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Die Rückkehr des moralisierenden Zuschauers

Eine kurze Verteidigung der Situationistischen Internationale (SI) gegen die Kritik des Autorenkollektivs Biene Baumeister Zwi Negator


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1.

Es wird der Situationistischen Internationale (SI) zur Last gelegt, dem Faschismus wenig Bedeutung beigemessen zu haben und überhaupt keine den Besonderheiten des Nationalsozialismus und der Vernichtung der Juden; die Shoah aber, schreiben Biene Baumeister Zwi Negator (BBZN) in Situationistische Revolutionstheorie, stelle einen „Bruch der Geschichte“ dar, angesichts dessen man nun auf zwei Terrains zu agieren habe: Auf dem einen sei „die staaten- und klassenlose Weltgesellschaft anzustreben“, auf dem anderen bleibe „der Umschlag in die technisch ausgerüstete Barbarei“ stets gegenwärtig. Beide „Zugänge“ haben BBZN zufolge „durchaus verschiedene praktische Implikationen“: „den nächsten Anlauf der proletarischen Revolution vorzubereiten“ einerseits, „Barbarei zu verhindern“ andererseits.

Unklar ist bereits, wie Zivilisation und Barbarei bestimmt werden. Kurz zuvor wird noch erklärt: „Zivilgesellschaft ist im Kapitalismus nicht ohne Barbareigesellschaft zu haben“ und Marx angeführt, dem sich „die tiefe Heuchelei der bürgerlichen Zivilisation und die von ihr nicht zu trennende Barbarei“ in den Kolonien offenbarte. Jetzt auf einmal wird diese Erkenntnis, die sich früher in der Losung Sozialismus oder Barbarei aussprach, zugunsten einer Arbeitsteilung zwischen zwei Terrains verdrängt, ohne dies zu konkretisieren. Wie man das macht: Barbarei verhindern, bleibt im Dunkeln, mit der Ausnahme des Bekenntnisses zum Staat Israel, von dem weiter unten zu sprechen sein wird. So ergibt sich als Konsequenz aus der „Situation eines Dilemmas zwischen Barbarei und Zivilisation in der Form jeweils besonderer Staatlichkeit“ auch nur eine fade Tautologie: Ob „die revolutionären Elemente“ aus „diesem Dilemma herauskommen, entscheidet sich jeweils darin, wie sie mit der Besonderheit der bürgerlichen Dialektik von Zivilisation und Barbarei umgehen können, in die sie gestellt sind“ – immerhin geht es dialektisch zu, wenn sonst schon nichts klar ist. Das Gegenteil von Dialektik dürfte es allerdings sein, „hin und her geworfen zwischen beiden Polen der Reflexion“ das Ende der Kohärenz auszurufen, die sich plötzlich, nachdem sie am Wirken der SI für erste Klasse befunden wurde, als lumpiger zerrissener „Vorhang“ erweist.

Zivilisation und Barbarei zur Zeit der SI

Die Situationisten sahen sich keinem Dilemma zwischen Zivilisation und Barbarei gegenüber. Ziel ihrer Bemühungen war es, die „tiefe Einheit der heutigen Welt“ (Zwei lokale Kriege) zu begreifen, nicht sie auseinanderzureißen. Was den Faschismus betrifft, so erschien er als „einer der Faktoren bei der Herausbildung des modernen Spektakulären“ und, aufgrund seines Anteils an der Zerschlagung der alten Arbeiterbewegung, als „eine der Gründermächte der gegenwärtigen Gesellschaft“ (Gesellschaft des Spektakels, § 109), die damit ihre Schuldigkeit für die Aufrechterhaltung der Herrschaft getan hatte, besiegt und ohne Zukunft war; mit der Ausnahme Spaniens, wo eine klerikale Variante weiter herrschte. Die bürgerliche Ordnung sonnte sich derweil in ihrem Sieg über das Grauen und kam ohne Konzentrationslager und Weltkrieg aus, es schien ihr, auf Massenkonsum und Demokratie geeicht, sogar besser zu gehen als jemals zuvor. Ihr gegenüber stand der Staatssozialismus im Osten, und Aufgabe der Kritiker war es, die innere Verwandtschaft der Antagonisten aufzuzeigen, um der falschen Alternative nicht auf den Leim zu gehen. Zivilisation und Barbarei bestanden nicht „in der Form jeweils besonderer Staatlichkeit“, sondern waren ineinander verschlungen. Das astrein demokratisch-zivilisierte Frankreich führte seinen Kolonialkrieg in Algerien, den die SI attackierte, ohne Illusionen über die algerische nationale Befreiungsbewegung zu hegen. Ebenso hielt sie es mit dem Krieg in Vietnam, der fraglos einen „Umschlag in die technisch ausgerüstete Barbarei“ markiert. Die SI widerstand der Versuchung, der selbst die klügsten Köpfe der deutschen Studentenbewegung erlagen, vor diesem düsteren Hintergrund den Vietcong zur leuchtenden Verkörperung einer neuen menschlichen Zivilisation aufzubauen und erkannte ihn nüchtern als staatskapitalistisches Racket, das seinem russischen Vorbild mit der Verfolgung von Trotzkisten und der Niederschlagung von Arbeiterrevolten nacheiferte. Die verdinglichte Trennung in zwei Terrains zu vermeiden läuft keineswegs, wie die Praxis der SI zeigt, auf einen sturen Revolutionarismus hinaus, der immer und überall zum letzten Gefecht bläst, an das er selbst nicht glaubt. Um überhaupt erst die Bedingungen zu schaffen, unter denen der wirkliche soziale Konflikt in Vietnam ausgefochten werden könne, galt es den Krieg zu sabotieren, was vor allem in die Zuständigkeit der amerikanischen Antikriegsbewegung falle. „Barbarei zu verhindern“ war kein abstraktes Postulat, von der revolutionären Perspektive abgespalten und auf ein zweites Terrain verschoben, sondern eine konkrete Aufgabe der entstehenden weltweiten Bewegung, in welche die SI mit ihren Schriften intervenierte, um sie vor Sackgassen zu bewahren (zu Vietnam: Zwei lokale Kriege). Soviel zum Verhältnis von Zivilisation und Barbarei zur Zeit der SI, wobei wir deren Stellung zu Rußland, in dem die Bürokratie die zivilisatorische Mission des Kapitals im Zeitraffer ebenso barbarisch erfüllte, wie es andernorts das Bürgertum besorgt hatte, beiseite lassen.

