Freundinnen und Freunde
der klassenlosen Gesellschaft
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Werner Imhof

Was heißt: Selbstaufhebung des Proletariats?

Leicht überarbeitete Fassung des Vortrags im Rahmen der Reihe Revolutionstheorien Revisited vom 15.07.05 in Berlin


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Einleiten möchte ich den Vortrag mit einigen persönlichen Daten. Wozu? Weil sich damit meine persönliche Entwicklung verbindet und Entwicklung eine zentrale Kategorie unseres Themas ist. Die Selbstaufhebung des Proletariats ist überhaupt nur als Entwicklung, und zwar allein als mögliche, nicht zwangsläufige Entwicklung, sinnvoll zu denken und zu diskutieren, auch wenn diese Entwicklung irgendwann in einen revolutionären Akt (oder "kurzen Prozeß") umschlagen müßte. Ein Denken, das keine Entwicklung kennt, wahrnehmen und verfolgen kann, ist steril und zum Scheitern verurteilt – egal, ob es sich um die Entwicklung objektiver Verhältnisse, um die Entwicklung individueller wie kollektiver Subjektivität oder um die Entwicklung von Begriffen handelt.

Ich bin 63 Jahre alt und seit drei Jahren Rentner. Nach abgebrochenem Studium der Literaturwissenschaften Ende der 60er Jahre habe ich meinen Lebensunterhalt als Lohnarbeiter bestritten, u.a. im Straßenbau, in einer Möbelfabrik, einer Hähnchenbrüterei, einer Druckerei und seit 1975 in einem Röhrenwerk des ehemaligen Mannesmann-Konzerns, einer Hochburg der Spezialdemokratie, wo ich gewerkschaftlicher Vertrauensmann und die letzten zehn Jahre Betriebsratsmitglied als Vertreter einer oppositionellen Betriebsgruppe war.

Die Arbeit in den verschiedenen Betrieben hat meine persönliche Entwicklung in vielerlei Hinsicht geprägt. Hier möchte ich zwei wesentliche Aspekte herausgreifen. Der erste betrifft die Kenntnis betrieblicher Produktionsabläufe und ihrer Beziehungen zur "Außenwelt", d.h. zur gesellschaftlichen Gesamtarbeit und zur Sphäre der individuellen wie produktiven Konsumtion. Ohne eigene Erfahrungen der Verbindungen und Trennungen zwischen Betrieb und Gesellschaft wäre mir die Vorstellung einer unmittelbar gesellschaftlichen Organisation der Gesamtarbeit kaum oder doch sehr viel schwerer zugänglich gewesen. Darauf komme ich noch zurück.

Der zweite Aspekt betrifft mein Verhältnis zum Partei- und Staatsmarxismus. Anfangs war ich selbst Maoist (nach eigenem Verständnis "Marxist-Leninist"), der in der Tradition Lenins (und Kautskys) erfüllt war von der Mission, sozialistisches Bewußtsein in die Arbeiterklasse zu tragen, ihr revolutionäres Bewußtsein zu "verleihen" (ganz unironisch verstanden). Beinhalten sollte es die Einsicht in die Unversöhnlichkeit des Klassengegensatzes von Lohnarbeit und Kapital, also Proletariat und Bourgeoisie, und in die Notwendigkeit der gewaltsamen Revolution zur Errichtung der Diktatur des Proletariats zwecks Expropriation der Expropriateure und Aufbau einer zentral geleiteten Wirtschaft mit dem Ziel einer klassenlosen Gesellschaft.

Wenn man selbst Adressat konkurrierender maoistischer, trotzkistischer und traditionskommunistischer Organisationen und ihrer "Agitprop" ist, bleibt einem nicht lange verborgen, was die meisten Kollegen auf Anhieb spürten: daß das umworbene revolutionäre Subjekt tatsächlich nur Objekt angemaßter Stellvertretersubjekte war, denen zwar durchaus an selbständigen Aktionen der Arbeiter lag, aber nur weil sie hofften, die Vorherrschaft der traditionellen Stellvertreter zugunsten des eigenen Einflusses brechen zu können. Die scheinbar rückständigen und "reformistisch" verdorbenen Arbeiter bewiesen in Wahrheit 100mal mehr Realitätssinn und Geschichtsverständnis als alle Sekten zusammen, wenn sie ihnen das Abenteuer ihrer Gefolgschaft versagten, die aller Erfahrung nach bestenfalls in eine marode und polizeilich kontrollierte Staatswirtschaft hätte münden können, mochten sich Maoisten und Trotzkisten noch so sehr vom "Sozialimperialismus" und Bürokratismus abgrenzen und den "wahren" Sozialismus beschwören.

Aus demselben Grund hatten die Kollegen auch ein recht pragmatisches Verhältnis zum Klassenkampf. Sie waren durchaus für ein echtes Kräftemessen mit der Kapitalseite und ggf. auch mit der Regierung, auch in Form eines Generalstreiks. Aber sie waren in ihrer großen Mehrheit nie bereit – und zwar aus gutem Grund, wie ich mich belehren lassen mußte – , den Kampf so "zuzuspitzen" (die ewige Hoffnung aller Linken), daß das Kapital – sei es als Einzelkapital oder gar als Gesamtkapital – in den Ruin oder in die Flucht getrieben und die kapitalistische Wirtschaftsordnung gefährdet würde. Kein vernünftiger Mensch, erst recht keine Klasse zerstört eine bestehende Ordnung, wenn er bzw. sie nicht weiß, was er bzw. sie selbst Anderes und Besseres an ihre Stelle setzen sollte. Woher aber sollten die Arbeiter das wissen, wenn nicht nur die alltägliche Erfahrung dazu keinen Anlaß gab, sondern auch und gerade die Superlinken sie auf ihre Rolle als Lohnabhängige festnagelten?

Im Rückblick betrachtet, war die "ML-Bewegung", die den Niedergang der "kommunistischen Weltbewegung" aufhalten wollte, selbst nur eine Episode und ein Symptom dieses Niedergangs, ein kurzer Abgesang auf die Ära des Partei- und Staatssozialismus. Man mag heute darüber lächeln oder gar lachen – aber es gibt absolut keinen Grund zur Selbstgefälligkeit, denn zum einen bleibt es eine zu erklärende historische Tatsache, daß die Partei- und Staatsfrömmigkeit ein Jahrhundert lang die beherrschende Orientierung der Arbeiterbewegung gewesen war. Zum andern sind wesentliche Elemente des verblichenen Parteimarxismus auch heute noch lebendig, auch im Kreis der hier Anwesenden:
- zum einen der Mythos, daß aus dem Antagonismus von Lohnarbeit und Kapital revolutionäres, emanzipatorisches Bewußtsein entstehen könnte;
- zum anderen ein Avantgardismus, der nur platonisch geworden ist, der nicht mehr Gefahr läuft, sich politisch und organisatorisch "die Hände schmutzig zu machen", weil er sich in revolutionärer Attitüde erschöpft, einer Attitüde, die sich in rein negatorischer Kapitalkritik einerseits und kommunistischer Zukunftsmalerei andererseits äußert.

