Freundinnen und Freunde
der klassenlosen Gesellschaft
ACHTUNG: Aktuelle Texte & Termine nur auf www.kosmoprolet.org



Frohe Weihnachten!


PDF-Version

weitere Texte zur Sozialrevolte in Griechenland:
TPTG: Kurzer Bericht über die jüngsten Ereignisse in Athen aus Sicht einiger proletarischer Beteiligter
Anhang 1: Kommuniqué von Arbeiter/innen aus Aghios Dimitrios

Erklärung der Generalversammlung der aufständischen Arbeiter




Gewalt ist es, 40 Jahre für fast nichts zu arbeiten, um sich dann zu fragen, ob man überhaupt irgendwann in Rente geht... Gewalt sind die Schuldscheine, die geplünderten Sozialkassen, der Börsenbetrug... Gewalt ist der Zwang zum Bausparkredit, den man am Ende teuer zurückzuzahlen hat... Gewalt ist das Recht des Arbeitgebers zu entlassen, wann es ihm passt... Gewalt ist die Arbeitslosigkeit, die befristeten Verhältnisse, die 400 Euro mit oder ohne Versicherung... Gewalt sind die "Arbeitsunfälle", weil die Bosse ihre Kosten zu Lasten der Sicherheit der Arbeiter senken... Gewalt ist es, durch zu viel Arbeit zu erkranken... Gewalt sind Psychopharmaka und Vitamine gegen die Erschöpfung, verursacht durch lange Arbeitszeiten... Gewalt ist es, kein Geld für Medikamente zur Reparatur der Ware Arbeitskraft zu haben... Gewalt ist es, in Nebenbetten schäbiger Krankenhäuser zu sterben, weil man sich das Schmiergeld des extra "Honorars" nicht leisten kann...


1.
Diesen Dezember hat der Wind der Revolte die Städte wieder ergriffen. Die feierliche Atmosphäre ist mit dem Weihnachtsbaum am Syntagmaplatz in Flammen aufgegangen. Der Mord an dem 15-jährigen Schüler Alexandros Grigoropoulos durch einen Polizisten der Sondereinheit war nur der Auslöser. Tausende wütender Proletarier haben sich auf der Strasse zusammengefunden und diese Waren-Städte in Brand gesetzt.
Die soziale Revolte, die wir immer noch erleben, kann nicht allein mit dem Frust durch noch einen staatlichen Mord oder der Polizeigewalt erklärt werden. Es geht um viel mehr. Es ist der Ausbruch einer aufgestauten Wut gegen den seit Jahren unternommenen Versuch unser Leben abzuwerten, offenbar beschleunigt durch einen Kapitalismus in der Krise. Endlich haben wir die Chance, uns deutlich und mit Taten zu äußern: "Es reicht, jetzt sind wir dran!"
Trotz unserer sporadischen Kämpfe, größerer und kleinerer, haben wir seit Jahren immer mehr Arbeit für immer weniger Lohn hinnehmen müssen, den Angriff auf unseren indirekten Lohn durch die Rentenreform, die Intensivierung des Schülerlebens, das neue Hochschulgesetz, die zunehmenden Entlassungen, die Verhärtung der prekären Verhältnisse, die Verwüstung der Umwelt, die harte Gewalt gegen Migranten toleriert. Wir haben die Anhäufung des sozialen "Mülls", der Ausgegrenzten, die nicht in die Entwicklungsdiagramme ihrer Wirtschaft passen, die Arroganz der Bosse toleriert. Und all diese Jahre hat sich unsere Wut aufgestaut.
Die Bosse haben gehofft, dass diese soziale Bombe niemals explodieren wird, und die naiven haben sogar daran geglaubt. Aber die Geschichte zeigt, dass der Aufstand nicht aufzuhalten ist und dass er jeden zwingen wird, eine Seite zu wählen. Der alte Maulwurf ist noch nicht gestorben...

