Freundinnen und Freunde
der klassenlosen Gesellschaft
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Revolutionstheorie Revisited II

Zur cosmopolitischen Selbstaufhebung
der Klasse -

Situationistische Revolutionstheorie heute


Veranstaltung & Tagesseminar



Veranstaltung

Wenn die Situationistische Internationale (1957 - 1972) darauf drängte, „das 20. Jahrhundert zu verlassen“, dann war damit zweierlei gemeint: zum einen die Rückkehr der proletarischen Revolution aus dem 19. Jahrhundert und zum anderen der Ansatz zum Sprung aus einer hochentwickelten kapitalistischen Ökonomie in eine staatensprengende hightech-Rätemacht, die „generalisierte Selbstverwaltung“ im Sinne eines Westlichen Communismus, der bereits auf das 21. Jahrhundert abzielte.

In Frankreich ging im Mai 1968 beides zusammen in jenem historischen Moment der „Bewegung der Besetzungen“, auf deren Auslösung wie Radikalisierung gleichsam „aus dem Nichts“ heraus die Situationist_innen maßgeblich hingewirkt hatten und die um 1969 über ganz Europa, vor allem Italien, und weltweit ausstrahlen sollte. Diese manifeste „Wiederkehr des Proletariats“, des selbständig agierenden, sich kurzfristig der Produktionsanlagen einer modernen Industriegesellschaft direkt bemächtigenden Gesellschaftssubjekts als plötzlich hervorbrechende „wirkliche Bewegung, die den bestehenden Zustand aufhebt“ (Marx über Communismus als Tendenz statt bloßer Idee) ist heute ins gesellschaftliche Unbewusste verdrängt, zu einer Legende „der Studenten- und Jugendbewegung“ entschärft. Mit ihr die kritische Theorie der SI, ihre „theoretische Praxis“ der modernen Revolution.

Während die kritische Theorie des späten Adorno die gesellschaftliche Emanzipationsmöglichkeit zu recht vom historischen „Verhängnis“ der Shoah her denkt, hingen Denken und Praxis der Situationist_innen ausschliesslich an den unabgegoltenen Niederlagen der proletarischen Revolutionsanläufe bis zum Spanischen Bürgerkrieg und dem Hitler-Stalin-Pakt. Aufgrund der Ausblendung der Shoah, des modernen Antisemitismus und des eliminatorischen Deutschland rutschten sie so (wider Willen) in eine Art verborgenen linkskommunistischen Geschichtsoptimismus ab. Damit fielen sie hinter ihren eigenen Anspruch, im Gegensatz zur überkommenen Linken „die Niederlage des gesamten revolutionären Projekts (…) unseres Jahrhunderts in ihrem ganzen Ausmaß und ohne irgendeine tröstende Illusion zu erkennen“, selber noch zurück.

Um so dringlicher steht heute eine Aktualisierung der situationistischen Revolutionstheorie an, einfach deshalb, weil die von ihr aufgeworfenen Fragen ebenso fundamental wie unabgegolten geblieben sind. Die Rezeption der situationistischen Kritik und Praxis und die Postulate der Kritischen Theorie Adornos u.a. bedürfen vielmehr einander als Korrektiv. Bisher sind sie voneinander künstlich getrennt geblieben. Veranstaltung und Seminar versuchen diese Trennung aufzuheben entlang den Problemstellungen, wie die SI in ihrer Zeit sie neu aufgeworfen hat:

die cosmopolitische Organisationsmöglichkeit der globalen Gesamtarbeiter_in aufgrund dessen, was Marx bereits ökonomiekritisch den „kapitalistischen Kommunismus“ nennt (in diesem Kontext dann die jeweils konkrete Besonderheit der Staaten Deutschland und Israel); die Abschaffung der Lohnarbeit (und damit des Kapitals) und revolutionäre Transformation der notwendigen Arbeiten in „travail attractif“ (Aufhebung von „Arbeit“ und „Spiel“ ineinander); die Selbstorganisierung der bewusst-negatorischen Elemente - gegen die Lohnabhängigkeitskonkurrenz und gegen jede politische Repräsentation - zur „Klasse des Bewusstseins“; die Ambivalenz des „Unbehagens im Kapitalismus“, die „radikalen Bedürfnisse“ (Marx) und die Frage: was heisst „revolutionäres Begehren“ (SI)? Die von der SI ebenfalls noch übersehenen „Trennungen des Geschlechts“ (gender & role models) werden hierbei endlich kritisch ins Zentrum akueller „Psychogeografie“ und alltags-aufbrechender „Konstruktion von Situationen“ zu rücken sein.

Samstag 15. Oktober 2005, 19.00 Uhr
Versammlungsraum im Mehringhof (Gneisenaustraße 2a, U-Bhf. Mehringdamm)
Lektüreempfehlung: Biene Baumeister Zwi Negator: Proletarität aufheben.Zum negatorischen Cosmopolitismus der situationistischen Klassentheorie.
(Außerdem empfehlen wir folgende Kritik an Biene Baumeister und Konsorten: Die Rückkehr des moralisierenden Zuschauers



Tagesseminar

In einem Tages-Seminar wollen wir das Projekt der kritischen Aneignung der situationistischen Revolutionstheorie gemeinsam weiter entwickeln.

In Vorbereitung auf das Seminar sollten die Teilnehmerinnen zumindest Situationistische Revolutionstheorie Vol. I: Enchiridion gelesen haben.

Anknüpfend an die Themen und offenen Fragen vom Vorabend, wollen wir im ersten Teil dieses Diskussionstreffens noch mal ausführlicher auf zentrale und schwierige Begriffe eingehen, darunter:

  • Wie bestimmen die Situs das Proletariat und die "Klasse des Bewusstseins"?
  • Wie entsteht ein revolutionäres Unbehagen oder Begehren? Gibt es "radikale Bedürfnisse"? Kann der Communismus zu einem solchen werden, oder muss er nicht ein objektives Gebot der Vernunft bleiben?
  • Was lässt sich grundsätzlich und ohne falschen Geschichtsoptimismus über die subjektiven Momente der objektiven Möglichkeit der Revolution sagen?
  • Was wird aus der Arbeit im revolutionären Prozess - „travail attractif“?
  • Kritik des "Lebens" als Gegenbegriff zu Kapital und Spektakel.
  • In welchen dieser Punkte läuft die situationistische Theorie in eine falsche Richtung, weil sie die Herrschaftsform des Geschlechts und den Nationalsozialismus in seinem antisemitischen Vernichtungswahn nicht weiter reflektiert?

Die Position der SI zu Israel und die Frage, was Linke in Deutschland heute von ihr lernen können oder nicht, soll Gegenstand der Diskussion im zweiten Teil des Seminars sein. Grundlage dafür sind


Weitere Materialien:

www.si-archiv.tk Dort unter anderem Die Gesellschaft des Spektakels von Guy Debord komplett und auch der zur Geschichte der SI sehr aufschlussreiche Text Die wirkliche Spaltung in der Internationalen (1972 )

Sonntag 16. Oktober 2005 12.00 Uhr
Anmeldung zum Seminar bei der Veranstaltungsgruppe: revolutionstheorie@hotmail.de
Wir teilen euch dann mit, wo das Seminar stattfindet.