Um zu illustrieren, was ich damit meine, möchte ich eine Passage aus einem Flugblatt der "Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft" vom November 2003 zitieren. In Abgrenzung gegen die "Illusionen der Staatslinken" heißt es dort:

„Der gesellschaftliche Reichtum kann nicht staatlich verteilt, er kann nur revolutionär angeeignet werden. Das heißt: Die freie Assoziation der Produzentinnen und Produzenten muß das kapitalistische Zwangsverhältnis ablösen. Dann wird nicht mehr blind für einen Markt produziert, den die Bedürfnisse der Menschen nur als zahlungsfähige Nachfrage interessieren, sondern die Produktion wird auf eine rationale Basis gestellt, die eine ganz andere Rationalität als die betriebswirtschaftliche ist. Weltweite Kooperation ersetzt die heutige Konkurrenz. Das Lohnsystem wird abgeschafft, das Geld wandert ins Museum der Vorgeschichte. Die notwendige Arbeit wird auf ein Minimum reduziert, bewußt verteilt und endlich zur Nebensache werden. Die Tätigkeiten werden erstmals frei gewählt werden können, je nach Neigung oder Fähigkeit. Eine Welt von Genüssen wird den Menschen erschlossen werden, und dieser Genüsse wird sich erstmals ohne Reue, ohne ein Bewußtsein des stets drohenden Mangels erfreut werden können. Die Verhältnisse, unter denen die Menschen kooperieren, werden nicht mehr vom Zwang diktiert, es steht keine Drohung des Verhungerns, keine des Ausschlusses mehr am Horizont: Der Sinn der Revolution ist die Abschaffung der Angst, die heute die Menschen in die Arme des Staates treibt, vor dem man sich doch in Wahrheit am meisten fürchten muß. Alle Formen der menschlichen Beziehungen, die von der alten Gesellschaft diktiert wurden, stehen zur Disposition, sämtliche irrationalen Kollektive, wie Familie, Nation oder Volk, werden ihrem wohlverdienten Ende zugeführt. Die zukünftigen Revolutionäre werden nicht noch einmal den Fehler begehen, den Staat erobern zu wollen. Er wird im Verlauf der Revolution dem Nichts übereignet. Zukünftige Generationen werden irgendwann darüber lachen, daß man früher meinte, etwas so Absurdes wie einen Staat haben zu müssen.“ (Kein Verzicht für den Standort – kein Frieden mit dem Lohnsystem)

Hier wird das Ende der Vorgeschichte verkündet, das Bild einer der heutigen Gesellschaft entgegengesetzten Welt gemalt. "Die freie Assoziation der Produzentinnen und Produzenten muß ..." – aber wie, auf welcher materiellen und subjektiven Grundlage kann sie überhaupt möglich werden? Was würde sie praktisch bedeuten? Und worin bestünde dann die "Freiheit" der Assoziation? Worin bestünde die ganz andere Rationalität der Produktion, und woher käme sie? Fiele sie vom Himmel? Wer sollte/könnte das Lohnsystem und das Geld abschaffen und wodurch? Wer würde die notwendige Arbeit reduzieren und sie bewußt verteilen und wie? Und wer bestimmte, daß sie zur Nebensache statt zum "ersten Lebensbedürfnis" wird? Die zukünftigen Revolutionäre?...

Was mich an diesem Gemälde stört, ist nicht nur die Anmaßung, mit der hier die Zukunft vorherbestimmt, geradezu dekretiert wird, sondern auch das Ausblenden jeder Entwicklung, die der Assoziation der Produzentinnen vorausgesetzt ist, außerdem die Unbestimmtheit der vermittelnden Praxis und der Subjekte dieser Praxis, die all die schönen Prophezeiungen erfüllen sollen. Es ist der alte elitäre Missionarismus, der hier als Prophetismus auftritt und seine Unsicherheit und Leerstellen hinter martialischen Phrasen verbirgt "Sie rufen gegen uns zum Kampf, wir erklären ihnen den Krieg! Nieder mit der Lohnsklaverei! Nieder mit dem Staat! Es lebe die Weltrevolution!", heißt es am Schluß. Welchen Nährwert hat dieser Verbalradikalismus außer dem der eigenen Selbstdarstellung gegenüber reformistischer Sozialstaatsbastelei? Für mich ist er nur deren revolutionaristisches Gegenstück, das wie ein Pfeifen im Walde klingt.

I. Die mögliche Zukunft ist in der gegenwärtigen Wirklichkeit enthalten oder – Wunschdenken


Ich halte also nichts von Zukunftsgemälden, die vorherbestimmen oder vorschreiben wollen, wie eine künftige Gesellschaft aussehen wird oder muß, schon gar nicht, wenn gleichzeitig die dazu nötige Praxis und die Entwicklung der ihr entsprechenden Subjektivität im Dunkeln bleiben und durch die Zauberformel "Revolution" überspielt werden. Statt dessen geht es mir darum, ausgehend von den heutigen Verhältnissen die mögliche Praxis der lohnabhängigen Produzentinnen und die Bedingungen ihrer Realisierung zu sondieren. Denn die mögliche Zukunft ist in der gegenwärtigen Wirklichkeit angelegt und aus ihr zu entwickeln, oder sie wird Wunschdenken bleiben.

Wenn allerdings die heutige Wirklichkeit, der Kapitalismus, nur Teufelswerk oder "Scheiße" (John Holloway bei seinem Vortrag in Berlin) ist, dann kann ihre mögliche Negation nicht in ihr selbst angelegt sein, sondern nur dem Kopf ihrer "revolutionären" Kritiker entspringen, die sich deswegen für unentbehrlich halten dürfen (und daher untereinander auch ewig zerstritten sind). Verteufelung der kapitalistischen Gegenwart und Verhimmelung der kommunistischen Zukunft bedingen sich gegenseitig. Tatsächlich wird damit nicht nur die mögliche Zukunft verfehlt, sondern auch die verhaßte Gegenwart. Denn das Verständnis des Bestehenden ist unvollständig, ungenügend, wenn es nicht das Verständnis seiner möglichen Negation einschließt. Omnis determinatio est negatio. Ist die negatio nicht in der determinatio enthalten, ist an dieser etwas faul.

Damit aber die Negation als praktische, also machbare begriffen werden kann, muß die gesellschaftliche Wirklichkeit selbst auf einen praktischen Begriff gebracht, als bestimmte Form gesellschaftlicher Praxis oder bestimmte Form der Gesellschaftlichkeit begriffen werden. "Alles gesellschaftliche Leben ist wesentlich praktisch. Alle Mysterien, welche die Theorie zum Mystizismus verleiten, finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und im Begreifen dieser Praxis." Diese achte der Marxschen Feuerbach-Thesen kann auch als Motto seiner gesamten Kapitalkritik verstanden werden.

Das Begreifen der menschlichen Praxis ist jedoch leichter gesagt als getan. Denn es ist die Praxis, die das Bewußtsein bestimmt, nicht umgekehrt. Und die herrschende Praxis, um die es geht, die kapitalistische Produktionsweise, bestimmt nicht nur auch unser Bewußtsein, sie hat außerdem die fatale Eigenart, die praktischen Beziehungen der Menschen in sachlichen Formen auszudrücken, als gesellschaftliche Verhältnisse oder Eigenschaften der Arbeitsprodukte. Das kritische Denken muß also gegen die bewußtseinsprägende Wirkung der Alltagspraxis die gewohnten, daher herrschenden Gedankenformen oder Kategorien aufbrechen und als ideelle Reflexe bestimmter Formen gesellschaftlicher Praxis kenntlich machen.

Wie schwierig das ist, läßt sich am schon zitierten Flugblatt verdeutlichen. Gegen die Staatslinken heißt es da: "An der Einrichtung der Welt in den Formen von Ware und Geld, Lohnarbeit und Kapital, Staat und Recht haben sie wenig auszusetzen" – aber welchen praktischen Grund diese Formen haben, darüber schweigen auch die Verfasserinnen. Zwar sprechen sie vom Kapitalverhältnis, aber ohne zu verraten, was es praktisch bedeutet und begründet oder wer sich da wozu verhält. Auch die Bestimmung des Kapitals als "sich vermehrendes Geld" bringt keine wirkliche Auflösung: "Von alleine aber vermehrt es sich nicht, sondern nur durch die Anwendung von Arbeitskraft, die mehr Wert produziert, als sie selbst in Form des Lohns erhält." Aber was bitte ist das, Wert? Die fundamentalste Kategorie der bürgerlichen Ökonomie bleibt unaufgelöst. Doch ohne praktischen Wertbegriff auch kein praktischer Kapitalbegriff. Die Verf. scheinen damit zufrieden, das Kapital Kapital zu nennen, dem Geld das Attribut "borniert" zu verleihen und dem Staat das Attribut "absurd", als wäre damit alles gesagt und nur Begriffsstutzigen noch ein Rätsel, während sie doch nur ihr eigenes Unverständnis für die Notwendigkeit des Geldes wie des Staates in einer Gesellschaft von privaten Produktionsmittel- und Arbeitskraftbesitzern ausdrücken.

