französischen Genossen mehr Fragen als Antworten haben nicht nur, weil wir uns in diesem konkreten Fall in der Rolle des Interpreten statt des Mithandelnden befinden, sondern vor allem, weil die Jugendlichen der Banlieues Ausdrucks-formen haben Musik und eine eigene Sprache , die mit den Erwartungen der Linken nichts zu tun haben. Die Genossen von L'Oiseau-Tempête interpretierten ihre Revolte als Ablehnung der toten Gegenden und bestimmter staatlicher Institutionen sowie als Bedürfnis nach einem anderen Leben. In den Banlieues brechen die Jugendlichen weitaus häufiger die Schule ab als im nationalen Durchschnitt (40% gegenüber 17%); sie werden früh in die Prekarität abgedrängt. Offen bleibt, in welchem Maße sie in legale oder illegale Arbeitsprozesse eingebunden sind. Nach Aussage auf der Veranstaltung ist „Arbeit" für diese Jugendlichen ein nur abstrakter Begriff, mit dem sie nichts verbinden.

    Im Unterschied zu den hier dokumentierten Texten wurde auf der Veranstaltung ausführlich über das Geschlechterverhältnis in den Ban-lieues diskutiert - und über das Verhältnis, das die Revolte zu ihm eingenommen hat. Denn die Nichtbeteiligung der Mädchen und jüngeren Frauen an dem militanten Aufruhr war eklatant. Offensichtlich arrangieren sie sich besser mit der Schule und versuchen, durch einen Aufstieg in bessere Gegenden der Rolle zu entkommen, die ihnen von Familienstruktur, Kultur und Religion zugewiesen wird. Ihr Fernbleiben von den Aktionen ist den französischen Genossen zufolge vor allem auf ihre Unterdrückung durch ihre „großen Brüder" zurück-zuführen und kein Zeichen für einen anti-emanzipatorischen Charakter der Revolte. Klar ist aber auch, daß eben dieses reaktionäre Ge-schlechterverhältnis in der Revolte nicht angegriffen wurde. Erst bei den Gerichtsverhandlungen nach dem Aufruhr sind die Mädchen und Frauen dann in Erscheinung getreten und haben ihre Solidarität gezeigt eben diese klassische „Arbeitsteilung" bricht aber das herrschende Geschlechterverhältnis nicht auf.

    Diskutiert wurde zudem, inwieweit auch Rassismus und Kolonial-geschichte zur Erklärung der Revolte herangezogen werden müßten. So gesehen wäre die Bewegung auch durch antirassistische Kam-pagnen wie SOS-Racisme oder „Les indigènes de la république" geprägt. Von Seiten der französischen Genossen wurde in zwei Richtungen argumentiert: Subjektiv betonen die Rebellierenden ihre Zugehörigkeit zur französischen Gesellschaft und nicht ihr vermeint-liches Anderssein. Während Polizei, Presse und antirassistische Grup-pen dazu tendieren, ihnen eine ethnische, kulturelle oder sogar eine rückwärtsgewandte religiöse Identität zuzuschreiben, verlangen sie selbst, als „normale Franzosen" betrachtet und behandelt zu werden. Für die Polizisten sind sie Araber oder Schwarze sie selbst be-zeichnen sich als Franzosen. Objektiv jedoch sind in die heutige fran-zösische Gesellschaft ihre koloniale Vergangenheit und der damit ver-bundene Rassismus eingeflossen, der moderne Kapitalismus ist auch aus einer jahrhundertlangen Kolonialgeschichte heraus entstanden. Gerade die Schichtung der Arbeiterklasse verläuft auch entlang dieser historischen Linien - insofern sind Rassismus und Kolonialgeschichte unentwirrbar mit der Klassenstruktur verflochten und als Konsti-tutionsmomente der Arbeiterklasse relevant. Wird aber der Rassismus in den Vordergrund gestellt, versperrt er den Blick auf das ihm zugrundeliegende Ausbeutungsverhältnis. Deshalb beharren die französischen Genossen darauf, zunächst den sozialen Charakter und die ökonomischen Grundlagen der Revolte zu begreifen. Nur auf dieser Basis kann die Rolle des Rassismus eingeschätzt werden, was aber noch aussteht.

    Die Revolte in den Banlieues hatte einen rein negativen Charakter. Eine Verbesserung der eigenen materiellen Situation stand nicht auf der Tagesordnung, im Gegensatz zu früheren Revolten gab es nicht einmal Plünderungen als Form direkter Umverteilung. Anders als das traditionelle Proletariat verfügen die Bewohner der Elendsquartiere über keine nennenswerte Produktionsmacht, über kaum eine Möglich-keit, die kapitalistische Gesellschaft durch Streiks zum Erlahmen zu bringen oder gar durch die Aneignung der Produktionsmittel aus den Angeln zu heben. Die Nichtexistenz einer politischen Repräsentation der Revoltierenden macht es den Politikern aller Couleur zumindest schwer, sie zu integrieren. Ob die parlamentarische Linke wie bei früheren Riots versuchen wird, Forderungen, die von den Revol-tierenden nie aufgestellt wurden, zur Verbesserung ihrer eigenen Position im Wahlspektakel der bürgerlichen Gesellschaft ins Spiel zu bringen, bleibt abzuwarten. Dies kann den Bewohnern der Elends-quartiere egal sein, da es an ihrem Los nichts grundsätzlich ändern würde. Wollten sie aber etwas grundsätzlich ändern, so wäre der rein negative Charakter der Revolte in die bestimmte und bewußte Negation dieser Gesellschaft zu überführen. Es reicht nicht, die Revolte als Ausdruck des herrschenden Elends zu konstatieren, also als etwas, zu dem die Umstände die Revoltierenden zwangen und immer wieder zwingen. Die zukünftigen Revolten müssen diese Umstände bezwingen das aber kann unmöglich Sache der Bewohner der Elendsviertel al-lein sein, die von der Produktion des materiellen Lebens weitestge-hend ausgeschlossen und so noch viel enteigneter sind als alle an-deren Teile des Proletariats. Wie unsere französischen Genossen be-richteten, hat die Revolte nicht nur Auswirkungen auf die herrschende Politik gehabt, sondern auch auf die Gespräche in den Fabrikhallen. Diese anderen Proletarier standen der Revolte vielleicht mit Sympathie aber tatenloser gegenüber, meist aber wohl eher mit Gleich-gültigkeit oder sogar mit Angst. Denn schließlich steht ihnen mit den Banlieues und ihren Bewohnern die extremste Möglichkeit ihrer eigenen Zukunft als Drohung beständig vor Augen, und die Revolte hat dies wieder auf grellste Weise zu Bewußtsein gebracht. Und doch sind es nur graduelle Unterschiede in der Enteignung, die sie voneinander trennen. Dies erkennbar gemacht zu haben, lag auch in der Revolte. Die Produzenten brauchen die Wut und die Wütenden die Produktion. Nur so könnte sich der Aufstand als Vorbote kommender Kämpfe erweisen - wie die Straßenschlachten auf der Piazza Statuto in Turin 1962, die Unruhen in Watts 1965 oder die Revolten Anfang der 90er Jahre in den Banlieues.

    Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft, März 2006



    Postskriptum:

    Inzwischen treffen sich einige Leute in Montreuil, einem Vorort von Paris, „um Informationen auszutauschen, Aktionen vorzubereiten und die Isolierung zu durchbrechen". Sowohl kleine Solidaritätsdemonstrationen als auch die Präsenz bei Gerichtsverhandlungen werden organisiert. (Kontakt: mailto:reunionmontreuil@no-log.org)

    Inhaltsverzeichnis


    Das Wesen der Revolte


    „Die Arbeitgeber und der Staat können und wollen nicht mehr zahlen. Niemand denkt an die Idee, dass sie verschwinden könnten. Die Kinder der Vororte, diese Palästinenser des triumphierenden Spektakels, wissen, dass sie nichts zu verlieren und nichts zu hoffen haben von der Welt, so wie sie sich entwickelt." (Vorwort zur Neuauflage 1995 von "De la misère en milieu étudiant")

    Wer hat bloß die Verteidigung der Aufständischen in den Banlieues unternommen, in den Worten, die sie verdienen?
    Wir werden es tun.


    Die Armut, die in den Banlieues herrscht, die Arbeitslosigkeit, die stän-digen polizeilichen Übergriffe, die mehr als prekären Lebens-bedingungen und der Rassismus haben die Bedingungen einer beispiellosen Konfrontation mit dem Staat zusammengebracht. Die Flammen, die die Ghettos verwüsteten, symbolisieren die plötzliche Attacke gegen den Staat, sei er nun repressiv oder eine Anstalt angeblich sozialer Betreuung. Die Attacken gegen die Schulen, die Polizei und die sozialen Einrichtungen sind gezielte und keine blinden Akte gewesen. Sie zeigen ein steigendes Bewusstsein, das nichts mit vorschnellen soziologischen Urteilen anfangen kann. Diese "Jugendlichen" sind ein Teil des Proletariats ohne Zukunft, das nicht auf die falsche Perspektive einer Integration (aber in was?) hereinfallen kann. Denn wie soll man glauben, dass die Aufständischen noch das kleinste Wohlwollen gegenüber den so genannten sozialen Einrichtungen haben, deren einziges Vorrecht es ist, die soziale Misere zu regulieren? Man kann sicher über die fehlenden finanziellen und personalen Mittel des Staates debattieren, aber vor allem gilt es zu bemerken, dass diese Vermittler, Hilfsorganisationen und "großen Brüder" vor allem Hüter des sozialen Friedens sind. Sie sind für die Jugend das, was die Gewerkschaftsbürokratie für die Arbeiter ist, ein Mechanismus zur Integration ins Ausbeutungssystem. Muss man jene, die sich über eine in Brand gesteckte Schule empören, daran erinnern, dass diese nur eine Illusion ist, darin Religion oder Politik folgend? Es ist schon verwunderlich festzustellen, dass die Institution Schule nicht in den selben Sack gesteckt wurde wie die anderen Unter-drückungsmittel, die auf die revoltierenden Vororte niederprasseln. Dass die Legende der Integration über die Schule (Education nationale, staatliches Bildungssystem) nicht mehr funktioniert und in Flammen endet, ist ein erfreulicher Aspekt der Revolte. Diese revoltierenden Jugendlichen haben sich daran erinnert, dass ihre Schulbänke aus Holz sind und ein schönes Flammenmeer abgeben würden, nichts lo-gischer als das, da die so gelobte Chancengleichheit nur eine Täuschung ist. Im übrigen wundert man sich über die brennenden Autos, dabei sollte man sich über diese heilsamen Gesten freuen! Sie haben Hunderte, die täglich den Verkehrsunfällen zum Opfer fallen, vor dem Tod gerettet oder vor langen, langweiligen und beschissenen Arbeitstagen. Was die Arbeit betrifft, kann die einstimmige Antwort der Politiker nicht täuschen: Unterdrückung durch Arbeit ab vierzehn, und wenn das nicht reicht, Gefängnis. Von diesen Versprechen wird ausnahmsweise eins gehalten werden, das zweite natürlich, denn Arbeit gibt es ja nicht. Diese revoltierten Jugendlichen wollten ihren grauen Alltag beleuchten, dafür müssen sie bezahlen.

    Zu diesen Feststellungen kommen die weniger erfreulichen Reaktionen hinzu, aus jenen Milieus, die hätten fähig sein sollen, das Wesen dieser Revolte zu verstehen. Denn die Angebereien, die von einigen sich in linken oder libertären Kreisen bewegenden Personen formuliert wurden, sind von erbärmlicher Armseligkeit und Kurzsichtigkeit. Kontraproduktiv ist nicht, seinen schäbigen Wohnort abzufackeln, sondern darin nur Aktionen zu sehen, denen "historisches Verständnis" und "objektive Bedingungen" fehlen, und anderes Blabla von Bequemlichkeitsmarxisten, kurz: die Ereignisse nur durch die Medienbrille oder durch überholte Analyseschemata zu sehen. Es scheint auch völlig überflüssig, sich bei Epiphänomenen wie der Inbrandsetzung eines Nahverkehrsbusses aufzuhalten, die ja natürlich durch journalistische Manipulation aufgebauscht wurden. Wem kann man denn einreden, dass in der Französischen Revolution oder der Pariser Kommune, verhältnismäßig gesehen, keine bedauernswerten Handlungen vorkamen?

    Und sollten sich Organisationen oder Aktionsstrategien entwickeln, dann vor allem durch die Revoltierenden selbst. Nehmt eure noch so revolutionären Gewerkschaften, Hilfsorganisationen, eure Aktivisten und andere Samariter der sozialen Sache wieder mit nach Hause! Als Arbeitslose und sozial Fallengelassene drücken wir hier laut und deutlich unsere Solidarität mit der aufständischen racaille (Gesindel) aus. Ein guter Bürgerkrieg ist besser als ein verfaulter Frieden!!!

    Section Cosaques - Jabots de Bois, Nantes, den 18.11.2005


    Inhaltsverzeichnis



    Wortlose Brandstiftungen

    Man hat uns den Islam und den Terrorismus vorhergesagt, aber wir stehen vor der sozialen Frage!


    Anfang November 2005 in Clichy sous Bois, einer armen Arbeiter-vorstadt von Paris: Drei wegen einer Polizeikontrolle erschrockene Jugendliche versuchen, sich in einer Transfomatorenstation zu ver-stecken. Zwei werden vom Strom getötet, und der Dritte erleidet schwere Verbrennungen. Obwohl die Polizisten sehr wohl wußten, wie gefährlich dieser Ort ist, leisteten sie ihnen keine Hilfe und behaupteten, die Jugendlichen seien bekannte Kriminelle, was sich später als falsch erweisen sollte. Dies verursachte in dieser Vorstadt Demonstrationen, die kurz darauf in Aufstände übergingen, die sich rasch in andere Pariser Vorstädte und später über ganz Frankreich ausbreiteten. Die Aufstände dauerten etwa zwei Wochen und flauten ab, kurz bevor die Regierung den Ausnahmezustand ausrief. Diesen Ereignissen folgten verächtliche und aggressive Äußerungen seitens des Innenministers; die Absicht, „die Vorstädte zu säubern", und die Bezeichnung der Jugendlichen als „Gesindel" erregten die Gemüter. Der Tod der zwei Jugendlichen zündete die Lunte.

    Bestandsaufnahme

    Polizeiliche Gewalt und Aufstände in armen Arbeitervierteln sind nichts Neues. Diese durch abscheuliche vertikale Architektur gekenn-zeichneten Schlafstädte, die in den 50er Jahren gebaut wurden, um das Proletariat der Großindustrie zu beherbergen, haben die sozialen Auswirkungen der Wirtschaftskrise, die Deindustrialisierung und die Zunahme der Arbeitslosigkeit erlebt. Unvermeidbar, daß in diesen Vierteln die ärmsten Schichten der Arbeiterbevölkerung, insbesondere mit Migranten-Hintergrund, anzutreffen sind. Oft handelt es sich um Familien, die seit zwei oder drei Generationen in Frankreich ansässig sind (der Großvater eines der im Zuge der polizeilichen Verfolgung getöteten Jugendlichen kam 1938 nach Frankreich), manchmal um Familien, die später kamen und die in prekärer oder sogar illegaler Situation leben. Viele Jugendliche sind französische Bürger, auch wenn deren Eltern es nicht sind. Meistens kommen die verarmten Proletarier aus dem Maghreb, aus der Türkei oder aus Schwarzafrika; manchmal hausen in diesen Vierteln verarmte Proletarier aus Portugal, aus Asien, aus Frankreich selbst oder von sonstwoher. Die Jugendlichen, die fast die Hälfte der dortigen Bevölkerung ausmachen, sind am stärksten von der Arbeitslosigkeit betroffen. Die durchschnittliche Arbeits-losigkeit beträgt dort 25%, aber sie kann in einzelnen Fällen, wie in Clichy sous Bois, wo sich nach dem Tod der zwei Jugendlichen der Aufstand entfachte, 40% erreichen.