Antifaschismus und soziale Revolution

Ob und wie eine Auseinandersetzung mit dem Nazi-Faschismus der SI bei dieser Arbeit geholfen hätte, ist nicht ohne weiteres ersichtlich. Allerdings trifft zu, daß die Situationisten bei der Aufarbeitung der Geschichte von Klassenkämpfen und Konterrevolution vor der deutschen Volksgemeinschaft halt gemacht haben. Zur vorläufigen Behebung dieses Mangels schlagen BBZN folgende Bestimmung des NS als „doppelte Abspaltung“ vor: „a) Ein Teil des Weltproletariats spaltete sich von diesem konterrevolutionär ab, nämlich als ‚die deutsche Revolution’ des NS: im Bild der volksstaatlichen ‚Prolet-Arier’ (...). b) Durch die Unterwerfung unter die Identität ‚der gute deutsche Arbeiter’, ‚der anständige deutsche Bürger’ und ‚aktive Volksgenossen’ als Selbstbild spalteten sie im ‚konzentrierten Spektakel’ (SI) der ‚Volksgemeinschaft’ sozialpsychologisch das Bild vom revolutionären Proletariat aus sich selber endgültig ab (Subversion, Revolution, Kosmopolitismus, Marxismus, Intellektualität, kritische Zersetzung des Bestehenden – kurz: Negativität) und projizierten es als Wahnbild auf ‚die Juden’, um es – überblendet mit dem Wahnbild von den ‚Geldmenschen’, dem ‚raffenden Kapital’, ‚dem Finanzjudentum’ und der abstrakten Arbeit sowie aller ‚Nichtarbeit’, also der Vorstellung von der Bourgeoisie und der ganzen unbegriffenen Widersprüchlichkeit des Kapitalismus – in Gestalt der als ‚jüdisch’ selektierten Menschen physisch zu vernichten.“ (Proletarität aufheben, in: Diskus 2005)

Als Schlußfolgerung aus dieser Skizze, die wir teilen, drängt sich das Gegenteil dessen auf, worauf BBZN hinauswollen: Sie kann nur darin bestehen, die verdrängte Negativität wo immer möglich zur Geltung bringen; das „revolutionäre“ Terrain und das „antifaschistische“ sind eins. BBZN merken selbst an, die „Auseinandersetzung mit der bürgerlichen ‚Volksfront’-Linken“ (ebd.) sei für die SI entscheidend gewesen. Diesem Hinweis auf das antifaschistische Klassenbündnis als Projekt eben jener linken Tradition, die zu überwinden eines der ersten Anliegen der Situationisten war, wird aber nicht weiter nachgegangen. Es würde sich herausstellen, wie wenig originell das Plädoyer für „zwei Terrains“ ist, wie es vielmehr nur diese schlechte Linie verlängert. Umgekehrt wandten sich Vorläufer der SI wie die Linkskommunisten, die Pariser Surrealisten oder auch Walter Benjamin ausdrücklich gegen den bloßen Antifaschismus. Es fällt auf, daß BBZN sehr oft die dunkleren Passagen des Benjaminschen Oeuvres herbeizitieren, seine keineswegs schwer verständliche Kritik am bürgerlich-demokratischen Antifaschismus aber nicht zur Kenntnis nehmen: „Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der ‚Ausnahmezustand’, in dem wir leben, die Regel ist. Wir müssen zu einem Begriff von Geschichte kommen, der dem entspricht. Dann wird uns als unsere Aufgabe die Herbeiführung des wirklichen Ausnahmezustands vor Augen stehen; und dadurch wird unsere Position im Kampf gegen den Faschismus sich verbessern.“ (Über den Begriff der Geschichte)

Die genannten Strömungen und Individuen verband die Einsicht in die Aussichtslosigkeit des Versuchs, im Bund mit den einsichtig-demokratischen Kräften des Bürgertums den Faschismus zu verhindern (Benjamin verortete sich „in einem Augenblick, da die Politiker, auf die die Gegner des Faschismus gehofft hatten, am Boden liegen und ihre Niederlage mit dem Verrat an der eigenen Sache bekräftigen“ und meinte damit die Führer der verbürgerlichten Arbeiterbewegung mit ihrem „sturen Fortschrittsglauben“). Der Faschismus, auch der deutsche, besiegte die Reste der Arbeiterbewegung von außen, als diese durch die sozialdemokratische und stalinistische Konterrevolution von innen bereits zerstört war (oder, böse gewendet: zu sich selbst gekommen). Im demokratisch-antifaschistischen Bewußtsein verdrängt der glückliche Ausgang des Zweiten Weltkrieges die historische Tatsache, daß die Nazi-Barbarei als autoritäre Rettung der krisengeschüttelten Ordnung zunächst keineswegs auf Widerstand des demokratischen Auslands stieß, sondern sich, solange sie nur im Inneren Deutschlands wütete, durchaus einer gewissen Sympathie seitens der Bürger in aller Welt erfreuen durfte; daß die demokratischen Staaten keine Anstalten machten, die verfolgten Juden aufzunehmen; daß die linke Volksfrontregierung in Frankreich, Léon Blum zufolge kreiert, „um die Revolution zu vermeiden“, keinen Handstreich gegen den spanischen Faschismus unternahm und sich gegenüber Nazi-Deutschland in Appeasement übte; daß es wiederum das republikanisch-stalinistische Lager in Spanien war, das „die Revolution zerschlug, um den Bürgerkrieg zu verlieren“(Gesellschaft des Spektakels, § 94).