II. Der Begriff des Kapitals und die allgemeine Form seiner Negation



Was aber ist denn nun die eigentliche Ursache der gesellschaftlichen Misere, die Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise? Die Antwort der Freundinnen: "Auch heute gilt es, dem Kapital – ob Aktiengesellschaft oder Privateigentümer ist egal [als wären Aktionäre keine Privateigentümer] – die Produktionsmittel wegzunehmen."(Wolkenkuckucksheim der Linken. Über Aneignung, Sozialstaat und andere Schleichwege ins soziale Europa, Flugblatt (2004)) Was so viel heißt wie: Wurzel allen Übels ist, daß die Produktionsmittel "in den Händen des Kapitals" sind. Nicht anders formuliert es auch Holloway. Und genau das – die Gleichsetzung des Kapitals mit den Kapitalisten – ist die Wurzel größter Unklarheit und Konfusion.

Die Produktionsmittel sind nicht im Besitz oder in den Händen "des Kapitals", sie sind Kapital oder besser: sie fungieren als Kapital, weil – und jetzt kommt die eigentliche Erklärung – sie in privaten Händen sind – egal ob es sich um Aktiengesellschaften, Privatunternehmer oder Belegschaften handelt – und über eine bestimmte Form gesellschaftlicher Arbeit herrschen, nämlich über die Produktion für den Austausch, für den Austausch gegen Arbeitszeitäquivalente in Gestalt von Geld. Private Produktion von Gebrauchswert gleich welcher Art für den Austausch – allein diese besondere Form der gesellschaftlichen Arbeit oder besondere Form der Gesellschaftlichkeit ist es, die den Produkten Wertform verleiht, in der sich die gesellschaftliche Arbeit als Werteigenschaft der Produkte darstellt. Und nur Arbeit dieser bestimmten gesellschaftlichen Form verwandelt Produktionsmittel in Kapital, in mehrwertheckenden Wert, wenn nämlich die Privatarbeit auf der Anwendung kollektiver, in der Regel (aber nicht notwendig) gekaufter Arbeitskraft beruht, die mehr Arbeit leistet, als ihre eigene Reproduktion kostet, und wenn die in den Produkten vergegenständlichte Arbeit sich erneut in Geld und Produktionsmittel verwandelt, die den Lohnarbeiterinnen als fremde Macht über ihre Arbeitskraft und ihre lebendige Arbeit gegenübertreten.

Betriebliche Privatproduktion für den Austausch – diese gesellschaftliche Form ist so einfach, elementar, vertraut und scheinbar selbstverständlich, daß sie meist gar nicht mehr als besondere, d.h. historisch gewordene und daher auch vergängliche Form wahrgenommen wird, weder von den Lohnabhängigen selbst noch von den linken Kapitalismuskritikern. Die Kritik der "Arbeit" im Namen der "Freiheit", der "Freizeit" oder der "freien Tätigkeit" ist ziemlich regelmäßig ein Ausdruck der Blindheit für diese Form. Der Ausweg aus der gesellschaftlichen Misere wird dann nicht mehr gesucht in der Befreiung der gesellschaftlichen Arbeit von ihrer getrennten und trennenden Form, sondern in der Befreiung von der Arbeit und in der begrifflichen Beschwörung alternativer "Tätigkeiten", die sich durch alle möglichen individuellen Freiheiten auszeichnen sollen, nur nicht durch die notwendige, weil einzig mögliche Form nichtentfremdeter gesellschaftlicher Produktion. So auch bei den "Freundinnen der klassenlosen Gesellschaft", die die Befreiung vom Kapitalismus mit der Befreiung vom "Arbeitszwang" gleichsetzen, mit einem kommunistischen "Reich der Freiheit", in dem die Arbeit zur "Nebensache" wird.

Die herrschende Blindheit für die gesellschaftliche Form der warenproduzierenden Arbeit geht in der Regel einher mit einem verkürzten Begriff des Privateigentums an den Produktionsmitteln und damit auch mit einem verkürzten Begriff der Produktionsmittel selbst. Ein Beispiel dafür liefert wieder das schon zitierte Flugblatt: Die Fabrikbesetzungen in Argentinien seien ein "Vorschein dessen, was revolutionäre Aneignung heißt: das Eigentum wurde in Frage gestellt, die Produktion in die eigenen Hände genommen" (Kein Verzicht...). Nein, nicht das Eigentum wurde in Frage gestellt, die bisherigen Eigentümer wurden in Frage gestellt und ersetzt durch die Belegschaften als Kollektiveigentümer der Betriebe. Aber die Produktion selbst bleibt private Produktion für den Austausch, damit bleiben auch die betrieblichen Produktionsmittel und die Arbeitskraft der Belegschaften Privateigentum, das sie durch den Austausch ihrer Produkte gegen Geld reproduzieren und vermehren müssen.

Das Privateigentum an Produktionsmitteln trennt eben nicht nur die Eigentümer von den Nichteigentümern. Es trennt auch die Privateigentümer voneinander und damit auch die Belegschaften, die unter ihrem Kommando arbeiten. Und diese Trennung bleibt auch bestehen, wenn die Belegschaften das bisherige Privatkommando im Betrieb durch ihr eigenes Kommando ersetzen. Das ist zwar nicht wenig und wäre Voraussetzung für die gemeinsame Aneignung aller gesellschaftlichen Produktionsmittel und die Aufhebung des Austauschzwangs. Aber solange sie dabei stehen bleiben und weiter für den Austausch produzieren, solange bleiben nicht nur ihre unmittelbar vorhandenen betrieblichen Produktionsmittel, wie Gebäude und Maschinen, Privateigentum. Auch die zur Produktion benötigten Rohstoffe, Vorprodukte, Energie, Ersatzteile, Hilfs- und Betriebsstoffe usw., die den größeren Teil der laufend verbrauchten Produktionsmittel ausmachen, bleiben Privateigentum, nur eben fremdes Privateigentum, das sie über den Austausch gegen Geld erst erwerben müssen. Und irgendwann haben auch ihre vorhandenen betrieblichen Produktionsmittel technisch oder "moralisch" ausgedient und müssen durch neue aus der Hand fremder Privateigentümer ersetzt werden. Mit anderen Worten: Auf Basis der Produktion für den Austausch ist die Aufhebung des Privateigentums zugunsten gesellschaftlichen Eigentums eine Illusion. Denn Austausch heißt nichts anderes, als daß die Produkte gegen Wertersatz der aufgewandten Privatarbeit ihre Eigentümer wechseln. Auch wenn alle Betriebe in Belegschaftshand sind, behält ihre Arbeit die Form der Lohnarbeit, repräsentieren Produktionsmittel und Arbeitskraft zugleich Wertgrößen, die nicht nur reproduziert, sondern auch verwertet werden müssen, fungieren sie also als Kapital.

Das Privateigentum an Produktionsmitteln ist eben nicht nur Herrschaft von Menschen über Sachen, sondern zugleich ihr Gegenteil: Beherrschung der Menschen durch Sachen, Produktionsmittel wie Produkte. Privateigentum an Produktionsmitteln heißt nichts anderes, als daß die gesellschaftliche Arbeit unter vordergründig unabhängigen Teil- oder Privatarbeitern aufgeteilt sind, die tatsächlich alle vonander abhängig sind. Dieser Grundwiderspruch der Warenproduktion bedeutet nicht nur, daß die Menschen ihre gemeinsame Gesamtarbeit nicht beherrschen, sondern daß sie von ihren Produkten beherrscht werden, weil ihnen ihr eigener gesellschaftlicher Zusammenhang als äußeres Verhängnis in der Wert- und Kapitaleigenschaft der Produkte gegenübertritt.