    In diesen Armenvierteln nimmt die Krise des öffentlichen Schulsystems extreme Formen an. Unaufhörlich verfallen die materiellen Einrich-tungen, und der Haushalt wird ständig gekürzt. Die meisten Jugend-lichen werden unausweichlich zu „schulischen Versagern". Das Er-ziehungssystem kann nicht mehr als homogen betrachtet werden. Es gibt keine einheitliche öffentliche Schule mehr, sondern viele unter-schiedliche, je nach Reichtum oder Armut des jeweiligen Viertels. Sobald die Revolte begann, schlugen „vernünftige" Stimmen vor, daß die Gelder für die Erzieher, die sich um die Jugendlichen der Vorstädte kümmern sollten, wieder freigegeben werden. Das ist aber eine Legende. Zwar wurde das Budget von den letzten Regierungen um die Hälfte gekürzt, diese Erzieher haben aber nie eine große Rolle gespielt. Hingegen wurde die Unterstützung für Schüler mit Lern-schwierigkeiten ständig zurückgefahren; sie wurden dadurch in die Massenarbeitslosigkeit, in die „Parallelökonomie", in die familiäre Krise geworfen.

    Der repressive Druck auf die Jugendlichen hat in den letzten Jahren zugenommen. Inzwischen sind die polizeilichen Schikanen gewalt-tätiger, aggressiver und permanent geworden; sie zielen darauf, die Individuen zu demütigen und zu erniedrigen. Und dies gilt nicht nur den Jungs: „Wenn ich heute den Müll auf die Straße bringe, achte ich darauf, meine Papiere bei mir zu tragen!", ließ eine Frau wissen. Die Quantität hat eine neue Qualität hervorgerufen, eine neue Ebene wird erreicht, die Art der Repression ändert sich.

    Da das Recht ein für das Funktionieren des Kapitalismus wesentliches ideologisches Gebäude darstellt, kann man daran erinnern, was schon Marx darüber sagte, nämlich, daß die Regierungs- und Rechtsformen der Tendenz nach den Ausbeutungsmodalitäten entsprechen. Eine wildere und gewalttätigere Ausbeutung bewirkt härtere Gesetze und autoritärere Regierungen. So sieht die neuerliche Reform des Straf-gesetzbuchs eine Vervielfältigung der Strafverfolgungen und der Strafen vor. Der Anwendungsbereich ist, wie die letzten Ereignisse bestätigt haben, verschwommener geworden: Je nach Gegend oder Person kann jede Tat als Delikt gedeutet werden, und wenn kein Tatbestand vorliegt, kann man leicht einen konstruieren. Das Paradebeispiel sind die Strafen wegen des „Versammlungsverbots in Treppenhäusern von Gebäuden". Diese neue Situation hat zu einer permanenten Angst vor Kontrolle und Polizei geführt. Ziel der Staats-macht ist es, den Jugendlichen die Gebäude oder Viertel streitig zu machen, die sie als ihre eigenen Orte betrachten.

    In jeder Gesellschaft nimmt der Rassismus, der dem Kapitalismus und der gesellschaftlichen Arbeitsteilung wesentlich anhaftet, spezifische Formen an. In Frankreich wird er durch die koloniale Geschichte und durch die Konflikte der Entkolonisierung geprägt. Später hat die Stellung der Einwanderer in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung den Rassismus verschärft und gleichzeitig die soziale Krise verschleiert, indem die Verarmung von Teilen des Proletariats mit dem Migrations-problem vermengt wird. Umgekehrt verweist der Rassismus zwingend auf die koloniale Frage. Die gerade verabschiedete Verordnung, die „Vorzüge" des Kolonialismus in der Schule zu lehren, wurde als eine regelrechte Provokation verstanden. Seien es die kriminellen oder zufälligen Brände in Hotels für Eingewanderte, zu denen es kürzlich kam, oder die reihenweise Räumung von Gebäuden, die die ein-gewanderten Arbeiter besetzt hatten alles verstärkt den Eindruck, daß „es immer dieselben sind, die die Zeche zahlen". Die Jugendlichen aus den Vorstädten fühlen sich als Teil einer inzwischen überflüssig gewordenen Bevölkerung, die nicht zählt, die verachtet und als aussätzig behandelt wird. Aber dieses „Schicksal" erscheint ihnen als untrennbar von ihrem Migrationshintergrund. Der „soziale Rassismus" entsteht aus dem blanken Rassismus und aus dem eigentlichen Wesen des Systems.

    Eine verallgemeinerte Ohnmacht

    Die Revolte hat unter besonderen Umständen und in einer besonderen Stimmung ihren Lauf genommen. Hier äußert sich das Gefühl der Blockade und der Sackgasse, das quer durch die Gesellschaft vorhanden ist. Die aus den Wahlen entstandene Ablehnung der europäischen Verfassung wird z.B. von den vorherrschenden po-litischen Organisationen verachtet und als „Fehler" bewertet. Wenn Mitglieder religiöser oder irgendwelcher anderer Vereine die Ju-gendlichen auffordern, sich am Gemeindeleben zu beteiligen, wird ihnen entgegen gehalten: „Es bringt ja doch nichts!" Eine Demo in Paris, die einige Vereine für ein „Ende der Gewalt" und für eine größere Beteiligung der Jugendlichen an den Wahlen organisierten, wurde zum Flop. Wichtiger ist aber, daß seit 1995 jeder Streik und jede soziale oder gewerkschaftliche Mobilisierung an einer Wand zerschellte. Diese Sackgasse, in der sich die Kämpfe befinden (etwa die der Lehrer oder die Mobilisierung gegen die Rentenreform), wird sowohl in diesen proletarischen Vierteln als auch anderswo als solche wahrgenommen. Die Ohnmacht und das Fehlen jedweder Perspektiven sind charakteristisch für diese Revolte und auch die Merkmale der sozialen Bewegung im Allgemeinen.

    Daß der Staat sich zunehmend von dem Versuch sozialer Integration verabschiedet, ist durch die kapitalistische Krise ebenso bedingt wie der liberale Widerstand gegen die Besteuerung der privaten Profite und des bürgerlichen Reichtums. Die Mittel und dementsprechend der Raum für Reformen sind verschwunden. Die Regierung antwortet vor allem auf der Ebene der Repression. Sie nahm die Gelegenheit wahr, um jede soziale Mobilisierung besser mundtot zu bekommen, indem sie jegliche Ansammlung von Individuen verbieten kann, wenn sie als Gefährdung der öffentlichen Ordnung eingestuft wird. Das Zu-rückgreifen des Premierministers auf ein altes Gesetz (das übrigens während des Algerienkrieges von den Sozialisten unterstützt wurde), um eine Ausgangssperre in den Vorstädten zu verordnen, hat sogar die konservative Presse beunruhigt („Fieberhaftigkeit" war die Schlagzeile von Le Monde). Ein Jugendlicher zu einem Journalisten: „Klar, für sie werden wir immer Araber sein!". Im Großen und Ganzen ermöglichte dieser Ausnahmezustand, die „Problemviertel" zu iso-lieren, sie polizeilich zu besetzen und dort völlig willkürliche Hausdurchsuchungen durchzuführen. Diese Maßnahme unterstreicht die beabsichtigte Identifizierung der „gefährlichen Bevölkerung" mit der „Bevölkerung der Vorstädte" und mit der „eingewanderten Be-völkerung". Seit mehr als zwanzig Jahren wird nämlich die soziale Frage systematisch in eine bequeme Sicherheitsfrage umgemünzt. Wird die soziale Frage zur Sicherheitsfrage, dann darf der Staat die eingewanderten Arbeiter mit Repression und Abschiebung bedrohen, anstatt sie mit sozialen Maßnahmen zu befrieden.

    Aber die gesellschaftliche Konfliktbereitschaft in Frankreich, die tiefe Wut der Ausgebeuteten und das labile politische Gleichgewicht lassen die Regierung etwas zögern. Die politische Klasse und die Kapi-talistenklasse insgesamt scheinen nicht bereit zu sein, einzig den Weg der Kriminalisierung der Armut einzuschlagen, der zur Ausgrenzung und zur Einfriedung der Ausgeschlossenen führt. Immer noch wird der „republikanische" Diskurs über die formelle Chancen-gleichheit propagiert, obwohl jeder weiß, daß er nicht der sozialen Wirklichkeit entspricht. Würde das Fiasko dieser Integrationsideologie eingestanden, so würden implizit das Ende des Reformismus und die Unvermeidbarkeit der Massenarbeitslosigkeit in der Gesellschaft ver-kündet werden. Die ausschließlich auf Repression fußende Option bringt außerdem einige Probleme und Schwierigkeiten mit sich. Denn wie kann eine moderne Gesellschaft mit polizeilich besetzten Städten funktionieren? Das jüngste Beispiel in Perpignan (1) hat die Grenzen solcher Maßnahmen aufgezeigt. Der Einzelhandel wurde durch die polizeiliche Besetzung der Stadt schnell in Mitleidenschaft gezogen, so daß die Ladenbesitzer die Beendigung der Polizeiaktion verlangten. Kurz darauf erwies sich auch die Durchführung der Ausgangssperre in Trabantenstädten als problematisch. In den Vorstädten nördlich von Paris, wo die Arbeiter wohnen, die den Flughafen von Roissy in Gang halten und die nachts dorthin kommen müssen, wurde die Polizei gezwungen, die Kontrollmaßnahmen zu lockern.

    Unterschiede

    Die derzeitigen Revolten stehen weder in direkter Verbindung mit Bandenkriegen noch mit dem Drogengeschäft oder mit der Klein-kriminalität. Dies bedeutet nicht, daß die Banden den Ausein-andersetzungen fern bleiben; die Zugehörigkeit von Jugendlichen zu den Banden mag manchmal die Formen der Aktionen bestimmen. Aber die Belange der „Parallelökonomie" spielten keine Rolle. Außerdem sind Begriffe wie „Parallelökonomie" und „Drogenökonomie" nicht be-sonders hilfreich, um die Lage zu verstehen. Einerseits, weil sie aus dem polizeilichen Vokabular stammen und zu einer Moralisierung der Debatte führen, und andererseits, weil sie kaum meßbar sind. In die-sen Vierteln ist die „Paralleleökonomie" die vorherrschende Über-lebensform und die „Drogenökonomie" genauso wie die Schwarz-arbeit - nur eine ihrer Facetten. Übrigens stützt sich die „Drogen-ökonomie" auf eine rigide Hierarchie und auf eine starke und repressive Macht innerhalb der Viertel. Wie man schon aus ver-gangenen Erfahrungen und nicht nur aus Frankreich - weiß, ent-wickelt die „Drogenökonomie" enge Beziehungen mit der Polizei; Beziehungen, die den inneren Zerfall der Viertel beschleunigen. Langfristig werden sich die Bosse dieses wirtschaftlichen Zweigs auf die Ordnungsseite schlagen, denn die polizeiliche Besetzung stört die Geschäfte. Mit anderen Worten, wenn die parallele (und Drogen-) Ökonomie für die prekarisierten Arbeiter in den Vorstädten ein Mittel zum Überleben darstellt, ist sie kein entscheidender Grund für den Ausbruch von Wut oder von sonst was gewesen.

    Die entfaltete Gewalt ist keine Reaktion auf Gewaltakte von reaktionären oder über Jugendliche verärgerten Bürgern. Abgesehen von einzelnen isolierten „Vorfällen" gab es in den Banlieues keine privaten Abrechnungen. Trotz der Pressekampagne über die „städ-tische Gewalt" konnte die Regierung die Entrüstung der „anständigen Bürger" nicht für sich mobilisieren. Obwohl die Ausgangssperre in den betroffenen Vierteln alle Leute in dieselbe Lage versetzte, schlugen die Ausdrucksformen der Wut sicher des öfteren gegen die Aufständischen um. Dadurch kam es zu Feindseligkeiten und einer zusätzlichen Spaltung innerhalb der Viertel. Kurzfristig hat die politische Macht durch die Gestaltung der „öffentlichen Meinung" daraus Kapital geschlagen. Langfristig hofft sie, diese Verwirrung bei zukünftigen Wahlen für sich zu nutzen.

    In Frankreich ist die Gemeinschaft der verarmten jugendlichen Proletarier nicht zusammengebrochen wie in den USA und nicht nach Ethnien oder Religionen aufgesplittert wie in Großbritannien. Sie benimmt sich immer noch als eine Gemeinschaft von Ausgebeuteten bzw. von Ausgeschlossenen. Revoltiert haben prinzipiell die armen Jugendlichen aus den Arbeitervierteln und nicht nur die Jugendlichen aus eingewanderten Familien. In den Gegenden, wo die Armut einen beträchtlichen Teil der nicht eingewanderten Arbeiterklasse betrifft, wie im Norden Frankreichs, waren viele der Festgenommenen „keine klischeehaften Rebellen", sondern „weiße" Jugendliche. In der Revolte traten auch keine ethnischen Spaltungen auf. Dies ist ein wichtiger Unterschied zu früheren Revolten, wie im Fall von Perpignan. Diesmal handelt es sich um die Revolte einer „sozialen Figur", der des ver-armten Jugendlichen aus der Banlieue. Als sich die Jugendlichen mit der Polizei Straßenschlachten lieferten, äußerten sie ein Solidari-tätsgefühl und die Forderung nach Achtung, die Ablehnung der staat-lichen Verachtung. Der Staat aber gibt die Verachtung der bürgerlichen Klasse und der Reichen gegenüber den jungen verarmten Proletariern weiter. Die jungen Rebellen fordern, nicht als „Kriminelle" behandelt zu werden. Sie haben immer wieder verlangt, daß sich die politische Macht für das Vokabular entschuldigt, das sie verwendet hat, und daß sie Erklärungen über den Tod der zwei Jugendlichen abgibt. Da sie eine repressive Dynamik verfolgte, konnte die Macht nicht nachgeben und sich für den Tod der Jugendlichen und für die offiziellen und durch die Medien kolportierten Lügen entschuldigen. Eine solche Umkehr hätte die Revolte legitimiert.

    Man kann darüber streiten, ob es sich um eine Bewegung im eher traditionellen Sinn handelt oder um eine Bewegung, die sich in ihren Aktionen solidarisch aufeinander bezog, um eine gemeinsame Haltung gegenüber miserablen Lebensbedingungen und gegenüber der staat-lichen Repression zum Ausdruck zu bringen; um eine Bewegung, die Gerechtigkeit fordert und die immer unerträglicheren Zustände ab-lehnt. Innerhalb der Revolte entdeckten die Jugendlichen aus den verarmten Vorstädten ein Gemeinschaftsgefühl. In der Tat sehen wir in den verarmten proletarischen Vierteln eine Revolte, die sich um diese Gefühle, gegen die Polizeikräfte des Staates und die Politiker, gegen die staatlichen Institutionen und seine Symbole und schließlich gegen die Kapitalisten, die von dieser Misere profitieren, indem sie sich in diesen verarmten Gegenden niederlassen, um Steuernachlässe einzukassieren, geschart hat.