2.
Als wir uns auf der Straße gefunden hatten, war es eine große Masse von politisch nicht bewussten Jugendlichen, die uns gezeigt hat, wie es weitergehen könne.
Aber an dieser Revolte waren nicht nur Schüler beteiligt. Wir haben Schüler, Studenten, hauptsächlich - aber nicht nur - junge Arbeiter und Arbeitslose getroffen. Viele von ihnen (vor allem in Athen) sind Migranten, die sich zum ersten Mal erhoben, nachdem sie zwei Jahrzehnte lang die harte Ausbeutung schweigend erduldet haben. Wir haben von den Inhaftierten erfahren, die für 24 Stunden Essen verweigerten, um ihre Solidarität mit den Aufständischen der Städte zu demonstrieren.
Die Straße hat in der Praxis jede Trennung der Identitäten aufgehoben. Sie hat uns zu einer Menge vereint, die Banken, Polizeistationen und Schaufenster attackiert, öffentliche Gebäude - wenn auch nur vorübergehend - befreit, Versammlungen und Kiezdemonstrationen durchführt. Diese bunte Masse ist in der Rebellion gegen die alltägliche Gewalt der Herrschaft der Ware homogenisiert worden, im kämpferischen Ausdruck des Willens zum wirklichen Leben.
Dieser Aufstand ist spontan und unkontrollierbar, während er gleichzeitig ausdrücklich auf die Ablehnung der Politik hindeutet, da keine konkreten Forderungen oder politischen Ansprüche dargelegt wurden. Wir haben gezeigt, dass wir keiner "Sorte" von Politikern mehr vertrauen. Ihr einziges Ziel ist der Erhalt des sozialen Friedens, eines Friedens, der das Elend des Alltagslebens, unsere Ausbeutung und Entfremdung in sich verhüllt. Unsere ganze Wut ist in der harten Schlichtheit der Plakate ausgedrückt, auf denen "Mörder" steht.
Diese Revolte ist ein authentisches Moment der proletarischen Negation der Umstände, unter denen wir gezwungen sind zu leben.

3.
Sofort nach dem Mord am 6. Dezember wurden die Staats- und Medienmechanismen mobilisiert, um den Ausbruch der proletarischen Wut zu verhindern. Sowohl die spektakulären Rücktrittsangebote der zuständigen Minister Pavlopoulos und Chinofotis als auch das Versprechen des Ministerpräsidenten, die für den Mord des 15-Jährigen Verantwortlichen würden paradigmatisch bestraft, waren Versuche, die Reaktionen unter Kontrolle zu bringen. Das gleiche Kalkül stand hinter der von allen anderen Parteien und vielen Journalisten geübten "Kritik" an der Regierung wie auch der Politik einer angeblich "diskreten Präsenz" der Polizei bei Demonstrationen.
Sehr schnell aber haben sie jede Form der Repression entfacht: Androhung des Ausnahmezustands, Mobilisierung von faschistisch-paramilitärischen "frustrierten Bürgern", dutzende Verhaftungen und Prügeleinsätze gegen Demonstranten, neue Schüsse von Bullen in Athen.
Alle Parteien der Bosse zusammen (am vulgärsten die Kommunistische Partei) und das Gesindel der "News-Shows" haben versucht, die Angst zu schüren. Auf gleicher Linie auch die zwei Gewerkschaftsverbände GSEE und ADEDY, die die traditionellen Streikdemos - "Prozessionen" - gegen den Staatshaushalt absagten, sobald ihnen die Gefahr bewusst wurde, dass sich dieses Mal wilde Demonstrationen daraus entwickeln könnten.
Trotz alledem und entgegen dem Geschwätz der bürokratischen Syndikalisten über die Unfähigkeit der Regierung, Ordnung und sozialen Frieden zu sichern, haben am Tag des Generalstreiks Demos stattgefunden, und sie waren tatsächlich wild, während ein paar Tage später aufständische Proletarier die Gewerkschaftszentrale der GSEE besetzten, um sie in ein Zentrum des Kampfes zu verwandeln.
Die Realität ist also doch anders: Es sind die Bosse, die Angst haben. Als der Außenminister von Frankreich schon in den ersten Tagen des Aufstandes seine Besorgnis deklamierte, "die Besorgnis aller über die Entwicklung des Konflikts in Griechenland", hat er nur die Angst der Bosse über die Möglichkeit der Ausbreitung der sozialen Revolte bekundet, da in vielen Städten der Welt Solidaritätsdemos stattfinden. Besonders in Frankreich hat das Bildungsministerium, konfrontiert mit einer aufkommenden Schülerbewegung, die den Flammen der Revolte in den griechischen Städten applaudiert, seine geplante Schulreform schon aufgeben müssen.