Wenn es bei den "Freundinnen der klassenlosen Gesellschaft" heißt, daß die Aktionen der argentinischen Fabrikbesetzer mit "allen Widersprüchen lokal begrenzter Befreiungsversuche behaftet" sind, weil sie "einfach um zu überleben, weiterhin für den Markt produzieren und somit dessen Wechselfällen und Zwängen ausgesetzt sind", dann ist das eine gewaltige Untertreibung. Mit den Wechselfällen und Zwängen des Marktes sind sie auch allen Zwängen und Widersprüchen der kapitalistischen Produktion ausgesetzt, unterliegen sie vor allem dem Zwang, ihre Arbeit in bezahlte zur eigenen Reproduktion und unbezahlte Arbeit zur erweiterten und verbesserten Reproduktion der Produktionsmittel, zur Alimentierung des Zirkulationssektors und des Staates zu teilen und die unbezahlte Arbeit auf Kosten der bezahlten auszudehnen, weil sie andernfalls früher oder später vom "Markt" verschwinden werden.

Es wird eben gern übersehen, daß mit der Verallgemeinerung der Warenproduktion durch den Kapitalismus das Kapitalverhältnis, und damit der Zwang zur Gratisarbeit, längst nicht mehr an das Klassenverhältnis gebunden ist, auch wenn es in dieser Form historisch durchgesetzt wurde und sich auch heute noch vorwiegend in dieser Form global weiter durchsetzt. Was einst die Kommandogewalt der Fabrikherren besorgte und besorgen mußte, um die Mehrarbeit zur gesellschaftlichen Norm zu erheben, besorgen heute mehr und mehr die Marktkonkurrenz, der Zwangsautomatismus des technischen Fortschritts und die Tatsache, daß die Arbeit der lohnabhängigen Produzenten oder produktiven Lohnarbeiter neben der Akkumulation des Realkapitals über 90 Prozent allen privaten und staatlichen Konsums speisen muß (wenn man mal großzügig den Anteil der nichtkapitalistischen Produktion mit zehn Prozent ansetzt). Man muß auch nicht speziell nach Argentinien schauen, um zu begreifen, daß das Kapitalverhältnis längst ein verselbständigtes Zwangsverhältnis geworden ist, weil das Tausende von Belegschafts- und Genossenschaftsunternehmen in aller Welt beweisen, in denen die Lohnabhängigen gleichzeitig Besitzer ihrer betrieblichen Produktionsmittel sind und das Kapitalverhältnis auch ganz ohne fremde Kapitalisten reproduzieren.

Die Verteufelung des Kapitals als Verteufelung der Kapitalisten zu betreiben, mag zwar einfacher und populärer sein, geht aber am Problem, daß das Kapitalverhältnis nur zusammen mit dem Wertverhältnis, also der Produktion für den Austausch, aufzuheben ist, völlig vorbei. Zumal der Teufel nicht nur in den Kapitalisten steckt, die kapitalistisch produzierenden Belegschaften eingeschlossen, sondern auch in den meisten Lohnabhängigen. Weil sie – die Praxis bestimmt das Bewußtsein – als Verkäufer ihrer Arbeitskraft sich selbst als Privateigentümer verstehen und verhalten, für die der Austausch und die Produktion für den Austausch selbstverständlich scheinende Existenzbedingungen sind und die ihre Arbeitskraft nur als Mittel des eigenen privaten Überlebens (und in der Regel fremder Bereicherung) einsetzen. Das wurde und wird gerade auch in Argentinien demonstriert, wo der Tauschhandel blüht und Ersatzwährungen kursieren, weil die Menschen auch ohne äußeren Zwang von Kapitalisten ihre Arbeitskraft (und, sofern vorhanden, auch ihre Produktionsmittel) als Privateigentum behandeln, das sie nur im Tausch gegen entsprechende Äquivalente in Bewegung setzen.

Die bloß negatorische Kapitalkritik übersieht nicht nur die simple Form der warenproduzierenden Arbeit, sondern gewöhnlich auch, was sie beinhaltet: daß sie Produktion von Gebrauchswert für andere ist, für Fremde. Das heißt, sie stiftet gesellschaftliche Beziehungen zwischen einander wildfremden Menschen, wenn auch nur in getrennter und trennender Form. Und indem das Kapital nach und nach aller gesellschaftlichen Arbeit, selbst Wissenschaft, Kunst und Spiel, diese Form aufzwingt, also die Warenproduktion verallgemeinert, entwickelt es überhaupt erst den sachlichen Zusammenhang der Menschheit, den sie sich aneignen kann, um zur menschlichen Gesellschaft oder gesellschaftlichen Menschheit zu werden. Die kapitalistische Produktionsweise selbst entwickelt mit der gesellschaftlichen Arbeitsteilung die Arbeit als gesellschaftliche, die diese Produktionsweise potentiell überflüssig macht.

So wenig die simple Form und der simple Inhalt der warenproduzierenden Arbeit gewöhnlich in den Blick kommen, so wenig auch ihr Verhältnis zueinander. Schon in der einfachen Warenproduktion geraten Form und Inhalt der Arbeit immer wieder miteinander in Konflikt, rivalisiert der zu realisierende Tauschwert der Produkte mit ihrem Gebrauchswert für andere. In der kapitalistischen Produktion wird diese Rivalität zum Dauerkonflikt. Denn die Form der Arbeit dient nicht länger ihrem Inhalt oder Zweck, sie wird vielmehr zur Schranke des Inhalts und sich selbst zum Zweck, der Inhalt zum Ballast der Form, an den sie trotzdem gefesselt bleibt.

Die traditionelle Kapitalkritik hat diesen der kapitalistischen Produktion immanenten Konflikt zum äußerlichen Gegensatz zweier verschiedener Produktionsweisen umgedeutet und damit entschärft. Ihre Losung war: Produktion für die Befriedigung der Bedürfnisse statt für den Profit. Als wenn nicht jede Profitproduktion immer auch die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse beinhaltet, wie verrückt, deformiert oder asozial sie auch sein mögen. Der Konflikt zwischen Profitproduktion und Bedürfnisbefriedigung ist kein der kapitalistischen Produktion äußerlicher, sondern in jedem Produktionsprozeß konkret virulent, als Widerspruch zwischen Verwertungs- und Arbeitsprozeß, Quantität und Qualität der Arbeit, Tauschwert und Gebrauchswert der Arbeitskraft, der Produktionsmittel wie der Produkte.

Dieser Konflikt enthält gesellschaftliche Sprengkraft, aber zugleich die Mittel, sie einzudämmen. Die besondere Form der warenproduzierenden Arbeit kann nur überwunden werden, wenn ihr gesellschaftlicher Inhalt nach einer anderen, einer angemesseneren Form drängt. Aber ihr Inhalt ist von Menschen gesetzter Zweck. Er kann sich nicht selbst geltend machen, sondern nur durch Menschen, die ihn geltend machen. Bisher sind es die Produktionsagenten des Kapitals, die die Produktionszwecke setzen bzw. die Selbstzweckbewegung der kapitalistischen Produktion exekutieren. Und es sind der Produktion äußerliche Instanzen der Gesellschaft, die ihnen dabei Schranken setzen, der Staat mit allgemeinen Auflagen und Kontrollorganen, die Umweltbewegung, die Verbraucherbewegung, der TÜV usw. Nur die lohnabhängigen Produzentinnen sind bisher kaum zu vernehmen...

Dabei liegt es allein in ihrer Macht, eine gesellschaftliche, d.h. allen Menschen dienende Zwecksetzung der Produktion gegen die bornierte private, Tauschwert setzende Form geltend zu machen und diese Form aufzuheben, was nichts anderes heißen kann, als die private Produktion für den Austausch zu ersetzen durch eine gemeinschaftliche Produktion, die unmittelbar der individuellen wie der produktiven Konsumtion dient. Dazu müßten sie allerdings selbst erst eine Gesellschaftlichkeit oder gesellschaftliche Subjektivität entwickeln, die die herrschende Form der gesellschaftlichen Arbeit als Ärgernis und anachronistischen Ballast zu erleben imstande und daher an ihrer Aufhebung interessiert ist – das Selbst- und Verantwortungsbewußtsein gesellschaftlicher Produzenten; eine Subjektivität, die ihnen ihre objektive Stellung in der kapitalistischen Produktion als subalterne Lohnarbeiterinnen oder "abhängig Beschäftigte" aber gewöhnlich verwehrt und die den meisten von ihnen daher unzugänglich scheint. Daß und wie eine solche Entwicklung dennoch möglich ist, werde ich im letzten Teil des Vortrags betrachten.