    Das Feuer trennt die Jugendlichen von der Schule

    Seitdem es zu Revolten und Krawallen in diesen Vierteln gekommen ist, sind zum ersten Mal sehr junge Leute massiv beteiligt. 600 der rund 4.400 Festgenommenen wurden verurteilt, fast 600 Minderjährige standen vor Gericht und 118 von ihnen landeten im Gefängnis. Die Nichtbeteiligung von weiblichen Jugendlichen an den Revolten wirft ebenfalls einige Fragen auf und weist auf die Über-lebensbedingungen in diesen Vierteln hin. Dort halten sich Mädchen tagsüber kaum auf der Straße auf, und nachts noch weniger. Auch ihre Beziehung zur Schule ist eine andere als die der Jungs. Für die Mädchen ist die Schule ihre einzige Hoffnung, aus diesen Vierteln herauszukommen, und trotz zunehmender Schwierigkeiten ist es für sie leichter als für die Jungs, eine Stelle zu bekommen. Sie werden auch von den „größeren Brüdern" mehr „geschützt", und zwar im positiven wie im negativen Sinn, denn es handelt sich oft um reine Unterdrückung. Man muß darauf hinweisen, daß die Mädchen sich dieser Kontrolle zunehmend widersetzen, oft mit tragischen Kon-sequenzen für ihr Leben. All dies trägt Zeichen religiöser Werte, oft muslimisch, manchmal christlich wie bei der Arbeiterbevölkerung aus Portugal, Martinique, Kap Verde oder Guadeloupe. Die Geschlechter-trennung wurde nicht aufgehoben, sie wurde durch den körperlichen Charakter der Auseinandersetzungen eher verstärkt. Zweifelsohne ein Hinweis auf die Grenzen der Revolten und auf deren Isolierung. Daß die Mädchen nicht in Erscheinung getreten sind, bedeutet dennoch nicht, daß sie der Revolte und ihren Ursachen gleichgültig gegenüber standen. Tatsächlich waren sie in den Solidaritätsaktionen für die Fest-genommenen und vor den Gerichtssälen sehr präsent.

    Das junge Alter der Aufständischen kann man daran erkennen, daß viele Schulen angegriffen, verwüstet und in Brand gesteckt wurden. Natürlich wird die Zerstörung von Schulen oft hervorgehoben, um die Angriffe auf Polizeireviere, Finanzämter und Firmen, die sich weigern, Jugendliche aus den Vierteln einzustellen, zu verschweigen. Bezüglich der zerstörten Schulen konnte sogar ein Bürokrat der Lehrer-gewerkschaft diese Verbindung benennen: „Diese Taten sind sym-bolisch. Es wird oft geglaubt, daß die Schule den sozialen Aufstieg ermöglicht. Sie in Brand zu setzen heißt, daß es so nicht funktioniert. Man wendet sich gegen sie, weil sie enttäuscht hat." Schulen brennen auch, weil ihre soziale Funktion darin besteht, die erste Auslese für die spätere Arbeitsteilung durchzuführen. In diesem Sinne erfüllt die Schule ihren Zweck hervorragend. So sinkt das Durchschnittsalter derjenigen, die in den Banlieues die Schule verlassen, zunehmend. Sie schlagen sich dann von einem Minijob zum nächsten durch. Ein kürzlich verfaßter parlamentarischer Bericht zur „Kriminalitäts-vorbeugung" sieht sogar die Errichtung eines Systems vor, das Kriminalitätstendenzen schon ab der Wiege erkennen soll. Dieser Vor-schlag stellt eher eine Anpassung der öffentlichen Schule an die zukünftige Lage dar als einen Bruch.

    Priester und Islamisten gegen die Revolte

    In diesen Revolten gibt es keinen Hinweis auf religiöse Manipulation. Im Gegenteil, die sozialen Fragen haben die religiöse Unterwerfung verdrängt. Mitten im Ramadan, und entgegen der Erwartungen der Regierung, wurden die Prediger überhört. Unmittelbar nach dem Tod der zwei Jugendlichen in Clichy wurde der Rektor der Pariser Moschee bedrängt. Die bärtigen Männer, die sich zwischen die Polizei und die Jugendlichen zu stellen versuchten, konnten nichts erreichen. Selbst die größte polizeiliche Provokation eine Tränengasgranate wurde vor die Moschee in Clichy geworfen konnte von den Islamisten nicht instrumentalisiert werden. Schlimmer noch, die muslimischen Prediger und Vereine gehörten zu den Ersten, die die Schaffung von „Verteidigungsmilizen" bewilligten. Sie gingen sogar so weit, an man-chen Orten „nächtliche Patrouillen" aufzustellen, um die Jugendlichen zu besänftigen. Einer der wichtigsten islamischen Vereine Frankreichs (die OUIF) machte sich sogar lächerlich, in dem er eine fatwa gegen die Gewalttaten verabschiedete. Selbstverständlich umsonst! Ein islamischer Gelehrter beklagte sich bei einem Journalisten: „Diese Jugendlichen sind Verirrte, die kaum etwa mit der Religion zu tun haben. Begrüßt man sie mit Salam aleykum, antworten sie mit Guten Abend." Wenn der Journalist diese Jugendlichen mit „Guten Abend" begrüßt hätte, dann hätten sie unter Garantie mit „Salam aleykum" geantwortet! Anders gesagt, benutzen die Jugendlichen die religiösen Bezüge als kollektive Anhaltspunkte, als Gegenidentität. Weil die Be-völkerung in den Vororten weiter unter den schlechten Bedingungen und Ausgrenzung zu leiden haben wird, gewinnt die Religion zunehmend an Bedeutung. Die Revolte aber drückte die Ablehnung dieser Lage aus; sie hätte diesem Desaster und dieser Ausgrenzung zu gerne ein Ende bereitet. Damit wird nicht gesagt, daß das Religiöse beseitigt ist. Das Religiöse setzt auf den Rückzug, auf die Identität, die den Mangel an einer auf der sozialen Frage basierenden Gemeinschaft kompensiert. Priester und Prediger warten auf das Ende der Unruhen, um die Enttäuschten und Verletzten einzufangen. Ihre Rolle bleibt unverzichtbar für die Bewahrung der Ordnung, und es steht zu erwarten, daß die Ideologen der Macht den Stellenwert religiöser Institutionen für die Aufrechterhaltung der sozialen Kontrolle überdenken werden.

    Die soziale Frage drückt sich in der Verweigerung aus

    Diese Revolten haben die Misere, die Ungleichheit und die Klassenungerechtigkeit herausgestellt, sie haben also Bilanz des allgemeinen sozialen Desasters gezogen. Soweit man die Beteiligten in den Medien zu Wort kommen ließ, standen die sozialen Fragen im Vordergrund, vor den spezifischen Problemen der Einwanderer und vor den „Rassen"-Problemen, die man verschämt als „ethnische" bezeichnet. Die Fragen, die von der Revolte gestellt werden, beschränken sich nicht auf die Banlieues, sondern betreffen die Dynamik der gesamten Gesellschaft.

    Viele der festgenommenen Jugendlichen haben prekäre, marginali-sierte oder unqualifizierte Minijobs. Das Bild einer „Bevölkerungsgruppe", die sich völlig außerhalb der Arbeitswelt be-findet, trügt. Wie ein bedeutender Teil der Bewohner dieser Viertel gehören sie der Arbeitswelt an: mal als Lohnarbeiter, mal als Arbeits-loser. Die Protagonisten dieser Revolten liefern in der Tat ein Negativ-bild der Verfassung der alten Arbeiterklasse. Einerseits möchten sie dazu gehören. Andererseits ist das Bild, das sie von den eigenen El-tern bekommen, das des Opfers zugunsten des Profits, so daß sie eine massive Ablehnung der Arbeitswelt und der Lohnarbeit ent-wickeln. Nur in diesem Sinne kann man von einem Widerstand gegen die Integration sprechen, eine Integration, die als Anpassung an die heutige Welt empfunden wird. Baudrillard zufolge existiert „die westliche Kultur nur, weil der Rest der Welt danach strebt, zu ihr Zutritt zu bekommen. Beim leisesten Zeichen von Ablehnung oder von Verringerung dieses Strebens verliert sie nicht nur ihre Übermacht, sondern auch ihren Reiz für sich selbst. Und gerade das Beste, das sie anbieten kann, die Autos, die Schulen, die Supermärkte, all das wird in Brand gesetzt oder verwüstet. Die Kindergärten! Genau das, womit wir sie integrieren, sie bemuttern möchten!" Man kann den Ausbruch dieser Revolte als eine gewalttätige und wortlose Antwort auf das Fiasko der alten Arbeiterbewegung und ihrer Institutionen, auf die Niederlage der Arbeiterklasse interpretieren. Diese jungen Proletarier sind lebens-länglich verdammt, sie sind aus der klassischen Lohnarbeit mit stabilen Verhältnissen ausgeschlossen. Gewerkschaften und linke Parteien sind in diesen Vierteln nicht mehr vorhanden, sie haben dort nichts mehr zu vertreten.

    Schlaglichter, Grenzen und Sackgassen

    Die Revolte der heutigen Ausgeschlossenen kann nicht den alten Weg des kollektiven Kampfs gehen, den der Gewerkschaften und Parteien, und noch weniger den der Wahlen. Dieser proletarisierte und margi-nalisierte Bevölkerungsteil der modernen Gesellschaft findet sich nicht in den politischen Schemata der Vergangenheit wieder, die während der Periode kapitalistischer Entwicklung in einem reformistischen Rah-men entstanden sind. Die Grenzen, die Ohnmacht und die Perspektiv-losigkeit dieser Revolten sind bis jetzt die der sozialen Bewegung insgesamt. Diese Revolte deckt sie auf, indem sie sich gegen das Un-erträgliche auflehnt. Nichtsdestotrotz birgt diese Explosion von sozialer Wut eine Sackgasse in sich selbst. Es liegt in ihrer Natur, daß ihre Ver-allgemeinerung vor großen Hindernissen steht, denn diese Revolte ist nicht in der Lage, die Reproduktion der Gesellschaft zu blockieren.

    Viele Kommentatoren haben in dieser Revolte ein enormes explosives Potential ausgemacht. Die kritische Betrachtung einer rebellischen sozialen Bewegung, auch wenn sie wie in diesem Fall beschränkt ist, sucht immer nach historischen Bezügen, nach Vorreitern. Sie versucht, sich das „goldene Zeitalter" wieder anzueignen. So haben manche mit Blick auf '68 darauf hingewiesen, daß der große Unter-schied in der Abwesenheit von sozialer Utopie liegt. Es fehlten auch Übertragungsmomente von der ursprünglichen Bewegung zu anderen sozialen Schichten, die 68 im verallgemeinerten wilden Streik gipfelten. Im Mai '68 übertrug sich die Wut, es gab eine Brücke zwischen Stu-denten und Arbeitern, wobei letztere in der Lage waren, die Gesell-schaft zu blockieren. Angesichts der Klassenverhältnisse und der Kampfbereitschaft der Lohnarbeiter scheint eine solche Ausweitung heute ziemlich unwahrscheinlich, was die Grenzen solcher Revolten unterstreicht.

    Diese Revolten und Aufstände beleuchten auch die Krise der bürger-lichen Politik, die Übereinstimmung des rechten und des linken Lagers. Beide befürworten mit Schattierungen, die die Implementierung be-treffen den Einsatz von „Vereinen" und von „Begleitern" als soziale Feuerwehr in den Vierteln und die Rückkehr zu einer „sanfteren" Polizei (die sogenannte „Nachbarschaftspolizei"). Dieses Vorhaben scheint heute nicht realisierbar zu sein. Eine andere Zukunft mit geringer Arbeitslosigkeit und ohne prekäre Arbeitsverhältnisse hat die Linke nicht anzubieten, denn sie ist den kapitalistischen Erfordernissen verpflichtet. Die Sozialistische Partei hat sogar die „Ausgangssperre" im Namen einer erforderlichen „Rückkehr zu Gesetz und Ordnung" unterstützt. Sie plädierte nur für ihre „zeitliche Beschränkung", indem sie zögerlich gegen ihre dreimonatige Verlängerung abstimmte. Die Kommunistische Partei versucht, die letzte Karte, die sie im Rahmen des Systems einsetzen kann, ins Spiel zu bringen: Manche ihrer Bür-germeister, die die meisten dieser verarmten Vorstädte verwalten, sind für die Jugendlichen die letzten noch gerade akzeptierten Gesprächspartner seitens des politischen Systems (2).

    Diese Ereignisse unterstreichen, wie schwierig es ist, innerhalb von Gesellschaften mit einer spezifischen historischen Kultur nur mit Repression der Überschußbevölkerung der Arbeiter entgegen zu tre-ten. Trotz ihrer Marginalität und ihrer Ausgrenzung sind diese Jugend-lichen von der Geschichte der französischen Gesellschaft geprägt. Sie drücken dies aus, indem sie sich auf Werte wie Gleichheit und Gerech-tigkeit berufen. Aber es wäre übertrieben zu behaupten, daß es sich um „eine sehr französische Bewegung" handelt. Es ist eher eine Bewe-gung der Ausgegrenzten, die sich in aufgebrachter Weise auf tief verwurzelte Werte der französischen Gesellschaft beruft. Auf diesen Werten basiert die Ideologie der formellen Demokratie und des ver-gangenen Reformismus. Vielleicht könnte die Forderung nach Gleichheit einen neuen Charakter bekommen. Hier liegt die Erklärung für den Eindruck, den die Ereignisse auf die herrschenden Eliten anderer euro-päischen Länder hinterlassen haben. Nach dem französischen Nein zur europäischen Verfassung war die Revolte ein zweiter Schock.

    Die offenen Fragen der Revolte

    Sind die Werte, die sich in dieser Revolte ausdrückten, im wesentlichen die barbarischen Werte des Systems? Die der Gewalt und der Ausgrenzung, die man oft in den Banden der Viertel wiederfindet? Zugegeben, diese Jugendliche haben „Nein" gesagt, aber sie haben zu nichts Konkretem „Ja" gesagt. Es gibt aber in dieser Bewegung Werte, die dem System fremd sind. Könnte man nicht in der nach-drücklichen Forderung nach Achtung, nach dem Ende der Erniedrigung, nach der Abschaffung der Rassismen, die für die Ausbeutung benutzt werden, nach sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit die Elemente eines Drangs, eines Verlangens nach einer anderen Gesellschaft erkennen? Es gab auch die Ablehnung der Klassenverachtung und der Lüge, ei-nen politischen Blick auf die eigene Lage, und schließlich gab es Soli-darität. Letztere äußerte sich bei den Bewohnern der Banlieues vor allem in der Zurückweisung der Repression, der Erniedrigung, der Lüge und der Verachtung. Und in der Tat wurden die Aufrufe der Polizei zur Denunziation nicht befolgt. Sicher ist ein solches Verhalten nicht frei von Zwängen, die in jeder Gemeinschaft herrschen... Andererseits kann man auch feststellen, daß es keine massive Zustimmung für die Rebellen gab. Der Ausnahmezustand wurde im Großen und Ganzen geduldet, ohne daß Unzufriedenheit kundgetan wurde. Dies belegt, daß das Verständnis der Leute für die Revolte noch lange nicht eine Zustimmung zu den gewählten Aktionsmitteln einschließt. Schließlich: War den Aufständischen bewußt, daß sie den Staat bekämpfen? Auf jeden Fall verliehen sie ihrer Wut und ihrer Ablehnung der staatlichen Institutionen wie Polizei, Schulen und sozialen Dienste Ausdruck. Andererseits war es die staatliche Repression, die die Revolte zeitlich und räumlich vereinheitlicht hat.