In der tiefen Krise der bürgerlichen Welt hätten sich ihre bewahrenswerten Momente nur im Zuge ihrer kommunistischen Aufhebung retten lassen können; aber diese war versperrt, weil den Organisationen der Arbeiterklasse außer dem verzweifelten Versuch zur Aufrechterhaltung der bürgerlichen Demokratie nichts einfiel – was außer ihr niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlockte, jedenfalls nicht die bürgerliche Klasse; nicht in Italien, nicht in Deutschland und auch nicht in Frankreich, als die Nazi-Deutschen kamen („Lieber Hitler als Blum“). Nicht in mangelnder Verteidigung der bürgerlichen Demokratie – oder „zivilisatorischen Standards“, wie BBZN das nennen – bestand das Versagen der Arbeiterbewegung angesichts des Faschismus. Umgekehrt: Zu sehr war sie sozialdemokratisch-parteikommunistisch in eben diese bürgerliche Ordnung hineingewachsen, um in deren Krise noch einen Ausweg zu weisen; längst hatten Reformisten und Stalinisten die Arbeiter zu „zivilisatorischen Standards“ wie Nationalismus und Staatsanbetung erzogen und so, bei allen Differenzen, für die viele mit dem Leben bezahlt haben, dem Faschismus den Weg bereitet.

Die wenigen verbliebenen Revolutionäre hatten dagegen erkannt, daß in der zugespitzten Situation eine defensiv-bürgerliche Haltung einer Kapitulation vor dem Faschismus gleichkam, auch wenn sie das Gegenteil beabsichtigte. So die Surrealisten, die einen der letzten verzweifelten Versuche unternahmen, einer in Legalismus und Parlamenten verendenden Arbeiterbewegung noch einmal den Geist der Subversion einzuhauchen – „Wenn ihr den Frieden wollt, dann bereitet den Bürgerkrieg vor!“ –, die die schlaffe Volksfront ebenso kritisierten wie den „Kongreß zur Verteidigung der Kultur“, den Stalinisten gegen den drohenden Faschismus und im Zeichen des französisch-russischen Beistandspakts organisierten; die weder die Kultur der Bourgeoisie verteidigen mochten noch deren staatssozialistische Verewigung durch Werte wie Arbeitsethos, Familie und Vaterland hinnehmen, und dies alles gerade im Zeichen der faschistischen Bedrohung. So auch die linken Kommunisten, die den Kampf um die Verteidigung der bürgerlichen Legalität als sinnlos erkannten und alle Hoffnung in den autonomen Klassenkampf setzten; ein Vorhaben, das wenigstens in Spanien und am Vorabend des italienischen Faschismus noch Aussicht besaß, an dem Bordiga die Basis der KPI aufrief, sich von den klassenübergreifenden demokratisch-antifaschistischen Kampfbünden fernzuhalten und den Kampf auf ihrem eigenen Terrain aufzunehmen. Wo die Klasse zu schwach ist, ihr eigenes Projekt zu verfolgen, wird sie auch nicht in der Lage sein, dem Bürgertum ihren antifaschistischen Willen aufzuzwingen.

Geschichte und Geschichtsphilosophie

Während oben zitierte Skizze der Volksgemeinschaft diese Perspektive stützt, arbeiten BBZN in Situationistische Revolutionstheorie an der Verdunkelung des Zusammenhangs von bürgerlicher Gesellschaft, Klassenverhältnis und antisemitischem Wahn. Sie erliegen dem Mißverständnis, jeder Begriff der Massenvernichtung sei gleichbedeutend mit Rationalisierung, wie in folgender Passage besonders deutlich wird: „Denn jeder rationalistische Erklärungsversuch des konkreten, besonderen historischen Ereignisses der Shoah unter Verwendung allgemeiner Formeln, wie z.B. ihrer Ableitung aus einer Ideologie oder aus ökonomischen und politischen Interesselagen bestimmter Gesellschaftsklassen und -gruppen, bedingt eine Reduktion des spezifischen, komplexen Charakters dieser historisch unvergleichlichen, von Menschen in volksstaatlicher Perfektion organisierten historischen Katastrophe, der mit ihr in allen gesellschaftlichen Sphären bewirkten gattungsgeschichtlichen Bruchs.“ (Vol. II: 219) Jede Erklärung ist eine Reduktion, darum noch lange nicht „reduktionistisch“(ebd.), „rationalistisch“ oder auf „Formeln“ gebaut. Entweder man versucht – wie in oben zitierter Skizze – den Massenmord historisch zu begreifen, als monströsen Akt, der in einem Liberalismus und Marxismus zu exorzieren sucht, Bürger und Proleten im Akt der Vernichtung zur Gemeinschaft von Volksgenossen zusammenschweißt; oder man hält dies – wie hier vorgeführt – für eine „Reduktion“ und verschiebt das historische Ereignis in die Black Box der Unbegreifbarkeit. Dann aber läßt sich von ihm auch nichts weiter sagen, und so bleiben nur, in bestem Seminardeutsch, die Leerformeln „spezifisch“, „konkret“, „komplex“ usw.. Nebenbei bemerkt ist, weil aus dem Unbestimmten nichts folgt und folgen kann, die Unbegreifbarkeit der Massenvernichtung ein Lieblingsmotiv der Kulturindustrie und der politischen Sonntagsredner: Man will besser nicht wissen, was der Massenmord mit der bestehenden Ordnung zu tun haben könnte. „Genaueres“ kann man dann bei den Fachhistorikern nachlesen, die ihn in Tausenden von Detailstudien begriffslos nachzeichnen.