4.
In den Fernsehnachrichten verfolgen wir den Versuch der Polizei, die Demonstrierenden zu spalten, zum einen durch die Darstellung des Aufstandes als ein pubertäres Abenteuer von Schülern, denen aufgrund ihres "empfindsamen" Alters jedes Recht zugesprochen wird, sich gegen die Welt ihrer Eltern zu widersetzen (als ob die Eltern Proletarier keinen Grund hätten, sich die Zerstörung dieser Welt zu wünschen), oder durch die Aktivierung rassistischer Reflexe mittels einer falschen Spaltung in griechische Demonstranten vs. plündernde Migranten, hauptsächlich aber durch die Aussonderung der "bösen" Kapuzenträger von den "guten" friedlichen Demonstranten.
Die Bosse und ihre Lakaien bestätigen das Recht auf friedliche Demonstrationen, nur um das Gebot des Aufstandes zu leugnen. Sie wollen die weitere Sozialisierung des gewaltbereiten Verhaltens auf der Straße verhindern und versuchen solches Verhalten als Ausschreitungen gewisser "Antiautoritärer" oder "Krawallmacher" darzustellen, die sich in die Demonstrationen friedlicher Bürger einschleichen. Nun werden aber die Enteignungen, die Zerstörungen und die Kämpfe mit der Polizei nicht nur (und auch nicht vorwiegend) von Anarchisten durchgeführt. Es sind bis zu einem gewissen Grad Anarchisten beteiligt. Aber die Heftigkeit und die Beharrlichkeit des Konflikts mit dem Staat und die verbreiteten Enteignungen sind mit der jahrelangen Bedrückung der Jugendlichen und Migranten zu erklären. Die Zerstörung als proletarische Aktion bedeutet, dass die Existenz von Banken, Großgeschäften und Polizeistationen als ein Moment eines stummen Krieges erkannt wird.
Sie bedeutet auch den Bruch mit dem demokratischen Management des sozialen Konflikts, das Demonstrationen gegen das eine oder andere duldet, solange sie jedes autonomisierten aktiven Klassencharakters entbehren. Auf die wichtigste politische Hochburg der Herrschaft des Kapitals, die Demokratie, sich berufend, hat der Ministerpräsident deklariert: " Es kann nicht sein, dass die sozialen Kämpfe oder der Tod eines jungen Menschen verwechselt werden mit Aktionen gegen die Demokratie." Was er dabei nicht sagt: dass er es akzeptiert, dass die Demokratie Stadt und Land zerstört, Luft und Wasser vergiftet, dass sie bombardiert, Waffen verkauft, menschliche Müllkippen schafft, uns dazu zwingt, unser menschliches Sein aufzugeben, um arbeitende Gegenstände zu werden (oder Arbeitssuchende, da immer mehr von uns wegen ihrer Krise Arbeitlose werden). Er meint also, man kann zerstören was man will, solange neue Profitchancen entstehen und Wachstum begünstigt wird. Aber wenn wir das private Eigentum zerstören, ist das der größte Skandal für eine Gesellschaft, der dieses Recht seit Anbeginn als heilig gilt. Die Brandstiftungen und Zerstörungen sind eine Wunde eben der Rechtmäßigkeit dieser Gesellschaft.
Im Endeffekt ist der so genannte "Kapuzenträger" ein leerer Begriff, zur ausschließlichen Konkretisierung seitens der Polizei bestimmt. Die Polizei besitzt dieses Monopol: Sie darf das Profil der Bedrohung selbst erstellen.