    Von Interesse ist die Revolte der Jugendlichen aus den Trabanten-städten vor allem wegen der Krise, die sie verkündet, und nicht so sehr an sich. Denn und darin liegt ihre Tragik nichts in den Lebensbedingungen dieser Jugendlichen enthält Zukunftsperspek-tiven oder die Aufhebung ihrer Misere. Auf sich selbst gestellt, können sie sich nur negativ gegenüber dem System behaupten. Anders gesagt besteht das Hauptproblem darin, daß ihre Revolten und Krawalle Ausdruck ihrer Isolierung gegenüber dem Rest der Gesellschaft und vor allem gegenüber anderen Ausgebeuteten sind. Wir wußten schon, daß Resignation und Passivität zu den hervorstechenden Merkmalen unserer Zeit gehören. Die Jugendlichen haben uns daran erinnert und es unterstrichen.

    Die Revolte an sich hat keinen emanzipatorischen Inhalt. Wie man aus der Geschichte weiß, könnte sie auch faschistische politische Formen annehmen. Aber auch hier fällt der Vergleich flach. Denn der heute mögliche Faschismus, der wie jede andere Form von Reformis-mus noch zu bestimmen ist, weiß mit diesen verarmten und ausgegrenzten jungen Proletariern nichts anzufangen. Ein Jugendlicher formulierte einem Journalisten gegenüber diesen sinn-reichen Ausspruch: „Wir haben keinen Haß, wir haben die Revolte!". Und solange es Revolte gibt, gibt es Hoffnung. Denn ohne Revolte gibt es keine mögliche Subversion. Die Umsetzung dieser Möglichkeit hängt aber ab von historischen Umständen, von der gesamt-gesellschaftlichen Lage.

    Charles Reeve, Dezember 2005


    Anmerkungen
    (1) Im Sommer 2005 haben sich in Perpignan zwei arme Bevölkerungs-gruppen, Maghrebiner und Sinti und Roma, Straßenschlachten geliefert, nachdem ein Junge marokkanischer Herkunft von einem jungen Sinti ermordet worden war. Die Auseinandersetzungen zwischen beiden Gruppen – auf dem Hintergrund von politischer Manipulation seitens des Bürgermeisters (seit Jahren sind Sinti und Roma seine Stammwähler) – dauerten einige Tage und führten zu einer mehrwöchigen Besetzung der Stadt durch die Polizei.
    (2) In den Vierteln und Städten, wo die modernen Mittelklassen vorherrschen, blasen auch die kommunistischen Bürgermeister in das Horn der üblichen Sicherheitspolitik und betreiben Räumungen und die Margi-nalisierung der illegalen Einwanderer, so wie gerade in Montreuil geschehen.


    Editorische Notiz:

    Dieser Text wurde im Rahmen des Zeitschriftkollektivs Oiseau-tempête diskutiert und verbessert, wobei jedoch Meinungsverschiedenheiten zutage traten. Einige waren mit dem Text einverstanden, andere dagegen äußerten Kritik an verschiedenen Aspekten. Zusammen mit anderen Texten über die Revolten in den Banlieues wird er Anfang 2006 in der Nr. 13 von Oiseau-tempête erscheinen. Kontakt: Oiseau-tempête, 21 ter, rue Voltaire, 75011 Paris, http://oiseautempete.internetdown.org

    Inhaltsverzeichnis



    Vom Mahl aus Schutt und Asche zur Satinglut


    Kein Morgen mehr,
    Satinglut,
    Euer Feuer Ist die Pflicht.

    (Arthur Rimbaud, Une saison en enfer)

    Die vielfältigen Äußerungen der Banlieue-Bewohner, ob aufständisch oder nicht, die von der Presse wiedergegeben wurden, trafen angesichts der Krise, die sich gerade in ihren Siedlungen manifestiert hatte, den Nagel auf den Kopf und ließen einen ungewöhnlich hoch entwickelten Grad an Klarsicht erkennen. Das Phänomen der „Müll-kippen-Siedlungen" ist derart klar und massiv, dass niemand sich darin täuschen kann, außer man will dies aus mehr oder weniger schänd-lichen Gründen tun. Man rührt hier an einen Sachverhalt, den die kapitalistische Gesellschaft, wenn sie schon nicht verhindern kann, dass man ihn begreift, auf keinen Fall ändern kann. Jede „Verbes-serung" würde eine Transformation vom Grunde auf voraussetzen, die sich als unvereinbar mit der ureigensten Natur dieser Gesellschaft zeigt. Daher ist es absurd, in dem Moment von der „Schaffung neuer Arbeitsmärkte" zu sprechen, in dem sie in allen industrialisierten Ländern mit größter Geschwindigkeit verschwinden. Oder von der „Erhöhung des Entwicklungsstandes der Individuen", während die entwickelteren Individuen mehr und noch schwerer zu befriedigende Bedürfnisse und Wünsche hätten und als solche in der Lage wären, ihre Wut auf vielfältigere und ansteckendere Weise auszudrücken. Oder davon, „die Berufsausbildung zu verbessern", während die Ausbildung keine Beschäftigung schafft und man so schlichtweg noch spezialisiertere Arbeitslose hat als zuvor etc. Man kann nicht das Los einer Bevölkerung „verbessern", die verdammt ist durch die Bewegung des Werts (d. h. durch die ökonomisch notwendige Verknappung der menschlichen Arbeit und durch die Notwendigkeit, nur noch weit entfernte und wenig kostenintensive Arbeitskräfte auszubeuten) und durch die „politischen Ideen", die über die Verewigung des Ersteren wachen („Ideen", die keine Ideen mehr sind, und „Politiker", die kein Recht mehr haben, Ideen ihr eigen zu nennen, da jede wahrhaftige Idee notwendigerweise vom business plan der „Gesellschaft", d. h. des Kapitals, abrücken würde). Wenn es etwas gibt, was diese dauerhaften und unantastbaren Sackgassen beweisen, dann wohl dies, dass es nicht mehr die Frage ist, die Gesellschaft zu ändern, sondern nur noch, sich eine andere zu schaffen.

    Wenn die Dumpfbacke Ségolène Royal (1), die niemals ihren Horizont eines Bobo (2) aus dem sechsten Arrondissements verlassen hat, vorschlägt, den Wehrdienst wieder einzuführen, „um die jungen Leute anzupassen und zu strukturieren", und Chirac ein solches Bidet ritt-lings besteigt, zeigt dies, welche Gipfel des strategischen und gesell-schaftlichen Denkens das politische Personal zu erreichen trachtet. Fügt man dem noch die generelle Abschiebung von jedem hinzu, der nicht so blond, so groß und so langschädelig ist wie Nicolas Sarkozy (3), hat man schon den Rundgang durch die „Lösungen von morgen" beendet. Und sie sind haargenau dieselben, die man, seit einigen Jahrzehnten eines Fassadenhumanismus, übereinstimmend als die Lösungen von vorgestern betrachtete.

    Die erzwungene Hellsichtigkeit der Bevölkerung und die notwendige Lüge des „politischen" Personals werden so zu den Antipoden an einer immer länger, immer gespannter und immer brüchiger werdenden Front: eines sich verschärfenden Systemwiderspruchs. Dieses vielver-sprechende Ergebnis wird allerdings durch zwei Umstände einge-schränkt, die in dem besonderen Charakter der aufständischen Sphäre einerseits (die Schwarzen und die Araber) besteht, wie auch in den begrenzten oder bornierten Zielen, die sich diese Sphäre vornimmt (will man mit dem System der Ware oder bloß mit seinen Ungleichheiten brechen, von denen man nicht verstanden hat, dass sie ihm immanent sind?). Dies sind die beiden Faktoren, die seit Jahren die Entwicklung der Aufstandsbewegungen hin zu einem Beginn der Revolution ver-hindern, Faktoren, die in der Tat darauf hinauslaufen, diese Entwicklung in ihr Gegenteil zu verkehren: in die unmögliche Suche nach Inte-gration, oder schlimmer, in einen zivilen Konflikt zwischen Teilen der Gesellschaft. Die von den verschiedenen „Politikern" verteidigten Tak-tiken zielen stets auf die eine oder andere dieser Überlebens-perspektiven für das herrschende System ab.

    In einem derartigen Kontext ist es die vordringlichste Aufgabe der theoretischen Kritik, im Rahmen ihrer Mittel diese beiden Hindernisse anzugreifen: Das Gegeneinander „ethnischer" Gruppen ist zu redu-zieren (aber anders als durch den lachhaften und oberflächlichen Anti-Rassismus), und die Unmöglichkeit einer allgemeinen „Inte-gration" ist aufzuzeigen (die Produktion menschlichen Abfalls ist vom System der Ware nicht zu trennen, und schon gar nicht von seiner ak-tuellen Spätphase). So könnte die theoretische Kritik dazu beitragen, dass in den sich ankündigenden kommenden Konflikten ihr begrenzter (4) Charakter sich auflösen würde.

    Die Medien und andere Inhaber des öffentlichen Wortes haben natürlich schon bis zum Überdruss die nicht wünschenswerten Folgen der „blinden" Gewalt auf die Gesamtheit der Bevölkerung hervor-gehoben, die ihres Busses und des Arbeitsortes beraubt wurde, ihr Auto eingeäschert wiederfand oder mitten in der Nacht von der CRS (5) oder der Feuerwehr geweckt wurde. Was kann man aber über so etwas sagen, ohne in einen sterilen Moralismus zu verfallen, der für sich allein schon eine Art geistiger Ausgangssperre wäre?

    Das herrschende System ist einerseits nicht mehr, wie zur Zeit des Ancien Régime oder des starken Nationalstaats, ein zentralisiertes System, das einen „Sitz der Macht" darstellt, gegen das die aufständischen Bauern mit Mistgabeln und Sensen in der Faust marschieren müssen. Es ist nicht mal mehr ein Netz von Fabriken, das die Produzenten blockieren oder sich aneignen können. Es ist zu einer diffusen Ordnung geworden, die allgegenwärtig in Erscheinung tritt, dem Warenwert gleich, der sich durch alle Momente des ökonomischen Zyklus hindurch konstituiert (durch die Produktion, die Zirkulation und die Konsumption der Waren), in der die Menschen ohne Anstellung, und vor allem ohne Einkommen, vor sich hin vegetieren. Die Offensive gegen dieses System trifft es folglich überall an, und zwar genau so gut in einem Supermarkt wie in einer Schule, in einem Gebäude der Öffentlichen Hand wie in einem Festsaal, in den Automobilen wie in den anderen Transportmitteln; und so erscheint es, zumindest nach dem Ereignis, leichter zu verstehen, dass, welches dieser Ziele man sich auch vornimmt, dies in jedem Fall Unannehmlichkeiten für Dritte hervorrufen wird. Es gibt kaum einen zugänglichen Ort mehr, an dem ausschließlich die Macht behindert oder angegriffen werden könnte.

    In den Trabantenstädten, in die das Marktsystem die Nachkommen derer, die es vor vielen Jahrzehnten während seiner industriellen Expansion kommen ließ und deren schlecht bezahlter Arbeitskraft es bedurfte, die nunmehr beschäftigungslosen Araber und Schwarzen abschiebt, hat die Jugend nicht die geringste Aussicht darauf, in der so hoch gepriesenen Normalität des Marktüberlebens zu landen. Und unter diesen Bedingungen, aus denen die Punks lang ist's her bereits ihre Schlussfolgerung gezogen hatten („no future"), ist es il-lusorisch, von dieser Masse der Hoffnungslosen eine „konstruktive" Strategie zu erwarten.

    Dieses System, das auf allen Stufen seines nationalen wie internationalen Funktionierens auf Gewalt beruht, hat wie niemals zuvor und nach Jahrzehnten der Warenorgien das Bild der Gewalt als einziges Ventil für einen jeden propagiert, um sich dann gegenwärtig nicht schlecht zu wundern, dass die Öffentlichkeit ihre Lektion gelernt hat. Nachdem die Warenwirtschaft den Verfall der Individuen, aus dem allein sie ihren Gewinn schöpft, willentlich herbeigeführt hatte, hat sie es wie kein anderes System der Herrschaft zuvor verstanden, den objektiven und materiellen Bedingungen des Elends seine subjektiven und mentalen hinzuzufügen. Und dies, um massenweise Individuen herzustellen, die absolut der Möglichkeit beraubt sind, sich und sei es auch nur in der allerweitesten Bedeutung dieses Wortes zu humanisieren. Und offensichtlich wird das System, das diese Neo-Menschen produziert hat, eines schönen Tages unvermeidlich auf seinem Wege wieder auf sie treffen. Nun, wenn es sie nicht will, dann muss es sich selbst abschaffen. Was es paradoxerweise festzuhalten gilt, ist vielmehr, dass objektive Verschlechterungen von subjektiven Verbesserungen begleitet werden, wie es in jedem offen ausge-tragenen Konflikt geschieht, und dass es nach Lage der Dinge für diejenigen, denen man jede Macht, und also auch jede Macht, sich als Subjekte zu konstituieren, verweigerte, einzig durch die Infragestellung der herrschenden Ordnung möglich ist, zu den Be-dingungen ihres Menschseins zu gelangen. Im Aufstand gegen die Abwesenheit des Lebens haben die jungen Banlieue-Bewohner nicht gezeigt, dass sie menschliches Strandgut sind, sondern im Gegenteil, dass sie nicht darauf reduziert werden wollen. Und angesichts eines solchen Projekts und einer solchen Notwendigkeit wird nur ein Depp beklagen, dass dabei einige syntaktische Fehler begangen wurden.

