Freundinnen und Freunde
der klassenlosen Gesellschaft
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Gesellschaftliche Arbeit und
soziale Revolution

Einige Anmerkungen zu Werner Imhofs Vortrag „Was heißt: Selbstaufhebung des Proletariats?“


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Werner Imhofs Vortrag enthält einiges Bedenkenswertes, insbesondere dort wo es um die Betrachtung der Produktion und ihrer Perspektiven geht; enthält aber auch viel Ärgerliches, namentlich dort, wo es um die Freundinnen geht.

Halten wir uns nur kurz bei dem Unerfreulichen auf: Es ist schon erstaunlich bis verwunderlich, wie Imhof es schafft, einige unserer Aussagen aufzugreifen, sie in Bausch und Bogen zu demontieren, um dann kurze Zeit später das gerade noch Geschmähte als eigene blitzsaubere Position zu präsentieren. So findet in der gewollten Kritik an uns ein beharrliches Aufbauschen von Widersprüchen statt, egal ob er uns nun vorwirft, wir argumentierten lediglich mittels Kopfgeburten des „revolutionären“ Kritikers, um dann später selbst vom kritischen kategorienaufbrechenden Denken zu sprechen, egal ob er unsere sachte positive Erwähnung der argentinischen Fabrikbesetzungen ankreidet, um danach, mit uns gleich lautend, zuzugestehen: „Das ist zwar nicht wenig und wäre Voraussetzung für die gemeinsame Aneignung aller gesellschaftlichen Produktionsmittel und die Aufhebung des Austauschzwangs.“

Die Pseudodifferenzen halten noch weiter an; bemerken wir dass Geld und Staat ins Museum der Vorgeschichte zu verweisen seien, so ist das für Imhof schändlich äußerliche Kritik, um in Folge die verwandte Warenform als anachronistischen Ballast (wo wird der denn mal ausgestellt sein?) zu titulieren.

Mal wird zuviel, mal zuwenig Emphase angemahnt, dann wird die Zukunftsmalerei moniert, welche bei Imhof gleichermaßen, nur ungleich poesieärmer auftritt: „das wäre die Aufhebung von Privatarbeit und Austausch, damit auch der Warenform der Produkte, der Lohnabhängigkeit und des Wertgesetzes. Und es wäre das Ende aller verselbständigten staatlichen Sonderformen und -funktionen des gesellschaftlichen Produkts, wie Steuern und Sozialabgaben, Subventionen und Sozialleistungen, samt der davon lebenden bürokratischen Apparate!“

Ist das in seiner Fülle eher ärgerlich und vernebelt die Debatte, so wird es bizarr, wenn uns daraus der Strick des „alten elitären „Missionarismus“ gedreht werden soll und Imhof uns damit explizit in eine Reihe mit seinen ehemaligen Genossen stellt, die sich als Kofferträger des Klassenbewusstseins im Außendienst zu bewähren suchten. Dass wir von äußerlicher Proletenagitation, Staat und Parteiform, also den Katechismen des ML, so wenig halten wie eine Wildsau vom Segelfliegen, bedarf eigentlich keiner weiteren Erwähnung. Viele Passagen aus Imhofs Vortrag beschäftigen sich mit der akribischen Rekonstruktion der Marxschen Begrifflichkeiten von Wert, Kapital und Arbeit. In diesen treffend entfalteten Formbestimmungen glänzt er und unsere Flugblätter reichen, tatsächlich, nicht an diese Darstellung heran. Trotzdem ist es auch hier unnötig, unseren, der Form des Flugblatts geschuldeten knapp-pointierten Ausführungen kategoriale Differenzen zu seinen Erläuterungen anzudichten. Dieses Andichten besteht teilweise auch nur durch eine allzu selektive Lektüre unserer Texte. Beispielhaft sei hier die causa argentina genannt, wo es bei uns, bezüglich der Fabrikbesetzungen, heißt sie seien ein „Vorschein dessen, was revolutionäre Aneignung heißt: das Eigentum wurde in Frage gestellt, die Produktion in die eigenen Hände genommen.“ Imhof belehrt uns danach vorschnell über das dortige Fortlaufen der kapitalistischen Warenproduktion und den Unterschied von Eigentum und Eigentümer. Weiterlesen hätte geholfen, da der nächste Satz bei uns lautet: „Natürlich sind diese Aktionen noch mit allen Widersprüchen behaftet, die einem lokal begrenzten Befreiungsversuch aufgezwungen werden. So müssen etwa die Leute in den besetzten Fabriken in Argentinien, einfach um zu überleben, weiterhin für den Markt produzieren und sind somit dessen Wechselfällen und Zwängen ausgesetzt.“