Das Unbegreifliche und Unvergleichliche der Massenvernichtung radikalisieren BBZN in einem nächsten Schritt zu der These, daß die mit der Shoah hergestellte Konstellation „den ganzen bisherigen Geschichtsverlauf gesprengt hat“, „Deutschland die Gattungsgeschichte zerriß“ und nun „die ganze bis dahin ‚geltende’ Geschichtssauffassung ... radikal zur Disposition gestellt“ sei, „denn nach ihr hätte die Shoah nicht ‚passieren’ dürfen.“ Der Name Auschwitz grenze das Verbrechen von anderen Genoziden „qualitativ historisch und ethisch trennscharf ab, zeigt somit die historische, soziale und moralische Unvergleichlichkeit und Einzigartigkeit (Singularität) an.“(Vol. II: 219) Man kann sich nur schwer des Eindrucks erwehren, mit diesen pompösen Sätzen wollten sich die Autoren über eigene Unsicherheit hinwegtäuschen. Der Befund der zerrissenen Geschichte wird zwar mehrere Male wiederholt, aber kaum begründet; auch die moralische Unvergleichlichkeit wird bloß dekretiert, nicht erklärt: „trennscharf“ ist hier gar nichts.

Aufschlußreich ist das bewußtlose Changieren zwischen Geschichte und Geschichtsauffassung. Von einem Bruch der Geschichte zu sprechen, kann nur auf deren Beschönigung hinauslaufen, als hätte es kein 1914, keine Kolonialmassaker und nie die Minen von Potosi gegeben. Gattungsgeschichte, die fortschreitende Vergesellschaftung der Menschen hinter ihrem Rücken, hat sich nie anders als durch Herrschaft und Ausbeutung vollzogen und war stets von Mord und Totschlag begleitet. „Daß es ‚so weiter’ geht, ist die Katastrophe“ (Benjamin). Was den Nazi-Faschismus in dieser Geschichte ausmacht, ist mindestens zweierlei. Erstens triumphiert er in einer Situation, in der niemand sich mehr darauf hinausreden kann, die objektiven Bedingungen für die Revolution seien noch nicht reif. Zweitens kann sein mit größtem Eifer als Staatsprojekt vorangetriebenes Verbrechen: die Vernichtung der Juden, nicht durch irgendein materielles Kalkül erklärt werden, so sehr auch alle, vom durchschnittlichen Volksgenossen bis zum Großkapital, aus der Judenverfolgung und -vernichtung etwas für sich herauszuschlagen wußten.

Was das erste betrifft: Gesprengt ist nicht die Geschichte, sondern das Vertrauen in sie. In der Todeskrise des Kapitals 1929 hing alles davon ab, ob die Ausgebeuteten die Chance ergreifen, einem überlebten System den Garaus zu machen, und diese Chance wurde vertan; und weil die herrschende Ordnung ihre Krise in bürgerlich-liberaler Form nicht mehr bewältigen konnte, war die Volksgemeinschaft das Resultat. Daher zu dieser Zeit die Abrechnung Benjamins und Horkheimers mit der zuversichtlich-kontemplativen Geschichtsphilosophie der Arbeiterbewegung, deren kommunistischer Flügel sich mit kraftmeierischer Zuversicht über seine kampflose Niederlage hinwegzutäuschen suchte. Jeder Versuch, dem Leiden der Gegenwart den höheren Sinn abzupressen, es sei notwendig, um die Bedingungen für den freien Verein der Menschheit herzustellen, ist nun definitiv am Ende. Die List der Vernunft, die der Materialismus in der grausamen kapitalistischen Geschichte am Werk sehen wollte, dergestalt, daß die Herrschenden mit der Entfaltung der Produktivkräfte und der Schaffung des Proletariats unweigerlich an ihrem eigenen Untergang arbeiteten, steht und fällt mit dessen Praxis, ist mit ihrem Ausbleiben im Moment der größten Not erledigt. Daß die Agitationsschriften der SI dessen ungeachtet gelegentlich einen „verborgenen linkskommunistischen Geschichtsoptimismus“ (BBZN) verbreiten, ist zwar richtig, wenn sie dies auch weniger als wissenschaftliche Prognose denn als Aufruf taten, diesen Optimismus endlich als begründeten zu erweisen; andererseits hat Debord, nicht in Reflexion auf Auschwitz, sondern mit Blick auf die Niederlagen der sozialen Revolution, die der deutschen den Weg bereiteten, alles naive Vertrauen in den Gang der Geschichte, die Produktivkräfte, die Krise als bürgerliche Ideologie attackiert. Nach der Lektüre der Gesellschaft des Spektakels mag man um so leichter die Lächerlichkeit des Zwangsoptimismus ermessen, mit dem der gegenwärtige krisenhafte Zustand des Weltsystems als solcher zum Mutmacher umgedeutet wird (etwa wenn die Zeitschrift Wildcat Schadenfreude über das amerikanische Debakel im Irak kund tut, ohne sich über die Scheußlichkeit der Gegenkräfte Rechenschaft abzulegen. Man meint hier immer noch, mit dem Strom der Geschichte zu schwimmen; die Krise gilt nicht als Moment der Entscheidung, sondern wird immer schon auf der Seite der Revolution verbucht.)