    Entgegen dem, was sie behaupten, hätten die Medien, die jenen famosen „Wilden der Banlieues" auf Schritt und Tritt folgten, feststellen können, dass man in keiner anderen Sphäre der Gesellschaft, vom allerjüngsten Alter an, in der Lage ist zu einem derart klaren und begründeten Verständnis der Gesellschaft, des Ursprungs dieser Unruhen und ihrer politischen Ausschlachtung, die die Macht vornehmen will, der Funktion des Rassismus als unerlässlichem Faktor des sozialen Friedens (der ethnische Krieg als Ablenkung vom Klassen-kampf). Auf ausgesprochen deutliche Weise bewahrheitet sich so, dass solche Zusammenstöße zu verstehen erlauben, dass das Spek-takel, wie es von ihm zu erwarten war, ein verkehrtes Bild dieser Be-völkerungen aufstellt. Es staffiert sie als den Popanz des „verantwortungsvollen Bürgers" aus und sucht um jeden Preis zu ver-meiden, dass ein Dialog beiden Seiten (dem Ghetto und der Stadt) ein besseres gegenseitiges Verständnis des Elends erlaubt, nicht des partikularen Elends, an dem einige leiden (an der Armut, an einem von allem enteigneten Überleben, an der Nicht-Teilhabe am öko-nomischen Zyklus), sondern des universellen Elends, woran alle leiden (an der Notwendigkeit zu arbeiten und an der Unterwerfung unter die Diktatur der Ökonomie). Und dieses Verständnis wäre heute die ernsteste Bedrohung für das System. Fast nirgends findet man unter den jungen Aufständischen diese Faszination für die Gewalt, diesen Geschmack an der Brutalität und diesen jeden Gedankens beraubten Nihilismus, aus denen in der herrschenden Bilderwelt das Arsenal der Aufständischen besteht und die die Ware in Zeiten des „sozialen Friedens" sich zu fördern bemüht. Und gerade diese angeblichen „Barbaren" scheinen vom Respekt besessen zu sein, von jener zivilisierten Eigenschaft also, die sie nirgends vorfinden und als grundlegend abwesend in einer „Gesellschaft" erfahren, die aus Fabriken, Supermärkten und Polizeipräfekturen besteht. Ihnen gegenüber drückt sich überall letztlich nur der alte Hass der Etablierten auf die gefährlichen Klassen aus, der von den Medien wach gehalten wird, auch um dem immer proletarisierteren, aber außerhalb der Banlieues lebenden Teil der Bevölkerung klar zu machen, dass angesichts dieser Barbaren die „einfachen Leute" und die „Privilegierten" einen gemeinsamen Feind haben, gegen den sie, zum großen Glücke, der Staat verteidigen wird (und hierin spielen die Banlieues auf nationaler Ebene die gleiche spektakuläre Rolle, wie auf internationaler der Terrorismus). Des Weiteren wird dann, womit man auch schon rechnen musste, die Radikalität des Zorns, der sich äußert, von Bush mit den Machenschaften Bin Ladens und von Putin mit einer tschetschenischen fünften Kolonne gleichgesetzt worden sein, womit man den unwiderleglichen Beweis für den absoluten Mangel an Seriösität des Sprachgebrauchs der verschiedenen Mächte erhalten wird. Auch die Place Beauvau (6) hätte gerne die Illusion geschürt, dass es sich um durch Drogenhändler oder islamistische Fundamentalisten hervorgerufene Unruhen gehandelt hätte, während diese beiden Kooperationen erwiesenermaßen nichts mehr verabscheuen, als die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich zu ziehen und ihre Netzwerke zu entschleiern. Niemand unter den Besitzern der offiziellen Lüge kann akzeptieren zu sehen, worum es sich in Wirklichkeit handelt: um eine durch die bestehende Ordnung klar bestimmte Negation, um den unverkennbaren Ausdruck des sozialen Ausschlusses, der der Bewegung des Kapitals inhärent ist.

    Die Repressionsmaßnahmen, die sich in aller Strenge ankündigen, werden nur die Politik der Verachtung, die bereits weitgehend am Ursprung des Konfliktes stand, bestätigen; und auf diese Weise die Wiederholbarkeit des Phänomens vorbereiten. Die polizeiliche Verbissenheit im Reinzustand hat den schlechten Geruch von 1905: Sie beweist, dass die herrschende Klasse nichts anderes mehr in Erwä-gung ziehen will, und dass sie keinerlei Kompromiss mit der Wahrheit mehr eingehen kann. Eingeklemmt zwischen einer gesteigerten inter-nationalen Konkurrenz, dem gewinnsüchtigen Wunsch, trotz allem ihre Profite zu steigern, und der obligatorischen Verwaltung der nicht mehr zu beschäftigenden proletarischen Reserve, sucht sie jede Gelegenheit, sich dieser letzteren zu entledigen. Da die Abschiebung aller kaum denkbar ist, wird sie eine andere, kaum weniger inhumane Vorgehensweise finden müssen. Man kann ihr vertrauen: es wird keine Gefechtspause mehr geben.

    Les Amis de Némésis, 13. November 2005


    Anmerkungen
    (1) Anmerkung der Übersetzer (AdÜ): Sozialistische Abgeordnete und Regionalpräsidentin von Poitou-Charentes, die momentan als Präsidentschaftskanidatin der PS sehr hoch gehandelt wird.
    (2) AdÜ: Bobo: ein durch einen gewissen David Brooks kreierter Neologismus, der sich aus Bohèmien und Bourgeois zusammensetzt und „die neue Elite des Informationszeitalters" bezeichnen soll. Er soll sich dadurch auszeichnen, wird uns gesagt, dass in ihm zusammenkommt, was bisher als unvereinbar galt. „Reichtum und Rebellion, beruflicher Erfolg und eine nonkonformistische Haltung, das Denken der Hippies und der unternehmerische Geist der Yuppies." „Der `bourgeoise Bohemien'", so heißt es weiter, „ist ein neuer Typus, der idealistisch lebt, einen sanften Materialismus pflegt, korrekt und kreativ zugleich ist und unser gesellschaftliches, kulturelles und politisches Leben zunehmend prägt." Ein rechter Scheißtyp also und folglich ist „Bobo" auch nur pejorativ zu verwenden.
    (3) AdÜ: Der derzeitige französische Innenminister, der mindestens genauso blond ist wie weiland Goebbels.
    (4) Jenseits dieser aufgezeigten Grenzen ist hingegen auf die bemerkenswerte Fähigkeit hinzuweisen, sich in allergrößter Geschwindigkeit auszuweiten, welche diese Revolte in Frankreich _ selbstredend, aber auch in ihrer Ansteckung im Ausland gezeigt hat.
    (5) AdÜ: Compagnie Républicaine de Sécurité (französische National- und Bereitschaftspolizei).
    (6) AdÜ: Das französische Innenministerium.


    Editorische Notiz:

    Der französische Originaltext Du dîner de cendres aux braises de satin findet sich auf der Website der Amis de Némésis: www.geocities.com/nemesisite/emeutes.en.France.htm

    Inhaltsverzeichnis



    Novemberballade


    „Die ganze Nacht hindurch traf man in verschiedenen Vierteln von Paris ein höchst zwielichtiges Gesindel [racaille] an, eine organisierte Unterwelt, die jeden infiziert, der sie akzeptiert, und erst recht jeden, der sie fördert."
    (L'Humanité - Tageszeitung der KPF, 26. Mai 1968)


    Das Stadtviertel als Modell der „neuen Weltordnung"

    Die Revolte in den französischen Banlieues ist ein Ereignis mit weltweiten Dimensionen. Noch nie seit der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals bestand eine solche Übereinstimmung und Verschlingung zwischen der Organisation der Gewalt und der Ökonomie wie heute, wo der Unterschied zwischen Krieg und Frieden, zwischen Polizeieinsätzen und Kriegen zu verschwinden beginnt. In den brasilianischen Favelas, den Gefängnissen der Vereinigten Staaten, den Banlieues der großen Metropolen wie der kleinen Städte, den Freihandelszonen Chinas, den ölproduzierenden Regionen am kaspischen Meer, im Westjordanland und in Gaza ist der Krieg der Polizei zur sozialen, demographischen und geographischen Regulation der Verwaltung, Reproduktion und Ausbeutung der Arbeitskraft geworden.

    Die Produktion des relativen Mehrwerts erschafft sich eine Welt nach ihrem Bilde, in der keine der konservierten oder produzierten Besonderheiten sozialer, historischer oder geographischer Art die beständige Reproduktion des Kapitals und seiner Voraussetzungen behindert. Globalisierung heißt nicht einfach, daß sich etwas über die ganze Welt ausbreitet; sie ist eine spezifische Struktur der Ausbeutung und der Reproduktion des Kapitalverhältnisses.

    Die Reproduktion des Kapitals, die sich an einen mehr oder weniger begrenzten nationalen oder regionalen Raum heftete, verliert diesen kohärenten Bezugsrahmen. Der Staat sicherte den Zusammenhalt dieser Reproduktion ab, indem er vom dominanten Pol der wechselseitigen Verstrickung von Proletariat und Kapital ausging (der den anderen subsummiert), er war der Garant dieser Verstrickung, was man als Sicherung des „sozialen Kompromisses" bezeichnete. Das Prinzip dieses Verlusts der Kohärenz gründet in der Spaltung zwischen dem Verwertungsprozeß des Kapitals und der Reproduktion der Arbeitskraft.

    Die Verwertung des Kapitals entflieht „nach oben" in den globalen Zyklus des Kapitals, auf das Niveau der Investitionen, des Produktions-prozesses, des Kredits, des Finanzkapitals, des Marktes, der Zirku-lation des Mehrwerts, der Ausgleichung des Profits, des Rahmens der Konkurrenz.

    Die Reproduktion der Arbeitskraft entflieht „nach unten". Im „besten" Fall findet eine Entkoppelung von Lohn und Produktivität statt; der Sozialstaat wird zum einheitlichen und allgemeinen Vor-Käufer der Arbeitskraft auf Minimalniveau und drückt ihren Wert im Fall ihres individuellen Verkaufs. Im schlimmeren Fall: Selbstversorgung, lokale Solidarität, Parallelökonomien. Alte soziale Zusammenhänge werden neu erschaffen, indem die Religion den jeweiligen Umständen entsprechend neue Bedeutungen des Zusammenlebens erhält. Diese Situationen schließen sich nicht gegenseitig aus. Das Kapital ist gegenüber der gesellschaftlichen Form gleichgültig geworden. „Die da unten" haben das Recht auf teilnahmsvolle polizeiliche Hilfe, und „die noch weiter unten" auf humanitäre Militäreinsätze. Wo die Interessen der Industrie, der Finanz und der Arbeitskraft räumlich verbunden waren, kann sich eine Trennung zwischen der Verwertung des Kapitals und der Reproduktion der Arbeitskraft durchsetzen.

    Der Raum der umstrukturierten kapitalistischen Welt is tauf allen seinen Ebenen in „fraktale" Zonen unterteil: Welt, Kontinente, Länder, Regionen, Metropolen, Stadtviertel. Auf jeder Stufe fügen sich verschiedene Zonen ineinander: ein „überentwickelter" Kern; Zonen, die sich um mehr oder weniger dichte kapitalistische Kerne gruppieren ; krisenhafte Zonen unmittelbarer Gewalt, die sich gegen den „sozialen Müll" richtet; Ränder, Ghettos und eine unterirdische Ökonomie, die von verschiedenen Mafiagruppen kontrolliert wird.

    In einer solchen „neuen Weltordnung" kommt der Unterscheidung zwischen Krieg und Polizeieinsätzen keine große Bedeutung mehr zu. Die gegenwärtige Umstrukturierung ist eine andere räumliche Orga-nisation der Reproduktion des Kapitals und eine andere Organisation der Gewalt. Die Formen der Interventionen sind disziplinarischer Natur. Auch wenn das entscheidende Ergebnis des Produktionsprozesses die Reproduktion des Gegensatzes von Proletariat und Kapital ist, ist es nicht selbstverständlich, dass aus diesem Gegensatz ipso facto das erste Moment des Austauschs zwischen dem Kapital und der Arbeit (Kauf-Verkauf der Arbeitskraft) entsteht. Im „Zentrum" wie in der „Peri-pherie" wurden diese Unterscheidungen auf allen Stufen zunichte ge-macht, die Situation der Arbeitskraft ist grundsätzlich die gleiche: Sie existiert gegenüber dem Kapital als allgemeine gesellschaftliche Ar-beitskraft. Doch während sie in den entwickelten Regionen global gekauft und individuell gebraucht wird, findet dieser globale Kauf in den neuen Peripherien nicht statt. Daher die Bedeutung der Diszi-plinierung der Arbeitskraft im Angesicht eines Proletariers, der als Proletarier wieder zum Armen geworden ist.

    Allerorten wird ein System der Repression installiert, das auf einer engen Abstimmung zwischen der Organisation der Gewalt und der Ökonomie basiert. Es handelt sich um die globale und demographische Verwaltung der Arbeitskraft. Die Repression ist permanent; nicht über-all, aber überall möglich: bewaffnete Friedenseinsätze, Polizei-einsätze, humanitäre Missionen. In den französischen Banlieues ha-ben wir den Vorschein dieser neuen Welt gesehen.

    Sagten Sie "Forderungen"?

    „Es tritt hiermit offen hervor, daß die Bourgeoisie unfähig ist, noch länger die herrschende Klasse der Gesellschaft zu bleiben ... Sie ist unfähig zu herrschen, weil sie unfähig ist, ihrem Sklaven die Existenz selbst innerhalb seiner Sklaverei zu sichern, weil sie gezwungen ist, ihn in eine Lage herabsinken zu lassen, wo sie ihn ernähren muß, statt von ihm ernährt zu werden." (Marx/Engels, Manifest der kommunistischen Partei). Die Proletarier können fordern, ernährt zu werden statt zu ernähren, doch die Bourgeoisie wird immer versuchen, einen solchen „Verfall" zu verhindern.

    Polizeiliche Kontrolle der Arbeitslosen; Kürzungen bei den Arbeits-ämtern und der Sozialhilfe; eine Arbeitslosigkeit weit über dem nationalen Durchschnitt; die Streichung von Fördergeldern für alle „legitimen" Formen sozialen Lebens; Verschlechterung der Woh-nungen des Verkehrssystems; schulische und urbane Ghettoisierung; permanente Bullenschikanen; ethnisierte Segmentierung des Arbeits-markts; Produktionsverlagerungen innerhalb Europas und weltweit, die für die prekäre und unterbezahlte Arbeitskraft selbst eine unsichere Zukunft zu einer Illusion machen. Dieser Hintergrund des „Elends" in den Banlieues wurde in den vergangenen Monaten durch eine Flut von Maßnahmen und Erklärungen weiter verdunkelt, die, so provokativ sie sind, nur deutlich machten, auf welche Weise man künftig das „Soziale" handhaben wird. So konnte Bernard Thibault erklären: „Man hat keine Transparente gesehen, und sicher keine Gewerkschaftsfahnen, aber es geht durchaus um die Frage der Beschäftigung, um die Mittel zum Leben und um die Würde." Jacques Chirac antwortete mit einer ganzen Reihe von Versprechungen auf diese Forderungen, leere Worte oder wirkungsvolle Ankündigungen … Man darf Bernard Thibault oder Jacques Chirac nicht für Esel halten, wenn sie in der Revolte Forderungen ausmachen, denn genau das ist der Fall. Daran ändert auch die Gewalt nichts: Mit dem Gewehr kann man Lohn fordern (s. die Bergarbeiter von Harlan County) (1), gesell-schaftlichen Lohn, Sozialhilfe, bezahlte Praktika und warum nicht auch wirkliche Arbeitsplätze. Wer sagt, der Kampf habe absolut nichts mit Forderungen zu tun gehabt, überläßt sich einem radikalen Enthusiasmus und stellt sich freiwillig blind.

    In den aktuellen Kämpfen stellt sich tatsächlich die Frage der Forderungen. Diese Revolte geht zwar von Forderungen aus, die aber an sich selbst problematisch geworden sind. Forderungen aufzustellen oder alles anzugreifen, was uns bestimmt, sind nicht länger Alter-nativen, die sich gegenseitig ausschließen. Eine Vorstellung von Kämpfen, die an dieser Revolte einseitig das Aufstellen von For-derungen ablehnt, ist gegenwärtig ebenso obsolet geworden wie die spiegelbildliche Vorstellung, die das gesamte Ereignis auf diesen Aspekt reduziert. Schon seit geraumer Zeit läßt sich der Kampf für Forderungen nicht mit den großen gewerkschaftlichen Bataillonen identifizieren, mit der wechselseitigen Legitimation der organisierten Arbeiterklasse und des Kapitals als Nährboden der Arbeit. Seit langem ist der Kampf für Forderungen nicht mehr der Königsweg für den Machtgewinn der Arbeiterklasse, die sich selbst bestärkt und sich ver-einigt, um die Zukunft der Welt zu werden. Für die Kapitalistenklasse wiederum ist es innerhalb eines nationalen, „fordistisch" genannten Akkumulationsprozesses nicht länger legitim, für Forderungen zu streiken. Der Widerspruch zum Kapital einerseits, der Forderungen einschließt, und die Selbstinfragestellung als Klasse andererseits sind jetzt strukturell verschränkt. Für uns besteht kein Zweifel, dass die Arbeitslosen, die „Ausgeschlossenen" Proletarier sind, dass ihr Ver-hältnis zum Kapital durch den Widerspruch der Ausbeutung bestimmt ist, dessen wesentliches Ergebnis darin besteht, das Verhältnis zwischen freier Arbeitskraft und potentiellem Kapital zu reproduzieren.