Kommen wir von diesem notwendigen Prolog endlich zur lohnenswerten Auseinandersetzung über die Inhalte und realen Differenzen. Die Problematik des abstrakten Ideals der kommunistischen Gesellschaft, die in der Flugschrift dem real existierenden Elend entgegengestellt wurde, führt nun zu dem fruchtbareren Teil der Ausführungen. In seiner Benennung der Lücke zwischen Zukunftsmalerei und sog. „negatorischer Kapitalkritik“ und in der Einforderung von konkreter Sichtbarmachung der möglichen Praxis, bzw. der möglichen vernünftigeren Gesellschaft im Jetzt, liegt Imhofs Stärke wie auch seine Schwäche. Die in unserer Flugschrift aufgespürte Kluft ist nämlich nicht weniger als die derzeitige Unbestimmtheit revolutionärer Praxis, die es zu klären gilt. In diesem Sinne macht Imhof einen dezidierten Vorschlag, wenn er die Möglichkeiten innerhalb des Produktionsprozesses à temps auszuloten versucht, welche auf eine kommende, vernünftigere Gesellschaft verweisen. Mit der Annahme, innerhalb der Produktionsstätten wäre eine nicht-warenförmige, also schon gesellschaftliche Vermittlung zwischen Menschen etabliert, treibt Imhof zur Prognose, dass die gesellschaftliche Reproduktion wie eine einzige Fabrik funktionieren könnte. Nun wurden schon diverse krude Prognosen abgegeben, wie der Sozialismus mal ausschauen könnte; von der Kaserne (Gustav Tuch) bis zur deutschen Reichspost (Lenin) war alles dabei. Imhofs Vision gehört zwar nicht in diese Reihe, doch hat auch sein Modell seine Tücken. So wahr es ist, dass das Kapital die gesellschaftliche Gesamtarbeit mit der ihm notwendigen Abstimmung der Produktionsschritte zusammengeführt hat und dies auch eine gewisse Bürgschaft für vernünftigere Zeiten darstellt, so darf doch nicht vergessen werden, dass die Fabriken unter der Herrschaft des Kapitals als Workhouses immer „Houses of Terror“ waren. Revolten gegen die Befehlsgewalt der Maschinerie, gegen die stupide Fließbandplackerei, die in aller Welt bis heute immer wieder aufbranden, geben davon reiches Zeugnis, dass der Produktionsapparat kein neutrales Instrument ist, das sich einfach so übernehmen ließe. Deshalb bedarf es auch der durch produktivitätsfördernde Psychotechniken durchgestylten Kommunikations- und Umgangsformen innerhalb der Belegschaft, die jeden Sozialarbeiter mit der Zunge schnalzen ließen und mittels derer betriebswissenschaftliche Kameradschaftspflege betrieben wird.

Diese Depravationen des Arbeitsprozesses trüben die allzu rosigen Beschreibungen der Fabrik und Aussichten, sie ohne weiteres als Anknüpfungsmodell für Späteres zu gebrauchen. Auch die kategoriale Dichotomie von produktionsimmanenter Kooperation und kapitalistisch-warenförmigem Markt führt in die Irre: Die Vorstellung, dass der Tauschcharakter der Produktion abgestreift werden müsse und darunter schon die kommunistische Produktion liege hat etwas von einem Ei, dessen Schale es lediglich abzupellen gelte. Nicht nur die Maschinerie, sondern auch die Produktionsketten und -organisation sind nicht frei von der Legierung der Mehrwertproduktion. Es wäre hier ein Quäntchen mehr Realitätssinn einzufordern und einfach zu konstatieren, dass die auf Verwertung der Werts ausgerichtete Produktionsarchitektur in vielen Bereichen schlicht und einfach zusammenkrachen wird (und das auch wünschenswert wäre aber dazu später) nimmt man den Schlussstein heraus. Eine allzu voreilige Hypostasierung des jetzigen Zustandes innerhalb der Fabrik entwirft ihrerseits eine Utopie, die nun ihrerseits erstaunlich nah an den ML heranrückt, man müsse den Maschinenpark nur in eine andere Obhut übernehmen.

Daraus ergibt sich grundlegender die Problematik, dass Imhof kaum einen Blick über den Tellerrand der Produktionsstätten wirft. Es wird ausgeblendet, dass spätestens mit der explodierenden Produktivität des Kapitalismus tendenziell immer mehr Menschen aus dem Produktionsprozess herausgeworfen werden, also immer mehr Reproduktion abseits von geregelten Arbeitsverhältnissen stattfindet. Folgerichtig irritiert Imhof unsere Vision der Befreiung von der Arbeit, welche der Gesellschaft durch die strukturelle Arbeitslosigkeit doch geradezu aufgedrängt wird, und spielt sie dichotom gegen die Befreiung der Arbeit aus. Unser Kritiker dreht uns das Wort im Munde herum, wenn er uns eine vulgäre Arbeitskritik unterstellt, die davon ausgeht, dass es in der befreiten Gesellschaft nur noch lustvolle Tätigkeit geben werde.