Was das zweite betrifft: Opfer einer zum Wahn gesteigerten Ideologie geworden zu sein, die von den Nazi-Deutschen systematisch vollstreckt wurde, unterscheidet die Juden von den zahllosen anderen Opfern der Geschichte. Der geplante Massenmord zielte auf die „Befreiung“ der Welt von der „Gegen-Rasse“. Diese Einzigartigkeit von Auschwitz jedoch in eine moralische Hierarchisierung von Verbrechen zu überführen, worauf BBZN mit ihrer Behauptung einer „moralischen Unvergleichlichkeit“ aus sind, ist irrational und zynisch. Weder läßt sich die Behauptung halten, in all dem Grauen, aus dem die Menschheitsgeschichte besteht, sei dies nun das Allerschlimmste gewesen; noch ist ersichtlich, welche Erkenntnis damit gewonnen wäre, außer der für die Henker dieser Welt beruhigenden, sie seien, „trennscharf“ bestimmbar, immerhin weniger verwerfliche Menschen als die Nazis. So mit der Moral auf die Geschichte loszugehen, ist unmoralisch (und dem blinden Wirken des Kapitals mit seinen fürchterlichen Folgen nicht mit moralischen Kategorien beizukommen). Gegen die Einebnung der geplanten Massenvernichtung ins große Einerlei hilft nicht moralische Beschwörung oder geschichtsphilosophisches Geraune, sondern nur die Bestimmung ihrer Besonderheiten. So ergibt sich aus Auschwitz die Notwendigkeit, den Übergang der bürgerlichen Klassengesellschaft in die Volksgemeinschaft zu vergegenwärtigen und die Gefahr des modernen Antisemitismus ernst zu nehmen, dessen Wirkmächtigkeit auch und gerade in den subalternen Klassen in seinen pseudo-rebellischen, verschoben-antikapitalistischen Zügen begründet liegt.

Im Übrigen werfen BBZN selbst ein merkwürdiges Licht auf ihre Behauptung eines Bruchs der Geschichte: Sie bleibt ihren zwei Bänden vollkommen äußerlich.

2.

Der Abgrund zwischen den zwei Terrains offenbart sich in der Auseinandersetzung mit der situationistischen Position zum Nahost-Konflikt. Weil die Analyse Zwei lokale Kriege von der Auflösung des Staates Israel spricht, wird sie in den Giftschrank gestopft.

Einige Einwände gegen den Text sind begründet. Die jüdischen Israelis haben gewiß nicht „all das neu geschaffen, was sie zu Opfern gemacht hatte: den Fanatismus und die Rassentrennung“ (Zwei lokale Kriege), und ebenso zweifellos stellt die Behauptung, die Juden hätten darunter gelitten, „in ihrer Gesellschaft bloß geduldet zu sein“, eine Verharmlosung der Geschichte dar. Weil die Parteigänger des arabischen Nationalismus und seiner islamistischen Konkurrenz Israel als imperialistisches Projekt zur Knechtung der Palästinenser, der arabischen Welt oder der Muslime dämonisieren, ist das ganze Ausmaß der Verfolgung und Vernichtung der Juden zu benennen, das schließlich zur Gründung des Staates Israel führte. Von Auschwitz aber bei der SI kein Wort. Auch den arabischen Aufstand 1936 ff. scheint sie eher unkritisch zu sehen.

Für BBZN ergibt sich daraus allerdings die Unhaltbarkeit der Forderung der SI, eine revolutionäre Strömung müsse sich als „absolute Negation“ zur Entwicklung in Israel und den arabischen Staaten verhalten: „Dass es sich bei der Existenznotwendigkeit des Staates Israel um einen historischen Sonderfall handelt, der von dem antisemitischen Charakter der kapitalistischen Welt permanent bedingt bleibt und seit der Shoah (die von der SI auch in diesem Zusammenhang nie direkt erwähnt wird) mehr als ein normalstaatlicher bloßer ‚Gründungs-Mythos’ ist, fällt aus dieser ‚realpolitischen’ Analyse der SI heraus.“ (Vol. I:228; bei der SI ist übrigens von keinem „Gründungs-Mythos“ die Rede)

Wie mittlerweile in der deutschen Linken nicht unüblich, retten sich BBZN mit dem Verweis auf den historischen Grund, der Israel hervorbrachte, über die Auseinandersetzung mit dem Resultat hinweg, verweisen auf die subjektiven Motive der nach Israel auswandernden Juden, um den objektiven Charakter von Staatlichkeit auszublenden. Es steht außer Frage, daß kein Staat der Welt aus einer Leidensgeschichte hervorgegangen ist, die der jüdischen vergleichbar wäre. Doch „dass die einzige Konsequenz aus Auschwitz bisher die Gründung eines Staates war, der Jüdinnen und Juden vor mörderischem Antisemitismus schützen soll“ (BBZN), enthebt diese Konsequenz nicht aller Kritik.