III. Gemeinschaftliche Produktion als objektiv mögliche Praxis



Zuvor aber müssen wir uns noch mit den objektiven Bedingungen gemeinschaftlicher oder kommunistischer Produktion beschäftigen. Denn deren praktische Möglichkeit ist nicht allein schon dadurch erwiesen, daß sie sich aus der allgemeinen gesellschaftlichen Form der warenproduzierenden Arbeit als deren logische Negation erschließen läßt. Auch die Empirie der kapitalistischen Produktion selbst muß zeigen, daß bzw. wie sie die materiellen Bedingungen enthält (und nicht nur enthält, sondern auch entwickelt), die ihre Aufhebung in den Bereich des praktisch Möglichen rücken und konkretisieren lassen.

Im gesellschaftlichen Bewußtsein gilt der Betrieb, die organisatorische Grundform der kapitalistischen Privatarbeit, als natürliche Form gesellschaftlicher Produktion überhaupt, während der Austausch, die Verwandlung der Produkte in Geld, als notwendige Form der Vermittlung zwischen Betrieben und (privaten wie öffentlichen) Verbrauchern sowie zwischen den Betrieben selbst erscheint. Beide Ansichten drücken aber nur die Tabuisierung des Privateigentums aus, nicht generelle Erfordernisse gesellschaftlicher Produktion.

Der Austausch ist aus einer Form der Vermittlung zwischen Produktion und Konsumtion längst zu einer ihr äußerlichen Bedingung geworden. Beim Produktentausch fallen der Wertersatz der Privatarbeit und ihre Vermittlung mit der Konsumtion "Fremder" noch unmittelbar zusammen. Beim Austausch der Produkte gegen Geld und erst recht gegen befristete Zahlungsversprechen, auf Kredit, sind sie separate Vorgänge. Statt die Produktion mit der individuellen und produktiven Konsumtion zu vermitteln, ist der Austausch vielmehr Quelle ständiger Störungen und Blockaden dieser Vermittlung bis hin zur Krise. Weil er die Konsumtion an den Zwang fesselt, die in der Produktion aufgewandte Arbeit (lebendige und in Produktionsmitteln vergegenständlichte) durch eine gleichwertige Menge gesellschaftlicher Arbeitszeit zu ersetzen, wie er andererseits die Produktion an den Zwang fesselt, das Produkt als Wert inclusive Mehrwert zu realisieren, und ihr nur den Bedarf zu befriedigen erlaubt, der als kaufkräftige Nachfrage auftreten kann.

Gleichzeitig verrät gerade die Allgegenwart und Macht des Geldes den gesellschaftlichen Charakter der Produktion. Jedes Individuum und jeder Betrieb ist von den Produkten fremder Arbeit abhängig, ohne unmittelbar mit eigenem Produkt "zahlen" zu können, wie umgekehrt jeder Produktionsbetrieb für fremde, also gesellschaftliche Bedürfnisse arbeitet. Und paradoxerweise beruht gerade der kommerzielle Kredit, also die Trennung der Lieferung oder Leistung von ihrer sofortigen Bezahlung, auf dem Vertrauen der Produzenten in diesen gesellschaftlichen Zusammenhang, den sie mit der privaten Form ihrer Produktion negieren.

Wäre der Austausch eine notwendige Form oder Bedingung der Vermittlung von Produktion und Konsumtion, wäre alles gesellschaftliche Leben längst zusammengebrochen. Nicht nur, weil auch die "Erwerbsgesellschaft" immer noch auf unbezahlter Haus- und Erziehungsarbeit sowie zahllosen ehrenamtlichen Tätigkeiten beruht. Nicht nur, weil es immer noch unentgeltliche öffentliche Dienste und Einrichtungen gibt und geben muß, die nur indirekt über den Austausch (nämlich aus Steuermitteln) unterhalten werden (können), wie das Schulwesen, das Straßennetz oder die Katastrophenhilfe.

Sondern vor allem, weil die kapitalistische Produktion selbst die austauschfreie Vermittlung von Produktion und produktiver Konsumtion voraussetzt – innerhalb jedes arbeitsteiligen Privatbetriebs nämlich. Die Vermittlung vollzieht sich hier in unmittelbarer Kooperation ohne trennenden Austauschzwang, von der technischen Abstimmung der verschiedenen Produktionsschritte oder -stufen bis hin zu automatisierten Betriebsabläufen, natürlich immer unter dem Druck kontrollierender und antreibender Hierarchien. Das Kapital selbst demonstriert also mit der unmittelbar vergesellschafteten Organisation der Privatarbeit im Keim die prinzipielle Form ihrer Aufhebung. Doch während der bürgerliche Verstand die austauschfreie Kooperation im Rahmen der Privatarbeit für selbstverständlich hält, schaudert er bei der Vorstellung, daß auch die gesellschaftliche Produktion insgesamt "wie eine einzige Fabrik" funktionieren könnte.

Dabei ist das Kapital selbst gezwungen, die Grenzen der Privatarbeit zu überschreiten. Die platte Vorstellung, die kapitalistische Produktion sei nur anarchische Produktion beliebiger Waren für einen unbekannten Markt, hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Die Produktion der meisten Produktionsmittel, aber auch eines großen Teils der Mittel für den individuellen und erst recht für den öffentlichen Konsum ist Produktion für einen quantitativ und qualitativ genau spezifizierten Bedarf, die vorherige Abstimmung und Vereinbarungen zwischen Auftraggebern und -nehmern voraussetzt und laufende Qualitätskontrollen erfordert; Formen der Kooperation also, die die private Form des Produktionsprozesses teilweise aufheben. Darüber hinaus sind in vielen Bereichen der Industrie zwischen- und überbetriebliche Kooperationen gang und gäbe, die bis zur gemeinsamen Produktentwicklung und Produktionsplanung reichen können; Beispiele sind die Hersteller-Zulieferer-Beziehungen in der Autoindustrie, Cooperative commerce oder auch jede Großbaustelle.

Das Kapital entwickelt nicht nur die Privatarbeit als unmittelbar vergesellschaftete Arbeit sowie kooperative Beziehungen zwischen einzelnen Privatarbeiten, es organisiert auch die gesellschaftliche Vermittlung der Privatarbeiten oder die mittelbare Vergesellschaftung der Gesamtarbeit im nationalen, supranationalen und globalen Maßstab. Das gesellschaftliche Gesamtkapital könnte sich trotz aller Zirkulationsstörungen, Krisen und Kräche nicht laufend reproduzieren, wenn die Gesamtarbeit nicht in annähernd passenden Proportionen auf die verschiedenen Privatarbeiten verteilt wäre.

Natürlich ist die gesellschaftliche Arbeitsteilung samt ihrer technischen Basis zugeschnitten auf eine von den Produktionsverhältnissen selbst strukturierte, begrenzte und deformierte (individuelle und produktive) Konsumtion. Aber so wenig daher der Übergang zu gemeinschaftlicher Produktion als bloßer Formwechsel der Produktion denkbar ist, der ihre Zwecke und Mittel unberührt ließe, so abwegig wäre die Vorstellung, eine am wirklichen Bedarf der Gesellschaft orientierte Verteilung der Gesamtarbeit völlig neu erfinden und qua zentraler (oder auch demokratischer) Planung umsetzen zu müssen. Die Komplexität der gesellschaftlichen Arbeitsteilung erlaubt nur einen Weg, die Gesamtarbeit gesellschaftlicher Kontrolle zu unterwerfen: indem die sich assoziierenden Produzenten selbst (und kein politisches Ersatzsubjekt, auch keine politische, den Produzenten äußerliche "Struktur", und sei sie auch noch so "demokratisch" organisiert) sich ihren gegebenen Zusammenhang (und nicht nur den sachlichen Reichtum) aneignen, um ihn schrittweise umzugestalten. Denn – und dies ist der entscheidende Punkt, der ohne Verständnis der gesellschaftlichen Arbeitsteilung so schwer nachvollziehbar ist und regelmäßig Markt- wie Planwirtschaftler gleichermaßen aus der Fassung bringt – sofern sie die unmittelbaren Beziehungen ihrer Teilarbeiten beherrschen, beherrschen sie zugleich gemeinsam ihre gesellschaftliche Gesamtarbeit. Bei gemeinschaftlicher oder unmittelbar gesellschaftlicher Produktion im großen Maßstab kann die Gesamtarbeit immer nur die Summe der notwendigen konkreten Teilarbeiten, aber nie selbst Gegenstand unmittelbarer Planung sein.