    Während des Streiks bei ACT in Angers im Dezember 2002/Januar 2003 werden drei Fabrikationslinien wieder in Betrieb genommen, doch die fertigen Produkte werden verbrannt. Die Fabrik ist besetzt, aber niemand weiß mit welchem Ziel. Ebenso nimmt man dem Kampf bei Cellatex (2) seine ganze Bedeutung, wenn man ihn als „selbst-mörderisch" bezeichnet. „Selbstmörderisch", weil die autonomen Formen des Klassenkampfs nicht mehr zum Einsatz kommen, die ein letztes Mal mit den Koordinationen der 80er Jahre aufgeflackert sind. Wenn der Kampf bei Cellatex ausgehend von seinen Forderungen über den gewerkschaftlichen Rahmen hinausgegangen ist, dann be-stätigte er damit, daß das Proletariat ohne das Kapital nichts ist. Darin lag die Stärke dieses Kampfes, die nicht auf eine Autonomie des Pro-letariats hindeutet, sondern auf seine Negation, die von Forderungen ausgeht und darin die Notwendigkeit entdeckt, über sie hinaus-zugehen. Cellatex und die Banlieues sind vollkommen unterschiedliche Fälle, denn die Einheit des Proletariats kann nur darin bestehen, dass es mit seiner Abschaffung als Klasse beginnt, und doch sind sie identisch. Wenn es sich jeweils um eine unvergleichliche Dynamik handelt, dann ist es sinnlos und proklamatorisch, auf dieser Grundlage auf die Einheit der Klasse zu hoffen oder - schlimmer noch - lauthals an sie zu appellieren. Im Kapital, d.h. in sich selbst, stoßen die Prole-tarier auf nichts anderes als die Trennungen, die durch die Lohnarbeit und den Tausch entstehen und durch keine organisatorische oder politische Form und durch keine Forderung überwunden werden können. Das Proletariat an sich ist nichts, aber ein Nichts, das voll von gesellschaftlichen Verhältnissen ist, was dazu führt, dass das Proletariat gegen das Kapital keine andere Perspektive hat als sein eigenes Verschwinden.

    Wir sind zu der Auffassung gelangt, dass Forderungen nicht mehr einen Widerspruch zwischen Proletariat und Kapital herstellen, in dem sich das Proletariat auf sich selbst als Klasse gegen das Kapital beziehen kann. Forderungen sind nicht mehr das, was sie einmal waren. Sie stellen nicht mehr eine Beziehung zum Kapital her, die es dem Proletariat erlauben würde, in sich selbst seine Basis zu finden, seine wirkliche Konstitution, seine wahre Wirklichkeit, auf der Grundlage einer Arbeiteridentität, die von der Reproduktion des Kapitals in ihren historischen Modalitäten bestätigt würde. Entsprechend verschwindet auch die Unterscheidung zwischen offensiven und defensiven Kämpfen. Diese Unterscheidung war mit dem programmatischen Problem des Machtgewinns der Klasse verbunden. Das Proletariat erkannte das Kapital als seine Daseinsberechtigung an, als seine ihm selbst gegenüberstehende Existenz, als einzige Notwendigkeit für seine Existenz. Muss man die Revolte in den Banlieues als „offensiven" Kampf betrachten, weil sie eine Verbesserung der Situation der Arbeitskraft forderte oder weil sie sich gegen alles wendete, was die Rebellierenden im Gefüge dieser Gesellschaft definiert? Oder muss man sie als defensiv betrachten, da sie auf eine offensichtliche Verschlechterung der globalen Repro-duktion der aktiven und der überschüssigen Arbeitskraft reagierte? Was das Verhältnis der gegenwärtigen Kämpfe zur Kommunisierung betrifft, so besteht es darin, dass im Zuge des Kampfes das Handeln als Klasse als Grenze der Aktivität der Klasse erkannt wird, so dass der Einsatz des Kampfes darin besteht, sich selbst als Klasse in Frage zu stellen. (…)

    Das Proletariat sieht, wie sich seine Existenz als Klasse in der Repro-duktion des Kapitals objektiviert, als etwas ihm Fremdes, das es in Frage stellen will. Trivialerweise spielt sich dies in einer Situation ab, in der die Rebellierenden sagen können „wir wollen Arbeit und wir sind bereit, dafür das Viertel in Brand zu stecken", während sie ganz genau wissen, dass diese Arbeit eine „Drecksarbeit, die mit Almosen bezahlt wird" ist, die man nicht haben will, dass es keine gibt und dass es für sie auch keine andere geben wird.

    Die Rebellierenden des November 2005 haben nicht „Drecksarbeit, die mit Almosen gezahlt wird" gefordert (sie haben ohnehin ihre Eltern selten in kontinuierlicher Arbeit gesehen), auch keine sozialen Zentren, keine Kulturhäuser, keine „demokratische Schule" oder „bürgernahe Polizei". In einer Situation, in der es um Forderungen geht, haben sie diese Forderungen in einen Angriff auf ihre Situation verwandelt. Von der Schule über Verkehrsmittel, Polizeistationen, Sozialstationen und Arbeitsämter bis hin zu einigen Fabriken haben sie alles angegriffen, was sie hervorbringt und definiert.

    Aber selbst wenn die Aufständischen die Ursachen ihrer Revolte ablehnten, da sie nichts forderten, ohne gleichzeitig ihre eigenen Be-dingungen anzugreifen, haben sie diese nicht überschritten. Die Bewegung ist (bis jetzt) als Bewegung der Banlieues steckengeblieben. Sie ging von einer besonderen Situation aus (grob gesagt: schulischer Mißerfolg, Arbeitslosigkeit, Prekarität, rassifizierte Nischenwirtschaft, Zukunftslosigkeit, Verwahrlosung der Wohngegend, Segregation, Ghetto…), aber sie verstand es, sich nicht darin einzuschließen und die Eigentümlichkeiten dieser besonderen Situation auf die Stufe allgemeiner Bestimmungen zu heben. Die Bewegung schaffte es, den allgemeinen Charakter dieser besonderen Situation nach oben zu kehren, aber sie trat nicht aus ihrer Besonderheit heraus. Auch wenn die ganz überwiegende Mehrheit der Auf-ständischen Nachkommen maghrebinischer, schwarzer, türkischer, etc…. Einwanderer waren, so war der Aufstand nie ein arabischer, schwarzer oder türkischer, dessen Feind die „Weißen", die „Franzosen" oder die „Gallier" gewesen wären. Die Forderung nach Integration auf die französische oder kommunitaristische Art war ein Rohrkrepierer bevor sie richtig in Mode kam. Während vor einem Jahr, in einer „ruhigen" Phase, in den Banlieues die Synagogen brannten, haben diese Jugendlichen, die den Journalisten zufolge „Intifada spielten", ihnen keine Beachtung geschenkt. Nur ein einziges Haus Gottes wurde angegriffen. Die Aufständischen des November nahmen den Faden der Kämpfe Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre wieder auf, als SOS Racisme [staatsnahe sozialdemokratische Antirassismus-orga-nisation] gestützt auf die Erstarrung der Klassenkämpfe und ihre Niederlage am Ende eines Kampfzyklus' ihnen noch nicht erklärt hatte, man müsse gegen den Rassismus kämpfen und nicht gegen die Segmentierung des Arbeitsmarktes und alles, was ihren Kampf rassifizierte. Wenn es uns nicht vergönnt war, den x-ten netten Marsch der beurs [Nordafrikaner] nach Art von Mitterand zu erleben (wie 1983, zu einem Zeitpunkt, als Mauroy und Deferre [damalige Gallionsfiguren der sozialistischen Partei] die Streikenden in der Automobilindustrie als von den Ayatollahs manipulierte Nicht-Franzosen behandelten), so sind uns auch die Grenzen der wesentlich interessanteren Conver-gence 84 [Mobilisierung der Eingewanderten im Jahre 1984] erspart geblieben.

    Beispielhaft war die damalige Bewegung in dem Maße, wie sie sich zwar an „Gleichheit" und „neuer Staatsbürgerschaft" orientierte, sich aber selbst bewusst war, wie unzureichend diese Forderungen sind und was sie kaschieren: „Wir wissen, dass Rechtsgleichheit im Sinne der Staatsbürgerschaft nichts anderes bedeutet, als die sozialen Ungleichheiten zu fordern, die die französische Gesellschaft bereits durchziehen und sonst nichts!... Aber der Fortschritt der Gleich-heitsidee wird die gesamte Gesellschaft erfassen und auch die dis-kriminierten Schichten ,im Inneren der französischen Gesellschaft' mobilisieren" (Der Sturm auf die Gleichheit, Hg. von den Initiatoren der Convergence 84, Edition Mélanges 1985). „Wir stammen aus einer Schicht, die man im Keller der Gesellschaft angesiedelt hat, deren Lebensumstände man nicht verstehen, deren seelische Verfassung man nicht wahrnehmen will. Wir fordern deshalb unsere Rechte: die Rechte, die uns auf das Niveau von anerkannten Bürgern bringen. Auf dem Wege dahin haben wir gelernt, dass das Untergeschoß größer ist als wir dachten und es dort Dinge gibt, die wir nicht kannten. Wir haben Bürger kennengelernt, die ungleicher als andere waren. Diese fordern ebenso ihre Rechte: Manchmal die gleichen wie wir, manchmal auch nicht. Wir haben verstanden, dass es sich dabei um ihren Anteil an der Gleichheit handelt, wie unsere Rechte unseren Teil darstellen. Wir haben uns gesagt, dass diese verschiedenen Kämpfe ihre und unsere sich stärken und deshalb zusammenfinden müssten, um die Gleichheit breiter durchsetzen." (Ebd., „Aufruftext") Die Initiatoren der Bewegung unterstrichen selbst, dass in ihrem Aufruf das Wort „Rassismus" kein einiges Mal auftaucht, denn „wir dachten, wenn man ständig den Rassismus wiederkäut, verdunkelt man am Ende die wirklichen Probleme." Wenn man jedoch ständig die Gleich-heitsforderung wiederkäut, werden die wirklichen Probleme ebenso verdunkelt.

    Die Initiatoren dieser Bewegung meinten, es gebe nichts als „soziale Ungleichheiten", die sich aus diversen Ungleichheiten zusammen-setzten, gegen die man auf rechtlicher Ebene kämpfen könne: „formel-le" Ungleichheiten. Die Existenz dieser Ungleichheiten ist unleugbar, unerträglich und es gibt tausend Gründe, gegen sie zu kämpfen. Aber Gleichheit zu fordern bedeutet, die Neutralität der Justiz, der Polizei, der Schule, der Unternehmer, der Raumplanung, des Staates usw. zu fordern; es bedeutet zu fordern, „der Keller" solle durch diese Institu-tionen wie „die Obergeschosse" behandelt werden, deren Institu-tionen sie doch sind. Die Ungleichheiten wurden zum Gegenstand des Kampfes und partikularer Forderungen, die nach einer Lösung auf ihrer Ebene verlangten, auf der Ebene der Gleichheit und der Staatsbürgerschaft. So transformierte sich ein absolut notwendiger Kampf gegen die Ungleichheit in eine Litanei demokratischer Forderungen ohne die Grundlage dessen, wogegen er sich richtete, auch nur im Geringsten anzukratzen (die Existenz der Klassen, die Ausbeutung, die allgemeinen Reproduktionsbedingungen der Arbeitskraft und ihrer Segmentierung). Man einigte sich auf eine „Lösung", die so tat, als existierten die Ungleichheiten einfach für sich.

    Man könnte behaupten, dass die Aufständischen des November gefor-dert haben, als „normale Proletarier" behandelt zu werden. Doch der universelle Charakter der Bewegung (eines ihrer wesentlichen Merk-male, das sie von den städtischen Unruhen seit dem Anfang der 1980er Jahre unterscheidet), ihre Integrationskraft und ihre Überwindung der Rassifizierung der Arbeitskraft und der Trennung zwischen Be-schäftigten, Arbeitslosen und Prekären all das zeigt, dass sie das normale Proletariat darstellen, in dem die „anderen" kein ab-getrenntes Segment bilden. Im November dieses Jahres sind die Ungleichheiten reale Ungleichheiten geblieben, für die es als solche keine Lösung gibt, da sie zur Funktionsweise des Systems gehören. Insofern ging es nicht mehr um Ungleichheiten. Alle Welt spricht von Ungleichheiten, aber der Kampf selbst hat sich nicht auf dieser Ebene bewegt, nicht in seinen Zielen, seinem Verlauf oder dem Bewusstsein, das er von sich selbst hatte. (…)

    Mit der Ausbreitung der Prekarität, der Flexibilität und all den Formen befristeter Verträge sind Arbeitslosigkeit und Lohnarbeit nicht mehr, wie während der „goldenen Nachkriegsjahrzehnte", klar geschieden. Die Segmentierung der Arbeitskraft verwandelt sich in ihren globalen Kauf durch das Kapital und in die Vernutzung jeder individuellen Arbeitskraft nach den punktuellen Bedürfnissen der Verwertung. Dieser globale Kauf modifiziert von Grund auf den Sozialstaat, der allerdings deshalb nicht verschwindet. Er segmentiert sich ebenfalls, um die permanente Beschäftigungsfähigkeit der Gesamtheit der verfügbaren Arbeitskraft zu sichern, er kümmert sich nicht mehr nur um die beschäftigte Bevölkerung, sondern auch um die Beschäftigungsrate und die allgemein verfügbare Bevölkerung. Das ist der Übergang von Welfare zu Workfare. Dies stellt zwar einen offensichtlichen „Rückschritt" vom Standpunkt der erworbenen Rechte dar, ist aber auch eine Ausweitung des Sozialsystems: allgemeine Krankenversicherung, staatliche Berufseingliederungszuschüsse, staatlicher Beschäftigungszuschuss. Diese Ausweitung ist in den angelsächsischen Ländern viel fortgeschrittener. Der Sozialstaat zieht sich nicht zurück, um dabei im Grunde der gleiche zu bleiben, vielmehr stellt sein „Rückzug" eine grundlegende Veränderung des Arbeits-marktes und der Organisation der Arbeit dar.

    Die Arbeitskraft wird also von vornherein als Eigentum des Kapitals veranschlagt, nicht nur formell (der Arbeiter hat immer schon der ge-samten Kapitalistenklasse gehört, bevor er sich an dieses oder jenes Kapital verkaufte), sondern auch real, da das Kapital ihre individuelle Reproduktion selbst außerhalb ihrer unmittelbaren Vernutzung bezahlt, die für jede einzelne Arbeitskraft zufällig ist. Das Kapital hat sich nicht plötzlich zum Philanthropen verwandelt; in jedem Arbeiter reproduziert es etwas, das ihm gehört: die Gesamtproduktivkraft der Arbeit, die nun außerhalb und unabhängig von jedem einzelnen Arbeiter und selbst ihrer Summe existiert. Umgekehrt wird der Lohn der produktiv benutzten Arbeitskraft, der ihr individuell bezahlt wird, nicht durch die jeweiligen Erfordernisse ihrer Reproduktion bestimmt, sondern als Teil der Gesamtarbeitskraft (...) So besteht eine Tendenz zur An-gleichung von Arbeitseinkommen und Arbeitslosenunterstützung.