Der Schluß vom Antisemitismus auf die Bejahung eines neuen nationalistischen Gewaltapparates erscheint BBZN so selbstverständlich, zwingend und einfach, daß sie dort, wo er nicht gezogen wird, eine psychische Blockade vermuten müssen. Wie sehr die kritische Distanz zu den arabischen Staaten und Israel mit dem gesamten Projekt der SI stimmig ist, wird verwischt, wobei die genannten richtigen Einwände gegen Zwei lokale Kriege den Eindruck erwecken helfen, man habe es mit einem plötzlichen Aussetzer der ansonsten in den höchsten Tönen gelobten Situationisten zu tun. An dieser Stelle jedoch wird ihnen psychologisierend attestiert, durch die Shoah traumatisiert und narzißtisch gekränkt gewesen zu sein, sie verdrängt und nur deshalb die Existenznotwendigkeit Israels nicht eingesehen zu haben. Tatsächlich aber verstehen die Situationisten Israel, auch wenn sie Auschwitz nicht benennen, als Produkt des „antisemitischen Wahnsinns des dekadenten Kapitalismus“, der somit dem Zionismus „recht gegeben“ habe. Dieser sei allerdings „von Anfang an das Gegenteil einer revolutionären Lösung“ dessen gewesen, „was man die Judenfrage nannte.“ Wenn BBZN fragen: „Wo aber war jene ‚revolutionäre Lösung’ geblieben, welche hier von der SI beschworen wird?“, läuft dies ins Leere. Der Niedergang der revolutionären Arbeiterbewegung mit all seinen katastrophalen Folgen wird von den Situationisten nicht bestritten, sondern gerade konstatiert. Darum präsentieren sie auch keineswegs „das spektakuläre Bild einer Scheinlösung post festum“ und somit „ein Stück revolutionäre Ideologie pur“(BBZN). Wie BBZN nur zu gut wissen, hatte sich die SI gerade der Aufgabe verschrieben, die richtigen Momente dieser verblichenen Bewegung in einem neuen Anlauf wieder aufzunehmen; in diesem Fall die von früheren Revolutionären angestrebte „Umwälzung einer Gesellschaft die die Verfolgung der Juden brauchte“ (Zwei lokale Kriege). Während BBZN die Weigerung der SI, die historischen Niederlagen resignativ als das letzte Wort der Menschheitsgeschichte hinzunehmen, sonst entschieden verteidigen, soll nun das historische Scheitern des Kommunismus als Argument gegen seine Notwendigkeit gelten. Wie jeder gewendete Ex-68er legitimieren sie mit dem Verschwinden der revolutionären Bewegung ihre Anpassung an die falschen Verhältnisse, und sei es nur deren konkrete Gestalt irgendwo weit weg im Nahen Osten: Ein Stück bürgerliche Ideologie pur.

Die Psychologisierung der SI erweist sich als projektiv, denn eine Verdrängungsleistung vollbringen nicht die Situationisten, sondern ihre Kritiker, indem sie jegliches Bewußtsein dessen tilgen, was ihre Neuauflage des verhängnisvollen linken Fehlers, irgendwelchen Staaten die Treue zu halten, unweigerlich impliziert. Geltend macht sich diese Verdrängung darin, daß die situationistische Analyse des Nahostkonflikts weder kritisiert noch aktualisiert, streng genommen überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wird und auch nicht zur Kenntnis genommen werden darf. Während eine konsequent antistaatliche Position zum Nahost-Konflikt hierzulande seit einiger Zeit als „abstrakter Antinationalismus“ gegeißelt wird, ist es vielmehr die Kritik von BBZN, die abstrakt bleibt. Zwei lokale Kriege wird bloß auf die formelhaften Bekenntnisse abgeklopft, die seit einiger Zeit durch die deutsche Linke geistern – und das war’s dann auch schon.

Die situationistische Kritik Israels ist von der antiimperialistisch motivierten Verneinung des Existenzrechts ausgerechnet dieses einen Staates grundverschieden. BBZN verwischen diesen Unterschied, gerade indem sie ihn beiläufig erwähnen. Die antiimperialistische Feinderklärung an Israel ist ja nicht deshalb falsch, weil sie staatskritisch wäre, sondern weil sie genau dies nicht ist und vielmehr Israel als „künstliches Gebilde“ von legitimen, organisch in der Scholle verwurzelten Staaten unterscheidet, denen sie als Etappen auf dem Weg zum Sozialismus akklamiert. Mit dieser linksvölkischen Staatsauffassung hatten die Situationisten selbstverständlich nichts zu tun, und so müssen auch BBZN notieren, „daß die ‚Auflösung’ des Staates Israel von der SI nur und zugleich mit der Auflösung aller Staaten in dieser Region (und auch sonst auf der Welt), mit ihrer Ersetzung durch eine direkte Rätedemokratie des Proletariats“(Vol. I:227) angestrebt wird. Worin liegt dann eigentlich das Problem? Die Feststellung bleibt völlig folgenlos, obwohl in ihr der Kern der ganzen Debatte um Israel liegt. Tatsächlich zählt die SI zu den ersten Kritikern des arabischen Nationalismus und war daher keineswegs so idiotisch, die Vernichtungsdrohungen gegen Israel womöglich als Schritt in die richtige Richtung zu deuten – nach dem Motto: Immerhin ein Staat weniger – und nicht als Ausdruck des reaktionären Charakters der arabischen Despotien, die „nur durch die Aufrechterhaltung des israelischen Vorwands“ überleben konnten und bis heute können: „Die Parolen, die das bürokratisch-militärische ägyptische Regime populär gemacht haben, waren an sich schlecht und es war nicht imstande, sie durchzusetzen. Die arabische Einheit und die Zerstörung Israels (einmal als die Liquidierung des unrechtmäßigen Staates formuliert, das andere mal als schlichtes Hinaustreiben seiner Bevölkerung ins Meer) standen im Mittelpunkt dieser Propaganda-Ideologie.“ (Zwei lokale Kriege) Damals wie heute erwächst daraus die Notwendigkeit, diese Despotien zu bekämpfen, wobei man den Umständen entsprechend mit ihren hiesigen Anhängern vorlieb nehmen muß; im Zuge der Friedensbewegung 2003 bot sich dazu mehr Gelegenheit, als einem lieb sein konnte.