Jeder Betrieb ist durch zahlreiche direkte Beziehungen in die gesellschaftliche Gesamtarbeit eingebunden, die ihm die Mittel (Maschinen, Energie, Hilfs- und Betriebsstoffe usw.) und Gegenstände (Rohstoffe, Vorprodukte, Komponenten usw.) für die eigene Produktion liefern. Seine Abhängigkeit von der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und deren Entwicklung stellt sich heute als ständig wachsender Anteil der "Vorleistungen" und "Abschreibungen" am Produktenwert dar. Die Produkte der Produktionsmittel erzeugenden Betriebe, der "Abteilung I", gehen ihrerseits wieder in die produktive Konsumtion anderer Betriebe ein, während die Betriebe der "Abteilung II" direkt oder indirekt, über die Distributionskanäle des Handels, mit der individuellen und öffentlichen Konsumtion in Beziehung stehen.

Was diese Beziehungen inhaltlich konstituiert, ist ein wie immer über- oder ermittelter, qualitativ und quantitativ bestimmter "fremder" Bedarf und der dadurch (weitgehend) bestimmte Eigenbedarf an Produktionsmitteln. Daß heute nur der Bedarf gesellschaftlich anerkannt wird, der sich in der Form des Privateigentums, als zahlungsfähige Nachfrage, geltend macht, bedeutet ja nicht, daß sich gesellschaftlicher Bedarf überhaupt nur in dieser verkehrten Form geltend machen könnte und ohne sie unbekannt bleiben müßte. Auch heute beschränken sich die Kenntnisse über Quantität und Qualität des gesellschaftlichen Bedarfs schließlich nicht auf die nachweisbare Kaufkraft. Die unmittelbare Vermittlung von Produktion und (individueller wie produktiver) Konsumtion wäre daher kein besonderes Informations- oder Kommunikationsproblem. Ihre Voraussetzung wäre "nur", daß die Produzenten sich vereinigen auf der Basis ihrer gemeinsamen Aneignung und Kontrolle sämtlicher Produktionsmittel und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbst- und verantwortungsbewußt, planvoll und flexibel als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben.

IV. Zur möglichen Entwicklung gesellschaftlicher Subjektivität



In einer Auseinandersetzung mit französischen Globalisierungskritikern, die die Aufhebung des Privateigentums, der Warenproduktion, der Lohnabhängigkeit und des Wertgesetzes auf der Basis des Austauschs zum Programm erheben wollten, habe ich einmal folgendes Szenario skizziert:

Man stelle sich – auch wenn das heute utopisch erscheinen mag – eine länderübergreifende Massenbewegung vor, in der die Lohnabhängigen die Betriebe besetzen und beginnen, die Produktion in eigener Regie zu organisieren. Wie sollten sie mit ihren zwischenbetrieblichen Beziehungen umgehen? Sie könnten sich sagen: Nichts zwingt uns, an den Organisations- und Verkehrsformen festzuhalten, die wir vom Kapital übernommen haben und die uns in voneinander isolierte und zum Teil konkurrierende Belegschaften auseinanderdividieren, während wir tatsächlich über die gesellschaftliche Arbeitsteilung alle miteinander verbunden sind. Assoziieren wir uns doch auf gesellschaftlicher Ebene, wie wir auf betrieblicher Ebene assoziiert sind – ohne die Produkte gegen Geld zu tauschen. Befreien wir unsere Beziehungen vom bornierten Kalkül des Privateigentums und des Betriebsegoismus, von der Fessel des Geldes, das doch nur der Verewigung und Vermehrung privater Macht über unsere Arbeit dient. Organisieren wir direkte kooperative Beziehungen zu den Belegschaften der liefernden wie der beziehenden und der bisher konkurrierenden Betriebe, verbünden wir uns mit den individuellen Konsumenten (zu denen wir selbst ja auch zählen) und bilden wir gemeinsame Selbstverwaltungsorgane zur Regelung der allgemeinen Angelegenheiten (wie Energie, Verkehr, Bildung, Gesundheit usw.), um die gesamte Produktion in den Dienst des gesellschaftlichen Nutzens und Bedarfs zu stellen und nach humanen und ökologischen Maßstäben umzugestalten... Selbstorganisation der gesellschaftlichen Arbeit durch die assoziierten Produzenten im Bündnis mit den Konsumenten auf Basis der gemeinsamen Aneignung sämtlicher Produktionsmittel – das wäre die Aufhebung von Privatarbeit und Austausch, damit auch der Warenform der Produkte, der Lohnabhängigkeit und des Wertgesetzes. Und es wäre das Ende aller verselbständigten staatlichen Sonderformen und -funktionen des gesellschaftlichen Produkts, wie Steuern und Sozialabgaben, Subventionen und Sozialleistungen, samt der davon lebenden bürokratischen Apparate!

Das Szenario hat allerdings einen logischen Haken. Eine massenhafte internationale Aneignungsbewegung wird wahrscheinlich überhaupt nur entstehen können, wenn die Vorstellung einer möglichen Vereinigung der Produzentinnen zu gemeinsamer Produktion mit gemeinsamen Produktionsmitteln bereits vorher vorhanden ist, zumindest bei einem maßgeblichen Teil der Lohnabhängigen, von dem die Bewegung ausgeht. Bleibt also die Frage, wie denn – da die Praxis das Bewußtsein bestimmt – sich dennoch das Bewußtsein einer möglichen anderen Praxis, einer anderen Form der gesellschaftlichen Produktion entwickeln kann.

Mit Sicherheit nicht aus dem Antagonismus von Lohnarbeit und Kapital. Das Insistieren auf dem unversöhnlichen Interessengegensatz von Lohnarbeitern und Kapitalisten ist keine Bedrohung der kapitalistischen Produktionsweise, sondern umgekehrt deren Bestandsgarantie. Das Dilemma dieses Antagonismus ist, daß eine Seite die andere ausschließt, aber keine ohne die andere existieren kann. Der Antagonismus kann nur beseitigt werden durch die Aufhebung beider Seiten, aber nicht durch die Aufhebung nur einer Seite – die verbleibende Seite würde zugleich die Stelle der anderen einnehmen, wie bei den Fabrikbesetzungen auf der Basis fortgesetzter Austauschbeziehungen. Solange die lohnabhängigen Klassen sich nur durch ihren Gegensatz zum Kapital definieren, definieren sie sich nur durch den Gegensatz zu ihrer vergangenen Arbeit, aber nicht durch einen positiven Bezug zum "Rest" der Gesellschaft. Ich spreche bewußt von lohnabhängigen Klassen, weil ihre gemeinsame Stellung als Lohnabhängige noch kein gemeinsames Klasseninteresse begründet. Solange sich die Lohnabhängigen nur als Lohnabhängige begreifen (können), bleiben sie Gefangene der Lohnarbeit und damit auch des Kapitals als ihrer Voraussetzung und zugleich Gefangene der Funktion und der Einkommensquelle, die ihnen die herrschende Struktur der gesellschaftlichen Arbeit im Dienste des Kapitals zuweist – als Lohnarbeiterinnen des industriellen, des kommerziellen und des Bankkapitals, der öffentlichen Dienste und der privaten Haushalte. Die schlagendste Widerlegung des Mythos von der systemsprengenden Kraft des Antagonismus von Lohnarbeit und Kapital ist die millionenfach bewiesene Tatsache, daß das dominierende Interesse der Lohnabhängigen, welches alle anderen Interessen relativiert, die Unterordnung unter ein fungierendes, d.h. sich erfolgreich verwertendes Kapital ist und die Aufrechterhaltung dieser Unterordnung. Der unversöhnliche Interessengegensatz von Lohnarbeit und Kapital entpuppt sich zunehmend als deren erzwungene Interessengemeinschaft.