    Der Kampf im November 2005 hat sich sehr genau auf diese Um-strukturierung bezogen, insofern er die Schlupflöcher des Systems „zum eigenen Profit" auszunutzen versuchte. In seinem Verlauf und seinen Zielen, durch die Überwindung der rassifizierten Segmen-tierung der Ausbeutung in den Banlieues und in der Art und Weise, wie er sich auf die Beschäftigten und die „Beschäftigungs-perspektiven" bezogen hat, hat er sich auf Anhieb auf das aktuelle Niveau der Ausbeutung gestellt. Deshalb bewegte sich der Kampf im November 2005 von vornherein auf einem höheren Niveau als die englischen Riots des Sommer 1981, auch wenn er nicht deren Ausmaße hatte.

    Die Gewalt dieser Riots zeugte davon, wie schwierig es für den eng-lischen Kapitalismus war, einer doppelten Notwendigkeit nachzu-kommen: das Ghetto von Arbeitslosigkeit und Sozialunterstützung aufzulösen und gleichzeitig die Rigidität der Arbeiterklasse zu brechen. Alle Instanzen der Reproduktion der Arbeitskraft gerieten in die Krise und wurden angegriffen: Familie, Schule, Sozialversicherungssysteme, Stadtplanung, der Sozialstaat ebenso wie die privaten Formen des Liberalismus, um nur die städtischen Einrichtungen zu nennen. (…) Die laufende Umstrukturierung wurde von den Aufständischen auf dem Niveau der Reproduktion der Arbeitskraft angegriffen. Diese Umstrukturierung der Reproduktionsbedingungen der Arbeitskraft konnte der allgemeinen Bewegung der Verwertung noch abstrakt gegenüber gestellt werden, deren Element sie eigentlich doch bilden. (…)

    25 Jahre später in Frankreich hat die Umstrukturierung ihren Lauf genommen, die Arbeit kann nicht mehr von der Reproduktion getrennt werden. Kämpfe um die Reproduktion der Arbeitskraft sind unmittelbar Kämpfe um ihre Anwendung und Ausbeutung. Die kommunitaristische Antwort Thatchers ist heute in Frankreich nicht mehr möglich (auch wenn man es versuchen wird), nicht nur weil das französische Kapital nicht den Handlungsspielraum hat, den das Finanzkapital damals Großbritannien zubilligte, sondern vor allem, weil das Verhältnis zwischen der kontinuierlichen Reproduktion der gesellschaftlichen Arbeitskraft und ihrer Integration in den Produktionsprozess eine solche Lösung (einerseits Reproduktion durch den Staat, andererseits durch die Arbeit) nicht mehr erlaubt, die selbst in Großbritannien an ihre Grenzen stößt.

    Die ganze Schwierigkeit der Analyse dieser Revolte faßt sich in einer Formel zusammen, die auf den ersten Blick unsinnig erscheinen könnte: Die Besonderheit ihrer Allgemeinheit.

    Der allgemeine Charakter der Revolte in einer besonderen Form

    Wenn die migrantischen Jugendlichen in äußerster Weise das Verschwinden der gesellschaftlichen Grundlagen der „alten Arbeiterbewegung" darstellen (dem CGT-Gewerkschaftssekretär Thibault paßt daran nicht, dass er selbst ihr nicht mehr angehört), und wenn sich umgekehrt in ihnen nicht nur die gegenwärtigen Bedingungen der Ausbeutung verdichten, sondern damit zugleich deren Auflösung, dann stellen sie als eben „jugendliche Immigrantenkinder aus der Banlieue" diesen allgemeinen Inhalt in besonderer Form dar. Dieser allgemeine Inhalt der Revolte steht im Gegensatz zu ihrer besonderen Form (die man kennt und abbilden kann und die kategorial gesehen von einer klassenmäßigen Bestimmung zu einer ordnungspolitischen übergeht). Darin besteht die ganze Ambivalenz der Aufstände: Sie sind eine Infragestellung der eigenen Existenz und reißen sich von ihr los, aber diese Existenz wird selbst noch als besondere Kategorie vor einer allgemeinen Auflösung der bestehenden Verhältnisse gefasst. Wenn der Staat auf diesem Niveau antwortet, ob mit Repression oder Versprechungen, ist er keineswegs völlig „neben der Spur". Die Antwort des Staates bewegt sich auf dem Niveau dieses allgemeinen Inhalts. Der Ausnahmezustand (der um drei Monate verlängert wurde) ist nicht nur eine Ansage mit Blick auf die Wahlen oder eine Folge des Patts zwischen De Villepin und Sarkozy, sondern auch eine Warnung an das gesamte prekarisierte Proletariat. Die Reproduktion des Verhältnisses zwischen Arbeitskraft und Kapital wird zu einer Frage der Disziplinierung.

    In den Kämpfen hat sich ein Amalgam aus jungen Franzosen migrantischer Herkunft, legalen oder illegalen Immigranten und völlig prekarisierten Jugendlichen aus der alten Arbeiterklasse gebildet. Dieses Amalgam greift die Immigrationspolitik an, die den Rechtsstatus der Immigranten verschlechtern oder sogar gänzlich beseitigen will, um die Spaltungen zu vertiefen. In einem Moment, in dem das permanente Aufenthaltsrecht nicht mehr den aktuellen Verwertungs-bedürfnissen des Kapitals entspricht, in dem die Staaten ein Rotations-system in der Einwanderung zu etablieren versuchen und die Migra-tionspolitik im Einklang mit der Reform des Sozialstaates neu orga-nisiert wird, zeigen die Aufstände, dass die Unsicherheit der Normal-zustand der Arbeiterklasse ist. Die noch „geschützten" Bereiche der Beschäftigung sollen nicht verschwinden, aber sie tragen ihren Sinn nicht mehr in sich selbst und sind nur noch ein besonderes Segment in der allgemeinen Segmentierung der Arbeitskraft. Die Globalisierung der Arbeitskraft ist, im Gesamtzusammenhang der Umstrukturierung begriffen, nichts weiter als die am weitestgehenden entwickelte Form des Verschwindens der Arbeiteridentität. Man muss sich nur die völlige Verwirrung der Fossilien von Lutte Ouvrière [trotzkistische Partei] anschauen, die in ihrer Zeitschrift vom 18. November 2005 den Staat dazu auffordern, alle Maßnahmen zu ergreifen, um die Arbeiterklasse von annodazumal wieder zum Leben zu erwecken und so der „blinden Gewalt" (ein Ausdruck, der bis zum Erbrechen wiederholt wird) Einhalt zu gebieten. Obendrein rufen sie alle echten Arbeiter, Lehrer und Sozialarbeiter dazu auf, sich „zwischen entflammte Autos und Polizeibesetzung" zu stellen.

    Die Aufstände haben die heutige Situation des Proletariers enthüllt und angegriffen (…) Aber die Ablehnung, diese weltweit prekarisierte Arbeitskraft sein zu müssen, wird dort sofort widersprüchlich und anachronistisch, wo die Forderung lautet, „normaler Proletarier" sein zu dürfen. Dieser normale Proletarier nämlich ist im Verschwinden begriffen und die Unterdrückung der Ghettos drückt nichts als die Verallgemeinerung ihres Inhalts aus. Die Arbeiterklasse, zu der sie gern gehören würden, ist in ihrer eigentlichen Form schon gestorben (abgeschafft worden) und das wissen sie.

    Alle Kämpfe des Proletariats entspinnen und entwickeln sich jedoch in den Kategorien der Reproduktion und der Selbstvoraussetzung des Kapitals. Der Klassenkampf existiert nur in „überdeterminierter" Form, eben weil er Klassenkampf ist. Es ist ein programmatischer Traum, dass sich die Klasse aus ihrer wechselseitigen Verstrickung mit dem Kapital löst, in einer selbstbestimmten Reinheit affirmiert und für sich selbst fortbesteht. In diesem „mehr", dieser „Überde-terminierung" steckt kein Mangel oder Verfälschung, es ist vielmehr die Existenz und die Praxis der Klasse, wie sie besteht. Es handelt sich dabei um die wechselseitige Reproduktion von Proletariat und Kapital, in der immer das Kapital das Proletariat subsummiert, das wiederum ausgehend von den durch die Reproduktion des Kapitals definierten Kategorien agiert. Dadurch existiert der allgemeine Inhalt der Aufstände nur in einer besonderen Form, die keine bloße Hülle ist, sondern vielmehr die einzige mögliche Existenz dieser Aufstände. Diese Partikularisierung hat sich dabei in den Phänomenen der Banden, der räumlichen Begrenztheit der Aktionen und einer gewissen Kontinuität zwischen Aufständen und „gewöhnlicher Delinquenz" noch verschlimmert. (…)

    Der Inhalt wird nur dadurch allgemein, dass ein Teil ihn ausdrückt und innerhalb der gesamten Arbeiterklasse Konflikte hervorbringt. Die allgemeine Dimension ist nicht quantitativ, sie ist auch nicht unter dem Geröll der Erscheinungen versteckt, sie beinhaltet Diskonti-nuitäten und historische Brüche, sie entwickelt sich. Auch wenn der „etablierte" Teil der Arbeiterklasse seine Existenzberechtigung nicht mehr in sich selbst trägt und nur einen Aspekt der Zersetzung der Arbeitskraft darstellt, kann er in den Aufständischen nur seine eigene Destabilisierung erblicken.

    „Über die Widersprüche im Volk"

    Wir haben bereits betont, dass Forderungen und die Infragestellung der eigenen Existenz durch die Proletarier im gegenwärtigen Ausbeu-tungsverhältnis verschränkt sind. Diese Verschränkung und die Tat-sache, dass der allgemeine Inhalt der Bewegung in einem besonderen Teil der Arbeitskraft existiert, verleihen der Infragestellung der eigenen Position durch die Proleten einen perversen Effekt. Das Proletariat wendet sich nicht nur gegen seine eigene Lage (gegen das, was es ist und nicht länger nicht sein will), weil sein Dasein ganz und gar außerhalb seiner selbst im Kapital besteht; es besteht auch ein innerer Gegensatz im Proletariat. Das Proletariat gerät nicht nur mit der eigenen Existenz in Widerspruch, indem es sich gegen das Kapital stellt, sondern auch in inneren Konflikten.

    Der Grund dieser Konflikte besteht nicht im Gegensatz von „Stabilität" und „Prekarität", sondern vielmehr in der massenhaften sozialen Verletzbarkeit (um eine Formulierung von Robert Castel wieder aufzu-nehmen): Die Verschlechterung der sozialen Existenzbedingungen (Lebensstandard, Versicherung, Zukunftsangst), die Konkurrenz in der Arbeit, die Vernichtung der Aufstiegshoffnung (für sich selbst und seine Kinder), die Furcht vor sozialer Deklassierung, die Hoffnung und die Enttäuschung, die sich mit der Ausbildung verbindet. All das muss sich nicht zwangsläufig rassistisch verdichten: Die „Bedrohung" kommt weniger von den immigrierten Eltern in der Fabrik, auf dem Feld, auf der Baustelle oder selbst auf dem Arbeitsamt, sie kommt eher von ihren Kindern, die „draußen" sind. Nicht der zugewanderte Arbeiter mit 25 Jahren Arbeit auf dem Buckel ist der Spiegel der allgemeinen sozialen Verletzbarkeit und der „Deklassierung" des Proletariats, sondern die Jugendlichen der zweiten oder dritten Generation, die diese Rolle der „Aussätzigen" teilweise annehmen oder für sich reklamieren. Diese Jugendlichen bürden den anderen Kindern und ihren Familien das größte aller Risiken auf, indem sie die Strategien des sozialen Aufstiegs auf der Arbeit, der Schule oder im Wohnviertel zerstören. Man gesteht ihnen zwar trotzdem zu, dass ihre Revolten „nicht völlig falsch und grundlos" seien, aber immerhin stünde doch die „Ehrwürdigkeit der Arbeiter" (Beaud, Ausstellungskommissarin und kulturelle Direktorin und Pialloux) auf dem Spiel.

    Es wäre gefährlich naiv zu ignorieren, dass es in den Vorstädten einen absurden und barbarischen Konflikt zwischen der Ablehnung der heutigen Ausbeutung und dem, was nach wie vor die „Ehrwürdigkeit der Arbeiter" darstellt gibt und als solche auch erlebt wird: die Achtbarkeit der Personen, die ihr ganzes Leben hart gearbeitet haben, um ein Haus zu bauen, die ihre Kinder „gut erzogen" haben, sich einen „guten Ruf" aufgebaut haben usw. Es gibt heute viele brutale Formen, in denen die Arbeiter diese „Ehrwürdigkeit", die in der Tat lä-cherlich erscheinen mag, verlieren können durch die Arbeitslosigkeit, die den Haushalt erschüttert; durch die Deklassierung ihres Wohnortes (wie bei denen, die vor 20 oder 30 Jahren in einer Gegend gebaut haben, die jetzt durch die soziale Verelendung bedroht ist); aber auch durch die diffuse Anfechtung ihres Wertesystems, etwa den Lokalstolz, der auf diskursiver Ebene zugunsten des „Kosmopolitismus" entwertet wird. Dementsprechend verbittert die „französischen" Arbeiter (und oftmals die älteren Zuwanderer) der Kontrast zwischen dem migra-tionspolitischen Diskurs der Politiker Stopp der legalen Einwanderung und Kampf gegen die illegale und ihren lokalen Lebensrealitäten. Die neuen Zugewanderten, die vor allem über den Familiennachzug ins Land kommen, werden der illegalen Einwanderung verdächtigt. Wenn diese neuen Immigranten argwöhnisch betrachtet und mit denen zusammengeworfen werden, „die hier geboren sind", dann liegt das nicht notwendigerweise an einem „rassistischen" Reflex, sondern eher daran, dass sie in den Augen der Banlieuebewohner nur die strukturellen Probleme in der Schule und im Viertel verschlimmern, den konkretesten Formen der sozialen Konkurrenz, mit der die Arbeiter Tag für Tag konfrontiert sind.