Realpolitik und Revolution

Israel gegen das antiimperialistische Ressentiment zu verteidigen, ist aber von einer Parteinahme für diesen Staat strikt zu trennen; hier verläuft die Grenze zwischen Ideologiekritik und Weltpolitikspielen. Mit der Proklamation seiner Existenznotwendigkeit verbleiben BBZN auf einer vollkommen schiefen Ebene; „realpolitisch“ sind nicht die Situationisten, sondern ihre vermeintlichen Kritiker (eine weitere Projektion). Anstatt die Frage – hat dieser Staat ein Existenzrecht? –zurückzuweisen, geben BBZN nur eine andere Antwort. Gerade diese Fragestellung muß allerdings als spektakulär bezeichnet werden, zielt sie doch auf „das Einvernehmen des zuschauenden Gewissens mit fremden Dingen“ (Zwei lokale Kriege). Die streitenden Parteien führen sich auf wie die UN-Vollversammlung (die sich 1947 dann dazu durchrang, Israel ein Existenzrecht zuzusprechen: soviel dazu), während sie an deutschen Kneipentischen ihre Zeit mit erhitzten Debatten vertrödeln. Für Kommunistinnen ist diese Frage schlicht gegenstandslos, weil der freie Verein der Menschheit anders als auf dem Wege der Liquidierung aller Staaten nicht herzustellen sein wird und das moralische Räsonnieren über die „Berechtigung“ oder „Notwendigkeit“ dieses oder jenes Gewaltapparates dem lieben Weltgeist überlassen bleiben darf. Wie sollte man sich auch eine Weltrevolution vorstellen, die inmitten der Auflösung aller Staaten einen Staat gewähren läßt?

Die übliche Antwort, die Revolution stehe eben nicht auf der Tagesordnung, ist eine Ausflucht. Auch die SI wußte nur zu gut, wie mies die Aussichten für eine Umwälzung der nahöstlichen Gesellschaften standen. Ihr Einsatz bestand zunächst darin, die Revolution gegen ihre spektakulären Zerrbilder – arabischer Nationalismus, sozialistische Kibbuzim – als historische Möglichkeit zu verteidigen, ohne sich Illusionen über die nähere Zukunft zu machen. Ausgangspunkt war die Einschätzung, eine realpolitische Lösung des israelisch-arabischen Konflikts sei unwahrscheinlich: „Im Gegensatz zum amerikanischen Krieg [in Vietnam] hat die palästinensische Frage keine unmittelbar sichtbare Lösung. Keine kurzfristige ist durchführbar. Unter der Last ihrer Widersprüche können die arabischen Regimes bloß zusammenbrechen, während Israel immer mehr von der Logik seiner kolonialen Politik gefangengenommen wird. Alle Kompromisse, die die Großmächte und ihre jeweiligen Verbündeten zusammenzuflicken versuchen, können auf jeden Fall nur konterrevolutionär sein. Der zwitterhafte Status quo – weder Krieg noch Frieden – wird vermutlich für lange Zeit gelten, in der die arabischen Regimes dasselbe Schicksal wie ihre Vorgänger 1948 erfahren werden (wahrscheinlich anfangs zugunsten der offen reaktionären Kräfte).“ Vor diesem Hintergrund hieß es dann: „Die künftigen arabischen revolutionären Kräfte, die aus den Trümmern der Niederlage vom Juni 1967 hervorgehen müssen, werden wissen, daß sie mit keinem der bestehenden arabischen Regimes etwas gemeinsam und daß sich nichts an den bestehenden Mächten, die die heutige Welt beherrschen, zu respektieren haben. [...] Die palästinensische Frage ist zu schwerwiegend, als daß sie den Staaten, d.h. den Obristen überlassen werden kann. Sie ist zu eng mit den beiden grundsätzlichen Fragen der modernen Revolution – dem Internationalismus und dem Staat - verbunden, als daß irgendeine heute bestehende Kraft sie angemessen lösen kann. Allein eine entschlossen internationalistische und antistaatliche, revolutionäre arabische Bewegung kann gleichzeitig den israelischen Staat auflösen und die von ihm ausgebeuteten Massen für sich gewinnen. Sie allein kann durch den denselben Prozeß alle bestehenden arabischen Staaten auflösen und die arabische Einigung durch die Macht der Räte errichten.“

Die Prognose über den weiteren Verlauf des Konflikts war recht treffend, wenn es auch mit dem Zusammenbruch der arabischen Regimes noch etwas hapert; die Hoffnung auf eine revolutionäre Bewegung hat sich dagegen bekanntlich nicht erfüllt. Nicht auszuschließen, daß der zwitterhafte Status Quo im Nahen Osten doch noch zum „Frieden“ hin überwunden wird (was keineswegs konterrevolutionär wäre, sondern die Bedingungen für die Umwälzung erheblich verbessern würde) und sich der Ausblick der SI in dieser Hinsicht als übertrieben pessimistisch erweist. Aber darum geht es nicht. Denn solche Fragen diskutiert man unweigerlich als Zuschauer, der keinerlei Einfluß auf das Betrachtete hat. Anders verhält es sich mit dem Hoffen der SI auf eine anti-staatliche Bewegung der Proletarisierten im Nahen Osten. Diese kann selbstredend nicht fern ab vom Geschehen von einer Handvoll kritischer Individuen initiiert werden. Doch zeichneten sich die Bewegungen um 1968, welche die SI kommen sah, durch ihre Internationalität aus. Die Erfahrungen aus den Klassenkämpfen und die mit ihnen verbundenen radikalen Ideen, nicht zuletzt die der SI, zirkulierten um den ganzen Globus. Mit Zwei lokale Kriege unterbreiteten die Situationisten nicht, wie die heutigen linken Nahostexperten, den Mächtigen pfiffige Rezepte zur Krisenlösung, sondern intervenierten in eine entstehende weltweite Bewegung – gegen den Pakt mit dem arabischen Nationalismus und seine hohlen staatssozialistischen Phrasen, gegen die Parteinahme für die israelische Klassengesellschaft und ihren Staat. Die auf den ersten Blick vollkommen abstrakte, als deus ex machina funktionierende Heraufbeschwörung einer sozialrevolutionären Bewegung in der arabischen Welt war daher gar nicht so absurd. Angeregt von einem etwas konfusen Vorbild in den USA kam es beispielsweise nach 1967 auch in Israel zu einer Bewegung der Black Panthers von orientalischen Juden, die sich gegen das ihnen in den untersten Schichten der israelischen Gesellschaft zugedachte Elend wendeten und Kontakte mit Palästinensern aufnahmen. Das alles führte nicht besonders weit, aber was beweist das schon?