Was die Kapitalisten zur Klasse vereint, ist die Aufrechterhaltung dessen, was sie voneinander und von den Lohnabhängigen trennt – des Privateigentums. Die Lohnabhängigen können sich gegenüber dem Kapital überhaupt nur zur Klasse "für sich" vereinen, um sich als Klasse aufzuheben; d.h. wenn sie sich nicht länger nur als Lohnabhängige begreifen, die Forderungen an das Kapital und die Regierung stellen, sondern als gesellschaftliche Produzenten, die gesellschaftliche Ansprüche an sich selbst und ihre eigene Arbeit stellen und die den gesellschaftlichen Zusammenhang und Zweck ihrer Arbeit auch gesellschaftlich organisieren wollen. In der Geschichte der Arbeiterbewegung gibt es Beispiele – auch wenn sie Ausnahmen blieben – dafür, daß diese Perspektive breiten Arbeitermassen durchaus unmittelbar einleuchtend sein und sie begeistern konnte. Die kommunistische Bewegung in Turin 1920 war so ein Beispiel. Ein Bericht von Antonio Gramsci, damals Redakteur der Turiner Zeitung "Ordine nuovo", über diese Bewegung erschien 1921 in der KI-Zeitschrift "Die Internationale" (1) Aber wenn man Gramsci glauben kann, verstanden sich die Turiner Arbeiter auch nicht nur als Arbeitskraftverkäufer oder als "Metaller", die sich durch ihren Arbeitsgegenstand definieren, sondern als Glieder eines gesellschaftlichen Gesamtarbeiters, die das Kapitalverhältnis und mit ihm den Klassengegensatz als "Ballast" (Gramsci) erlebten und nicht als Lebensmittelpunkt, aus dem sie ihre Identität bezogen.

Von einem vergleichbaren Bewußtsein scheint die heutige Arbeiterbewegung meilenweit entfernt. Und bis vor einigen Jahren war ich noch der Meinung, daß ohne Renaissance einer an Marx geschulten theoretischen Kritik der bürgerlichen Ökonomie auch keine nennenswerte Entwicklung in der praktischen Bewegung möglich wäre. Erfreulicherweise haben mich die sozialen Bewegungen in Frankreich, insbesondere die Begegnung mit den Sud-Gewerkschaften, aber auch zaghafte Ansätze gesellschaftlichen Produzentenbewußtseins bei uns eines anderen belehrt. Ich will damit die Bedeutung der theoretischen Kritik oder "kritischen Theorie" nicht kleinreden. Aber tatsächlich wäre es doch merkwürdig und fatal zugleich, wenn sich die Kritik an Privatarbeit und Austauschzwang nur auf dem Wege des abstrakten Denkens, aus der Formanalyse des Arbeitsprodukts entwickeln könnte und nicht auch – und naheliegender – aus den handfesten, sinnlich erfahrbaren Widersprüchen der getrennten und trennenden Praxis der gesellschaftlichen Produktion selbst.

Ein erster Schritt dazu ist bereits getan, wenn Lohnabhängige anfangen, sich mit dem gesellschaftlichen Sinn oder Unsinn ihrer eigenen konkreten Arbeit auseinanderzusetzen, ihre eigene Verantwortung für deren Folgen zu entdecken und sich um die Interessen fremder Nutzer oder auch Betroffener zu kümmern. Das mag nicht gerade weltbewegend und umstürzlerisch klingen, zumal wenn man bedenkt, wie relativ einfach (wenn auch nicht selbstverständlich) es ist, gesellschaftliches Engagement außerhalb der Produktionssphäre zu entwickeln und zu organisieren. Und hat nicht auch das Management längst die "Kundenorientierung" als Konzept zur Optimierung der Kapitalverwertung entdeckt? Doch wenn sich Lohnabhängige als Produzenten aus eigenem Antrieb dem gesellschaftlichen Nutzen ihrer Arbeit (der keineswegs mit der Zufriedenheit der zahlungsfähigen Kunden deckungsgleich ist) verschreiben und ihr Engagement nicht nur individuell betreiben, sondern in kollektive, organisierte Praxis umzusetzen suchen, dann ist das eine neue Qualität, die die herrschende Rollenzuweisung lohnabhängiger Produzenten ebenso sprengt wie deren gewohntes eigenes Selbstverständnis und die traditionelle Orientierung ihrer gewerkschaftlichen und politischen Interessenvertretung, mit der sie denn auch nicht selten in Konflikt gerät.

Daß diese neue Qualität in den französischen Sud-Gewerkschaften organisierte Form annehmen konnte, ist nicht nur das Resultat nationaler Besonderheiten, sondern auch Ausdruck allgemeiner historischer Bedingungen, nicht zuletzt der Erosion der traditionellen Gewerkschaftsbewegung in allen entwickelten kapitalistischen Ländern. In Zeiten der forcierten Globalisierung des Kapitalverhältnisses erweist sich die Lohnabhängigkeit allein immer mehr als trügerische Basis solidarischer Beziehungen. Die Turiner Arbeiter überwanden die Beschränktheit des Syndikalismus durch die organisierte Vereinigung der Produzenten zu gemeinsamer Herrschaft über ihre gesellschaftliche Produktion, ohne deren Vermittlung mit der Konsumtion als besonderes Problem zu thematisieren. Die Geschichte hat ihnen keine Gelegenheit gegeben zu demonstrieren, ob und wie sie diese Vermittlung hätten meistern können. Im Unterschied zu ihnen beziehen die Sud-Gewerkschaften ihr Selbstbewußtsein als gesellschaftliche Produzenten gerade aus der Verbundenheit mit den Nutzern ihrer Arbeit bzw. ihrer Arbeitsprodukte, während die Vereinigung oder Assoziierung der Produzenten selbst – bisher – jenseits ihres Vorstellungsvermögens zu liegen scheint. Ob ihre weitere Entwicklung sie dieser Perspektive näher bringt, wage ich nicht vorherzusagen. Statt dessen möchte ich zum Schluß einen Abschnitt aus einem zwei Jahre alten Artikel zitieren, der die frühere, doch recht euphorische Einschätzung der Sud-Gewerkschaften (siehe den Artikel "Un syndicalisme différent", abgedruckt auch in der ersten Printausgabe von trend online) etwas relativiert und die sozialen Bewegungen in Frankreich in ihrer Widersprüchlichkeit zu erfassen sucht:

"Das Bedürfnis nach einer anderen Form der Gesellschaftlichkeit, nach solidarischen und zugleich selbstbestimmten Formen des praktischen Zusammenlebens, ist überall spürbar. Es hat die Atmosphäre des Dezember 95 geprägt, die Willi Hajek so lebendig beschrieben hat, und in der scheinbar so simplen Losung des "tous ensemble" Ausdruck gefunden (2). Es motiviert den Protest gegen jede Form sozialer Ausgrenzung und Diskriminierung und drückt sich gleichzeitig in der sog. "Krise der Repräsentation" aus, in der ständig betonten Autonomie der sozialen Bewegungen wie in der Selbstorganisation von Streikkämpfen. Und es stellt die Logik der herrschenden Produktionsweise (die Logik, nicht die sie erzeugende Praxis!) in Frage, indem die Sud-Gewerkschaften wie auch die Confédération Paysanne gegen die nackte Geldbeziehung und das rein betriebswirtschaftliche Kalkül die Verantwortung der Produzenten für gesellschaftlich nützliche und ökologisch verträgliche Produktion, die Solidarität von Produzenten und Nutzern verfechten.