Ganz im Gegenteil: Die Arbeit residiert im Reich der Notwendigkeit, es wäre kindisch, sich zu erträumen, man käme ganz ohne sie aus, aber gerade deshalb gehört die Arbeitszeit unter vernünftigeren Verhältnissen unter einer rationalen Produktionsweise auf das mögliche Minimum reduziert. Die von der Produktivitätsexplosion erzeugte Arbeitslosigkeit ist deshalb Phänomen wie Ideal. Erst unter diesen Vorzeichen macht die Formel der „Befreiung der Arbeit“ Sinn, erst mit einer größtmöglichen Freisetzung von Genuss- und Erlebnisraum im Rücken könnte dann auch die Tätigkeit des Menschen aufhören, nur Mittel für einen außerhalb ihrer selbst liegenden Zweck zu sein.

Mit der Abschaffung der Warenproduktion wären dann auch diverse Arbeitszweige der Produktion an der Reihe, die nur zur Selbststimulation des Kapitalismus notwendig sind. Welchen Sinn soll im Kommunismus der Call-Center-Blödsinn haben, den ganzen lieben langen Tag fremde Menschen anzurufen, die zwar vieles benötigen aber ganz bestimmt nicht das, was ihnen gerade angedreht werden soll? Die Auflösung dieser gesamten Ermunterungsindustrie und weiterer Ausbesserungsanbieter für das kapitalistische Übel sowie die Nutzbarmachung dieser Ressourcen für vernünftigere Zwecke erlaubt weitere Schritte in Richtung Reich der Freiheit.

Die Praxisbeispiele aus Frankreich gehen in diese Richtung, bleiben aber dann auf halbem Wege stecken. So wäre zu überlegen, warum die SUD-Gewerkschaft anscheinend ausschließlich in (ehemaligen) Staatsbetrieben erfolgreich agiert, mit denen eh schon immer die gesellschaftliche Nützlichkeit assoziiert wurde; auch bleibt im Dunkeln, was genau die confédération paysanne von der teutschen Weizenkleielobby des Verbandes der Biobauern und Reformhäuser unterscheidet.

Richtig bleibt aber Imhofs Ansatz, eine Bewegung der Produzenten auf ihrem Bewusstsein von ihrer Rolle und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gründen lassen zu wollen. Gerade die Perspektive über den Sinn und den Unsinn der Arbeit zu reflektieren, wirft aber ein grelles Licht auf den irrationalen Charakter der Produktion heute, in Gestalt des Produktionsablaufes und der Produkte. Zur Einsicht in die gesellschaftliche Verantwortung gehört dann nicht nur die Forderung nach genossenschaftlicherer Nutzung sondern in vielen Fällen auch die der Selbstabschaffung der Produktionszweige. Auch hier wird wieder offensichtlich, dass eine gleitende Überführung des schon arbeitenden Produktionsapparates in den Kommunismus zu kurz greift.

Dabei bleibt allerdings die ganze Zeit im Dunkeln, wie sich die Arbeiter, „in denen ja auch der Teufel steckt“, ihre Stellung bewusst machen und zu Bewusstsein gelangen können. Unser Kritiker scheint sich damit zu bequemen, den Belegschaften klarzumachen, was sie ohnehin schon machen. Im Gegensatz dazu ist der Klassenkampf für ihn immanenter Stellungskrieg in den alten Formen von Lohn und Freizeit und deshalb für die Transzendierung nicht nützlich. Wenn wir von Klassenkampf sprechen geht es weniger, wie unterstellt, um den Kapitalisten, sondern um qualvolle Unterwerfung unter einen irrationalen Selbstzweck für den größten Teil der Menschen. Und dieser Zwang kann die Klasse auch immer wieder zum Begreifen der eigenen Rolle führen, was die Chance birgt, das Verhältnis über sich hinauszutreiben, indem sie eben zur Klasse der Negation wird. Hier blendet nun Imhof die Möglichkeiten der Entwicklung sträflich aus. Gerade in den Kämpfen bilden sich Formen der Kooperation heraus, die eine Keimzelle für künftige Vermittlungsformen in sich bergen können.

Der Vorwurf der Immanenz der Klassenkämpfe ist zwar formal erst einmal richtig, jedoch einem zu statischen Begriff geschuldet; zahlreiche historische Beispiele zeigen das. Nur auf die gesellschaftliche Verantwortung der Produzenten zu pochen, ist auf eine bestimmte Weise nämlich genau das, was Staat, Kapital und Bewusstseinsindustrie am liebsten tun, wenn Krisen- und Kampfsituationen anstehen. Die ewige Schwadroniererei von der Interessengemeinschaft, vom Boot, in dem wir alle sitzen, aber eben auf der Grundlage der besten aller Welten von Herrschaft und Ausbeutung, ist vielleicht das zur Zeit beliebteste Motiv. Gesellschaftliche Verantwortung heißt dann für das große Ganze weiterproduzieren ohne zu murren. Gerade weil in der Selbstverortung der Produzenten als gesellschaftliche, wie in den Klassenkämpfen immanente, wie transzendierende Elemente stecken, bedarf es der revolutionären Ausrichtung der Kämpfe und Organisationsformen, denn die Arbeiterklasse ist revolutionär, oder sie bleibt Arbeiterklasse.

Februar 2006