    Seit mehr als zwanzig Jahren führen Langzeitarbeitslosigkeit, sozialer Abstieg durch Arbeitsplatzverlust, Verbannung in verwahrloste Wohnsilos, sinkende Einkommen und der schulische Misserfolg der Kinder dazu, dass sich die Lebensbedingungen des ehemals harten Kerns der Arbeiterklasse den Gruppen annähern, von denen er sich entfernt wähnen konnte, von dem er meinte, er sei weniger gut gerüstet. Die Affirmation der „Ehrwürdigkeit" drückt das Entsetzen darüber aus, wieder in eine Welt hinuntergeschleudert zu werden, der man sich entronnen glaubte. Es ist ein Versuch, die eigene Identität wiederaufzurichten und die Deklassierung zu bannen. Sogar der ordinäre Rassismus wird zu einer der Arten, eine Distanz zu denen aufrechtzuerhalten, die noch ein bißchen weniger darstellen als sie selbst. Diese „Ehrbarkeit" kann sich nicht mehr auf den Beruf stützen, auf die Solidarität im Kampf (die noch punktuell existiert, aber vorherrschend ist in der Regel die individuelle Konkurrenzsituation) und auch nicht auf das allgemeine Arbeiterdasein, das so unsicher geworden ist. Der Arbeitsprozeß und die Reproduktionsbedingungen der Arbeiterklasse atomisieren die Arbeiter und setzen sie in Konkurrenz zueinander: individuelle Verantwortung für Qualität und Fristen, physische Entfernung vom Arbeitsplatz, Zersplitterung der Arbeitszeiten, persönliche Evaluierung und Unterhaltung mit dem direkten Vorgesetzten, Warteschlangen auf dem Arbeitsamt, Wartelisten in den Büros der Wohnsilos... Die Atomisierung entspricht dem Verlust der Arbeiteridentität, der in der Reproduktion des Kapitals so unerbittlich voranschreitet, dass nur noch Staat und Nation, gerade weil sie die denkbar abstraktesten Gemeinschaften sind, als Gemein-schaft auf der Grundlage dieser Individualisierung phantasiert werden können (wie früher die Religion, als die traditionellen Gemeinschaften auseinanderbrachen). Diese Identität schmiedet sich in der Ab-grenzung und Unterscheidung von denen, die vom nationalen Leben ausgeschlossen sind, seien es Immigranten oder selbst „französische" Arbeitslose, denen man vorwirft, von „kosmopolitisch verbandelten Eliten" bevorzugt zu werden. Hier fließt alles zusammen: Die nationale Identität und der alte Stolz der Arbeit. Die eingeforderte nationale Identität ist zu allererst die Verachtung gegenüber den „Aus-geschlossenen", die sich auf die Angst gründet, selbst einer zu sein, auf die Weigerung, zum Problemfall zu werden und auf Berufsein-gliederungszuschüsse, Generalkrankenversicherung, Arbeitsamt oder soziale Hilfsinstitutionen angewiesen zu sein.

    Die „Ehrwürdigkeit" impliziert die Abgrenzung zwischen „uns" und den „anderen", sie artikuliert sich im Geflecht von Arbeit, Sozialstaat und öffentlicher Versorgung (Unterkünfte, Schulen, Krankenhäuser, Post…), sie ist der Wunsch nach einem Staat, der „funktioniert". Das Kriterium der Grenzziehung ist die Ordnung, die das „anständige Funktionieren" des Zugangs zur Arbeit, zum Sozialstaat und zur öffentlichen Versorgung überdeterminiert. Diese Ordnung gründet sich auf die ausschließliche Legitimität der bezahlten Arbeit, die bedroht wird durch den „professionellen Arbeitslosen" (immer die anderen), den „Illegalen", den „Dealer" oder durch den, der von Familien-zulagen lebt; sprich durch alle, die angeblich aufgrund einer besonderen Identität von den gemeinsamen Regeln ausgenommen sind und daraus einen „Vorteil" ziehen. Die Ordnung impliziert unmittelbar die „Sicherheit" (im Sinne Sarkozys: man rennt nicht auf dem Gang), die sich als Garant des Arbeitszwangs und der gemeinsamen Regeln zeigt. Die Grenze verläuft zwischen dieser Ordnung und dem, der sie bedroht. Paradigmatisch für diese Bedrohung steht der „junge Araber", und wie der Nazismus die „Verjudeten" erfand, so erblickt man sie auch in allen, die sich diesem Paradigma in ihrem alltäglichen Verhalten angenähert haben. „Rasse" denn darum handelt es sich ist wie immer eine durch und durch geschichtliche Konstruktion, die sich den jeweiligen besonderen Umständen anpasst: der junge „Gallier" kann „arabisch" sein und der „Algerier", der 25 Jahre am Band stand, „französisch".

    Die Verteidigung der „Ehrwürdigkeit des Arbeiters", die sich eine Gruppe als Bedrohung konstruiert, geht durchaus mit einem gesell-schaftlichen Hass auf die „Eliten" und die Regierungen einher, was in vier gleichzeitig geäußerten Behauptungen zum Ausdruck kommt: „wir können die Jugendlichen verstehen"; „sie kotzen uns an", „unser Vier-tel gefällt uns", „wir wollen wegziehen".

    Die Abschaffung der Klassen wird alles andere als ein Zuckerschlecken sein.

    R.S.


    Anmerkungen

    (1) Anmerkung der Übersetzer (AdÜ): Anfang/Mitte der 70er Jahre kam es in der Bergbauregion an der amerikanischen Ostküste zu heftigen Arbeiterkämpfen, teilweise wilden Streiks auch gegen die Gewerkschaftsführungen, manchmal unter Einsatz von Schußwaffen. Eindrucksvoll festgehalten hat dies Barbara Kopple in ihrem Dokumentarfilm „Harlan County, USA" (1976).
    (2) AdÜ: Im Sommer 2000 drohten Beschäftigte der Viskosfabrik Cellatex in Givet, die Fabrik in die Luft zu sprengen und giftige Chemikalien in die Maas zu leiten, da der Betrieb geschlossen werden sollte. Sie forderten Weiterbeschäftigung oder aber überdurchschnittlich hohe Abfindungen, die sie dann auch erhielten. Berichte dazu unter http://www.wildcat-www.de/zirkular/58/z58cella.htm


    Editorische Notiz:

    Der französische Originaltext Ballade en novembre wurde bislang auf der Website des Zeitschriftenprojekts Meeting. Revue pour la communisation veröffentlicht ( http://meeting.senonevero.net). Einige geringfügige Kürzungen sind kenntlich gemacht. Anmerkungen in eckigen Klammern stammen von den Übersetzern, ebenso manche der Zwischenüber-schriften.


    Inhaltsverzeichnis



    "Sagten Sie "Forderungen"?


    Einige Anmerkungen zur Novemberballade



    Es ist vollkommen richtig, wie R. S. festzustellen, dass „Forderungen nicht mehr das sind, was sie einmal waren" und dass der Unterschied zwischen Kämpfen mit und ohne Forderungen insofern verschwindet, als „Forderungen aufzustellen oder alles anzugreifen, was uns bestimmt, nicht länger Alternativen sind, die sich gegenseitig ausschließen". Bei der Analyse der heutigen Kämpfe werden wir diesen Aspekt gebührend berücksichtigen müssen. Dennoch ist seine Argumentation im Hinblick auf die Ereignisse von November in Frankreich etwas abwegig.

    Im Kern meint R. S., auf Grund des Verschwindens des Unterschieds zwischen Kämpfen mit und ohne Forderungen spreche nichts dagegen, den November-Aufstand als einen Kampf mit Forderungen aufzufassen, obwohl keine expliziten Forderungen formuliert worden sind. Er betont sogar, dass, wer ihn nicht als Kampf mit Forderungen betrachtet, „sich einem radikalen Enthusiasmus überlässt und sich freiwillig blind stellt" und „eine Vorstellung von Kämpfen [mit Forderungen] hat, die ... gegenwärtig ebenso obsolet geworden ist". R. S. zufolge müsste eine nicht „obsolete" Vorstellung der Kämpfe mit Forderungen dazu führen, alle Kämpfe, in denen überhaupt nichts gefordert wird, dennoch als solche zu charakterisieren... Originalton: „Die Rebellierenden des November 2005 haben nicht ,Drecksarbeit, die mit Almosen gezahlt wird', gefordert (ohnehin haben sie ihre Eltern selten in kontinuierlicher Arbeit gesehen), auch keine sozialen Zentren, keine Kulturhäuser, keine ,demokratische Schule' oder ,bürgernahe Polizei'. In einer Situation, in der es um Forderungen geht, haben sie diese Forderungen in einen Angriff auf ihre Situation verwandelt."

    Wir sollten Klartext reden: Forderungen aufzustellen ist kein Merkmal der „Situation", sondern des Kampfes. November 2005 war nicht durch Forderungen gekennzeichnet, denn keine Forderungen wurden explizit formuliert, außer denen, welche die Medien den Aufständischen in den Mund legten. Man sollte keine Kategorien konstruieren, die so ausgedrückt werden, dass sie als schlichte Negation der Tatsachen erscheinen. Werden keine Forderungen aufgestellt, macht es keinen Sinn zu behaupten, dass der Kampf „an sich" „von Forderungen ausgeht".

    Es stimmt, dass alle diejenigen, die sich als Sprecher der „Jugendlichen aus den Banlieues" präsentieren, einen radikaldemokratischen und staatsbürgerlichen beziehungsweise republikanischen Standpunkt vertreten (Indigènes de la république, Devoir de mémoire, „ma lettre au président"…). Dabei geht es nicht darum, diese selbsternannten Vertreter als „Verräter" zu brandmarken (sie „verraten" nichts, das anders gesagt worden wäre, denn es wurde überhaupt nichts gesagt), sondern vielmehr, daran zu erinnern, dass dieser Diskurs nur von Leuten gehalten wird, deren Stellung sich von vornherein von der der schlichten Proletarier unterscheidet: politische Aktivisten und Vereinsmitglieder, Musiker, Ausbilder usw.

    Die tatsächlichen Gründe für den „Aufstand" liegen in wirklichen Diskriminierungen (und vor allem im tagtäglichen Verhältnis zur Polizei) und wenn in ihm eine Forderung aufgestellt worden wäre, dann sicherlich eine nach Gleichheit. Nichtsdestotrotz kann man nicht darüber wegsehen, dass sie nicht aufgestellt wurde. Der einzige Kommunikationsmodus bestand in der Auswahl der Angriffsobjekte; und zwar sowohl nach innen, als Kommunikation zwischen kleinen organisierten Gruppen von Viertel zu Viertel, die im gleichen Sinn, aber ohne direkten Austausch agierten, als auch nach außen gegenüber der Gesamtbevölkerung und dem Staat. Diese Angriffsziele lassen kaum Zweifel hinsichtlich der Botschaft zu: Der Feind ist an erster Stelle der Staat und sein Repressionsapparat, aber auch seine „öffentlichen Dienste", und an zweiter die Unternehmen und das wirtschaftliche System. Wie R. S. sehr richtig formuliert: „Von der Schule über Verkehrsmittel, Polizeistationen, Sozialstationen und Arbeitsämter bis hin zu einigen Fabriken haben sie alles angegriffen, was sie hervorbringt und definiert."

    Da wir über keine Maschine verfügen, die die Aufständischen auf Herz und Nieren untersucht (die Maschine einiger Genossen, die dia-gnostiziert hat, dass die Aufständischen die Ausweitung der Sozialhilfe (RMI) forderten, scheint mir noch nicht zuverlässig), ist meiner Meinung nach die realistischere Hypothese die folgende: Wenn während des Aufstands nichts gesagt wurde, dann deshalb, weil es nichts zu sagen gab. An die einzige Forderung, die die Bewegung hätte tragen können, glaubten die Akteure selbst kaum. Die Integration in die französische Gesellschaft durch Fleiß und Arbeit gehört zu einem vergangenen Stadium des Kapitals; Politiker, Polizeispitze und aufgebrachte junge Proletarier wissen das ganz genau.

    Um präziser zu sein: Wenn ich sage, dass keine Forderung ausgedrückt wurde, so stelle ich nur fest, dass in dieser Zeit niemals eine Erwartung oder auch nur ein vager Slogan formuliert wurde, der all die durchgeführten Aktionen auf den Punkt gebracht hätte. Diese Bewegung hat nicht ihr „ya basta" oder ihr „que se vayan todos" hervorgebracht, und selbst „Sarko démission" [Rücktritt von Innenminister Sarkozy] wurde nie ihre Losung. Man kann nicht damit argumentieren, dass die Bedingungen für die Formulierung von Forderungen nicht vorhanden gewesen wären: Wenn eine Parole auf ein Echo stößt, auch in einer so zersplitterten und halb im Untergrund ablaufenden Bewegung wie dieser, dann wird sie aufgenommen, und sie erscheint in jeder mündlichen Äußerung, an jeder Wand. Die nötigen Mittel, um so eine Art von Forderung entstehen zu lassen, sind da. Und, nochmals, wenn sie nicht eingesetzt wurden, kann dies kein Zufall sein. Es genügt, die Stille wahrzunehmen, in der die vielfältigen staatsbürgerlichen oder ethnisierenden Appelle verhallen.

    Was die Äußerungen authentischer Jugendlicher aus den Banlieues in den Medien betrifft, so begaben sich diejenigen, die bereit waren, auf Fragen zu antworten, gerade nicht auf das Terrain der Forderungen, sondern immer auf das der Rechtfertigung oder der Erklärung. Wie ein Genosse bemerkt: „Wenn man in der Glotze einen dieser jungen Proletarier sieht, der vor der Asche einer Fabrik sagt: ,Dieses Unternehmen hat sich in einer steuerbegünstigte Zone niedergelassen, um die Subventionen zu kassieren. Es sollte uns einstellen. Kein einziger Jugendlicher aus dem Viertel ist reingekommen, wir haben es also abgefackelt, so dass kein Mensch mehr rein kommen wird. Wir haben 20 Arbeitslose mehr geschaffen, aber wir, wir sind seit 20 Jahren arbeitslos...' Dies ersetzt 10 Stunden Analysen von Journalisten, Gewerkschaftlern, politischen Verwalter und Aktivisten, die sich am Mikrofon ablösen, um den Brand zu löschen."

    Für das Proletariat entspringt jeder Kampf, jeder Aufruhr, jeder Auf-stand aus einer „Situation, in der es um Forderungen geht": Lohnarbeiter, Arbeitslose, Prekäre, Illegale, Obdachlose, Proletarier, die dieser oder jener Diskriminierung unterliegen. Was die Aktion vorantreibt, liegt immer in einer besonderen Situation (ihre Be-sonderheit drückt die allgemeine Lage des Proletariats innerhalb des Kapitals aus, und sie bleibt dennoch unvermeidlich eine besondere; meiner Meinung nach kann diese Besonderheit nur im Kampf, und zwar im selbstbestimmten Kampf, überwunden werden; wir werden in Zukunft darüber wieder nachdenken müssen... Nicht zu hastig: Es handelt sich nicht darum, die eigene Partikularität zu leugnen, um sich als Proletarier zu affirmieren, sondern darum, sich im Kampf gegen alles aufzulehnen, was wir innerhalb des Kapitals sind). Ob Forderungen formuliert werden oder nicht, ist kein Kriterium für die Infragestellung dessen, was uns innerhalb des Kapitals definiert; trotzdem sind beide Haltungen genau genommen nicht gleich; und in der Tat ist es radikaler, keine Forderungen aufzustellen. Radikaler, weil Forderungen naturgemäß stark an das gebunden sind, was wir innerhalb des Kapitals sind. Radikaler, aber nicht zwingend „fort-geschrittener" im Sinne einer Überwindung der Verhältnisse. Daher muss man beide Aspekte unterscheiden. In Wirklichkeit blieb der radikale Aufstand der jungen Proletarier im November von Anfang bis Ende eine „Revolte der Banlieues", und es gibt etliche Gründe dafür. (Man sieht: Ich verfalle nicht in irgendeine „radikale Begeisterung"...)

    Denis, 16. Dezember 2005


    Editorische Notiz:

    Der leicht gekürzte Diskussionsbeitrag erschien zuerst auf der Website des Zeitschriftenprojekts Meeting. Revue pour la communisation: http://meeting.senonevero.net/article.php3?id_article=74
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