5.
Für die Bilderproduktionsmaschine ist der "Kapuzenträger" (d.h. das Bild, das auf die Spaltung des Proletariats abzielt) der Antipode zum "friedlichen Bürger, dessen Eigentum zerstört wird". Wer ist aber dieser berühmte "friedliche Bürger", der über die Zerstörungen empört ist? In diesem Fall wird er durch den Kleinunternehmer verkörpert, den Besitzer eines "kleinen" Ladens, den Kleinbürger. Aber auch sie werden vom Staat betrogen, da viele durch die kapitalistische Krise ruiniert werden.
Diesen Dezember hat sich im Vergleich zum Vorjahr der Umsatz halbiert, nicht nur in der Ermou- oder Stournaristraße, sondern auch in den "Volks-Kleinmärkten", und wir haben keinen solchen Markt in Flammen gesehen. Die Bosse behaupten, dass wegen der Zerstörungen viele Menschen ihre Arbeit verloren hätten, während die durch die Krise "gerechtfertigten" Entlassungen, die demnächst bekannt gegeben werden, auf ungefähr 100.000 geschätzt werden.
Aber in Bezug auf die Zerstörung der "kleinen" Läden, die nicht durch Kapuzenträger-Angestellte des Staates selbst verursacht worden sind (die Strategie des Staates zielte auf eine Aufwertung der Glaubhaftigkeit der Gefahr für die Kleinbürger), haben die Angestellten dieser Läden selbst geantwortet mit der "Anklage der autonomen Initiative kaufmännischer Angestellter in Larissa":

"Wir beschuldigen alle, die versuchen den Terror zu verbreiten, um uns zu überzeugen, dass die Verteidigung der Menschenwürde und des Lebens der Verteidigung einiger Vermögen weichen muss, Vermögen, die im Grunde von unbezahlter und unversicherter Arbeit und Mehrarbeit gummi-flexibler Angestellter entstehen, Vermögen, die im Laufe der symbolischen Angriffe gegen die Banken und öffentlichen Gebäude ohnehin nicht angegriffen wurden (das ist wahr für Larissa und andere Städte auf dem Land). Wenn einige sich plötzlich um die kaufmännischen Angestellten kümmern, dann sollen sie die lächerlichen Löhne erhöhen, sie sollen lernen, was Versicherungsbeiträge bedeuten, sie sollen die Arbeitsbedingungen und die Arbeitszeit menschlich machen."

Überlassen wir die Händler (große und kleine) sich selbst in ihrer Sorge um ihre Geschäfte. Wir sind nicht auf derselben Seite des Klassenkampfes, und in Momenten der sozialen Polarisierung, wie der heutigen, muss sich jeder für ein Lager entscheiden.

6.
Wir sind nun in der dritten Woche dieser Revolte. Trotz der Versuche seitens der Medien, es möglichst zu verschweigen, gehen Demos, Besetzungen und Versammlungen in Athen und anderen Städten weiter.
Die Aufständischen fordern die sofortige Freilassung aller Inhaftierten. Der einzige Weg, die Inhaftierten tatkräftig zu unterstützen, ist die Fortentwicklung des Kampfes, da sie auch Teil dieses Kampfes sind. Tatsache ist, dass es heute schwer abzuschätzen ist, wie es mit diesem sozialen Aufstand weitergehen wird. Abgesehen davon ist jetzt schon klar, dass für uns alle, die wir diese Tage auf der Straße waren, aber auch für die ganze Arbeiterklasse in diesem Land, nichts mehr so sein wird, wie es vorher war. Auf jeden Fall müssen viele Diskussionen geführt und muss viel geschrieben werden auf dem Weg zu einer kritischen Einschätzung der Ereignisse dieses Dezembers. Aber das ist Sache der Aufständischen selbst und aller, die ein Interesse haben diese Welt abzuschaffen, nicht der Politiker und der Fernsehnachrichten.
Zum Schluss, eines ist sicher: Dieses Jahr gibt es keine Weihnachten, es gibt Revolte!

Nichts ist vorbei, der Kampf geht weiter!

Sofortige Freilassung aller Inhaftierten der sozialen Revolte!



Einige von denen, die sich auf den Straßen der revoltierenden Städte gefunden haben