Und doch stehen – auch in Frankreich – die elementarsten Formen bürgerlicher Beziehungen, der Austausch und die Produktion für den Austausch, außerhalb jeder Kritik und Reflexion, damit aber auch die "Dissoziierung" der gesellschaftlichen Arbeit in privat wirtschaftende Betriebe wie auch die Warenform des gesellschaftlichen Produkts und seine Verdoppelung in Ware und Geld. Das "Einfache, aber (scheinbar) schwer zu Machende" (Brecht), weil schwer zu Denkende – die Möglichkeit gemeinschaftlicher Produktion mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln – kommt daher nicht in den Blick. Bei der Confédération Paysanne ist das verständlich, weil die Erhaltung (klein-)bäuerlicher Privatwirtschaft Teil ihres Programms ist. Aber auch bei den Sud-Gewerkschaften fehlt jede Infragestellung oder gar Kritik der Waren- oder Wertform von Arbeitsprodukten und ihres praktischen Grunds, des Austauschs. Nicht anders bei der "extremen Linken", die Libertär-Alternativen inbegriffen.

Dem scheint zu widersprechen, daß die derzeit populäre Variante der Warenkritik gerade in Frankreich ihren Ursprung hat (José Bové: Die Welt ist keine Ware). Doch tatsächlich ist diese Kritik sehr zwiespältig. Sie richtet sich – allgemein gesprochen – bisher nur gegen die Logik der kapitalistischen Produktionsweise, nicht aber gegen die praktische Grundlage, auf der diese Logik entsteht, die privat betriebene Produktion für den Austausch. D.h. die Kritik richtet sich gegen die Verselbständigung des kapitalistischen, also profitträchtigen, Tauschwerts gegenüber dem Gebrauchswert (nicht gegen die Aufspaltung des Produkts in Gebrauchs- und Tauschwert überhaupt), und das auch nur in bestimmten Teilbereichen der gesellschaftlichen Arbeit, nämlich in der bäuerlichen wie industriellen Nahrungsmittelproduktion und in den öffentlichen Diensten. Sie zielt darauf ab, den Konflikt zwischen Gebrauchswert und Tauschwert sektoral zu versöhnen oder zu entschärfen, ohne ihn aufzulösen. Aufzulösen wäre er nur durch die gesamtgesellschaftliche Vereinigung der Produzenten zu gemeinschaftlicher Produktion. Da diese Perspektive aber verschlossen ist, bleibt als einziger Ausweg die Hoffnung auf die "Politik", also den Staat, in welcher Form auch immer, oder wie Bové es ausdrückt: auf den "Primat der Politik gegenüber der Ökonomie". Tatsächlich läuft die französische Warenkritik in der Landwirtschaft auf das Projekt einer (durch begrenzte Betriebsgrößen und Produktionsmengen) staatlich geschützten kleinbäuerlichen Warenproduktion hinaus, und in den öffentlichen Diensten erschöpft sich die Perspektive weitgehend in der Erhaltung eines "gemäßigten" Staatskapitalismus sowie des steuerfinanzierten, unentgeltlichen Bildungssektors.

In der zwiespältigen Warenkritik drückt sich die Widersprüchlichkeit der sozialen Bewegung insgesamt aus. Einerseits entwickelt sie wesentliche Elemente für eine freie Vergesellschaftung oder Assoziierung der Produzenten (gesellschaftliches Verantwortungsbewußtsein, Bedürfnis nach Selbstorganisation, Abkehr von parlamentarischen und bürokratischen Vertretungs- oder Herrschaftsstrukturen), andererseits ist sie befangen in der Zwangsvorstellung des unaufhebbar scheinenden Austauschs und damit notwendig gefesselt an den Staat als illusorische Ersatzgemeinschaft der in Verkäufer und Käufer zerrissenen Gesellschaft. Sie kann daher eine "andere" als die nach ständiger "Liberalisierung" und "Deregulierung" drängende kapitalistische Produktion nur in konservativen und etatistischen Formen denken. Diese Widersprüchlichkeit scheint zumindest gespürt zu werden. Denn die häufigste Losung ist gerade nicht die Forderung nach einer "anderen Politik", sondern die bewußt darüber hinaus gehende Beschwörung "Eine andere Gesellschaft (Welt) ist möglich". Doch es bleibt eben eine Beschwörung, eine trotzige, aber unbe-stimmte Negation, die keine praktischen Konturen annehmen kann, ebenso wie die Vorstellung der "sozialen Transformation" nicht über den gemeinsamen Generalstreik des privaten und öffentlichen Sektors hinauskommt.

Die "Krise der politischen Repräsentation" ist also bei weitem noch keine Krise der Staatsfixierung und -gläubigkeit. Und sie wird es wohl auch nicht werden können, solange die Kritik der Tauschwert-Dominanz über den gesellschaftlichen Gebrauchswert oder Nutzen nicht umschlägt in eine Kritik des Austauschs selbst. Dazu aber ist sicher mehr nötig als eine theoretische Kritik der Warenproduktion, so wichtig sie auch heute schon wäre. Eine notwendige weitere Bedingung ist wahrscheinlich, daß sich eine praktische Entwicklung fortsetzt und verallgemeinert, die gerade erst begonnen hat: die Formierung eines gesellschaftlichen Produzententypus, wie ihn die Sud-Gewerkschaften und (obwohl Privateigentümer) auch die Confédération Paysanne verkörpern. Auch wenn deren Ausstrahlung weit größer ist als ihre nominelle Stärke, so stellen sie doch innerhalb der lohnabhängigen und selbständigen Produzenten erst eine kleine und relativ isolierte Minderheit dar. Die Sud-Gewerkschaften repräsentieren nur etwa drei Prozent aller gewerkschaftlich Organisierten und sind zudem – trotz einiger Organisationsansätze im privaten Sektor – weitgehend auf den öffentlichen Dienst beschränkt; und in der Confédération Paysanne sind gerade mal zwei Prozent der französischen Bauern organisiert. Unter diesen Bedingungen können sich die Sud'ler schlecht als Teil eines produktiven Gesamtarbeiters begreifen, der mit vereinten Kräften die kapitalistische Welt aus den Angeln heben könnte. Und die Bauern können die Lohnabhängigen kaum als potentielle Verbündete betrachten, wenn die ihnen am nächsten stehenden Beschäftigten der Nahrungs-, Futtermittel- und Chemieindustrie sich nicht wenigstens ansatzweise zum gemeinsamen Kampf für eine nutzenorientierte und nachhaltige Produktion aufraffen. Neben dem Bündnis mit Verbrauchern und Umweltschützern bleibt ihnen vorerst nur der Staat als Adressat ihrer Forderungen – und darüber hinaus die Hoffnung auf "neue Strukturen politischer Repräsentation" (Bové). Erst wenn sich mehr und mehr auch in allen anderen wichtigen Produktionszweigen Lohnabhängige als selbstbewußte Produzenten formieren, kann die Erkenntnis Fuß fassen, daß die private Form der gesellschaftlichen Teilarbeiten (oder der gesellschaftlichen Arbeitsteilung) und der Zwang zum Austausch nicht nur gesellschaftlich kontraproduktiv, sondern auch überflüssig sind, kann die Vorstellung einer gemeinsam organisierbaren unmittelbar gesellschaftlichen Produktion reifen. Doch das ist nur eine mögliche, keineswegs eine ausgemachte oder gar zwangsläufige Entwicklung."


Anmerkungen
(1) Der Gramsci-Artikel erschien 1921 in der Zeitschrift "Die kommunistische Internationale", Organ des EKKI. Eine Zusammenfassung mit Zitaten ist in meinem Text "Das Ferne liegt so nah..." enthalten, online unter www.opentheory.org/kw48_99-3/text.phtml.
(2) Willi Hajek, "1995 - der Ausbruch aus der kapitalistischen Normalität und die soziale Transformation", zu finden unter www.opentheory.org/kw48_01-3/text.phtml