Die SI hat diese Perspektive nicht dogmatisch an die Situation im Nahen Osten herangetragen, sondern aus deren nüchterner Untersuchung gewonnen. Es entbehrt nicht der Ironie, wie BBZN der SI mangelnde „Wahrnehmung der konkreten Geschichtstotalität“ vorwerfen, selbst aber nicht das Geringste zu deren Skizze der Region zu sagen wissen. Israel wird darin nicht als „illegitimer Staat“ o.ä. kritisiert, sondern als „eine übliche Klassengesellschaft“, die zudem wie jede andere auch auf nationaler Ausgrenzung basiert – mit der historischen Besonderheit eben, daß sie sich zunächst einmal gegen die ansässige Bevölkerung durchsetzen mußte: „Die Erbsünde des Zionismus besteht darin, immer so getan zu haben, als wäre Palästina eine menschenleere Insel.“ Dies wurde nicht als Verstoß gegen irgendwelche heiligen nationalen Rechte der Palästinenser verurteilt, sondern als für die Staatsgründung zwingend notwendige „Vertreibung der arabischen Bauern“ beschrieben, die allerdings auch nicht in die kapitalistische Ökonomie einbezogen werden konnten. So bemerkt die SI über die Histadrut: „Ihren Statuten gemäß waren die arabischen Arbeiter aus ihr ausgeschlossen, und ihre Tätigkeit bestand oft darin, den jüdischen Unternehmern zu verbieten, sie zu beschäftigen.“ Stellt die Histadrut als Mischung aus Staatsunternehmen und Gewerkschaft auch ein Unikat dar, so ist an diesem Ausschluß nichts ungewöhnliches – jeder Staat bewirkt nationalistische Klassenspaltung, und in dieser Hinsicht ist Israel eben kein „Sonderfall“ (BBZN). Entsprechend kritisierte die SI den sozialistischen Arbeiterzionismus nach beiden Seiten hin – als Integration der jüdischen Arbeiter ins Kapitalverhältnis und als nationalistisches Modell. Die arabische Seite wiederum war für sie ohnehin nichts weiter als eine Ansammlung bürokratisch-nationalistischer Despotien, die den Konflikt von Anfang verschärft haben.

3.

Allen Mängeln zum Trotz weist Zwei lokale Kriege weit über das Elend der heutigen deutschen Linken hinaus. Angesichts der grassierenden antiisraelischen Ressentiments sind die gegenwärtigen Prioritäten kommunistischer Kritik klar. Man wird den linksvölkischen Antiimperialismus allerdings nicht kritisieren können, solange man sich zum israelischen Nationalismus apologetisch verhält. Keinem Globalisierungsbewegten wird man mangelnde Staatskritik vorhalten können, solange man sie nicht selbst konsequent betreibt, keinen Palästinenser für den Vaterlandsverrat gewinnen, wenn gleichzeitig ein Eid auf den israelischen Staat verlangt wird, der ihn nicht haben will.

Was die trübe deutsche Linke von der SI lernen könnte, ist der Verzicht auf jede Identifikation mit einer der Konfliktparteien im Nahen Osten, in der sich die nationalistische Überlagerung der Klassenverhältnisse im Nahen Osten verlängert. Antiimperialisten wie pro-israelische Linke sind zu keiner Klassenanalyse in der Lage und vollziehen lieber die Schachzüge der großen Politik nach. Beiderseits löst sich die Entwicklung im Nahen Osten in nichts als Unterdrückung und Gewalt, gute und böse Staaten auf. Was die anhaltende Ausgrenzung der palästinensischen Flüchtlinge in den arabischen Bruderstaaten, wo sie seit Jahrzehnten in Lagern vegetieren, mit ihrer hoffnungslosen Existenz als überschüssige Arbeitskraft zu tun hat, die niemand haben will, interessiert weder die einen noch die anderen. Man müßte dazu den moralischen Eifer beiseite lassen und die Frage stellen, welche Aussichten der Weltmarkt den palästinensischen Proletariern zu bieten hat, ganz gleich, unter wessen staatliche Souveränität sie gerade fallen. Lieber streitet man sich über ihr Rückkehrrecht ins israelische Kernland, wobei sich die Antiimperialisten als völkische Ideologen betätigen und die Vererbbarkeit des Anspruchs auf die heimatliche Scholle auf die Kindeskinder der geflohenen und vertriebenen Palästinenser propagieren, während die Freunde Israels zeigen, was es mit der Ausnahme von der sonst pflichtgemäß im Mund geführten Staatskritik auf sich hat, wenn sie von der Niederlassungsfreiheit aller Menschen überall nichts mehr wissen wollen und vor Überfremdung des jüdischen Staates durch anrückende Palästinenserhorden warnen.

Es ist bezeichnend für den Zustand der deutschen Linken, daß der Versuch, die Grenzen der SI zu überwinden, letztlich darin mündet, hinter ihren Universalismus zurückzufallen. Wie man sich die „Konstituierung des Proletariats als transnationale revolutionäre Klasse“ (BBZN) auf die Fahnen schreiben kann, nur um im nächsten Satz zu befinden, manchmal müsse Nationalismus eben sein, bleibt ein Rätsel, das keine „Dialektik“ auflösen wird.
Veranstaltungsgruppe Revolutionstheorien Revisited (Berlin)