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der klassenlosen Gesellschaft
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Kurzer Bericht
über die jüngsten Ereignisse in Athen
aus Sicht einiger proletarischer Beteiligter


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weitere Texte zur Sozialrevolte in Griechenland:
Anhang 1: Kommuniqué von Arbeiter/innen aus Aghios Dimitrios
Erklärung der Generalversammlung der aufständischen Arbeiter
Thesen zur Bewegung in Griechenland (Jan. 2009)




Polizeischüsse haben am 6. Dezember in Städten in ganz Griechenland die heftigsten Riots seit Jahrzehnten ausgelöst. Im Folgenden bieten wir eine erste – und unvollständige – Darstellung der noch anhaltenden Unruhen in Athen, wobei wir uns auf eigene Erfahrungen und auf Schilderungen anderer stützen. Eine angemessene Einschätzung einerseits der Heftigkeit der Riots, der Entschlossenheit der an den Krawallen und Plünderungen Beteiligten, sowie andererseits der sich momentan entfaltenden Strategie des Staates würde sicherlich mehr Zeit und genauere Untersuchungen erfordern. Dazu sind wir zugegebenermaßen gerade nicht in der Lage, da wir uns hier vor Ort an verschiedenen Aktivitäten, Demonstrationen und Versammlungen beteiligen.


Samstag, 6. Dezember

Im Zuge einer gewöhnlichen Auseinandersetzung in der Nähe des Exarchia-Platzes wird der 15jährige Alexis-Andreas Grigoropoulos gegen 21:10 Uhr von einem Polizisten einer Sondereinheit kaltblütig erschossen. Sofort versammelt sich eine größere Menge – überwiegend Antiautoritäre – in der Gegend, um herauszufinden, was vorgefallen ist, und um ihre Wut über die Polizeibrutalität zum Ausdruck zu bringen. Mehrere hundert Polizeibeamte versuchen die Gegend abzuriegeln, um weitergehende Reaktionen auf den Vorfall zu unterdrücken, was ihnen jedoch nicht gelang: Die Leute beginnen spontan, die Polizei mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln anzugreifen. Binnen weniger als zwei Stunden versammeln sich mehr als 10.000 Menschen auf den Straßen, um den Vorfall publik zu machen und die Polizei zu attackieren. Einige anarchistische Gruppen besetzen das nahe gelegene historische Gebäude der Nationalen Technischen Universität (Polytechnikum) sowie die einen Kilometer entfernte Wirtschaftsfakultät, um sie als Zentren für den Kampf zu nutzen. Auch die Rechtsfakultät, die weniger als einen Kilometer vom Tatort des Mordes entfernt liegt, wird von Linken besetzt. In diesem Bezirk dauern die Zusammenstöße mit der Polizei und die Angriffe auf Banken und Geschäfte bis 4 Uhr morgens an, soweit wir das verfolgen konnten.

Per Internet und Handy wird die Nachricht über den Mord in Windeseile verbreitet. Etwa 150 Leute, die sich bereits am Monastiraki Platz befinden, gehen spontan dazu über, fast alle Geschäfte in der Ermou-Straße anzugreifen und zu plündern, die im weltweiten Ranking der Luxus-Einkaufsstraßen Platz 11 belegt. Auch viele Besucher der Kneipen und Clubs in der Gegend schließen sich dem an. In der Athener Innenstadt wird die Polizeistation nahe der Akropolis bei einem Angriff schwer beschädigt.

Die Nachricht vom Mord an dem Jungen erreicht auch sofort andere Städte, so dass es in Thessaloniki, Ioannina, Heraklion und Volos ebenfalls zu Angriffen auf Banken, Polizeiwachen und Geschäfte kommt.

Sonntag, 7. Dezember

Die Besetzer der Rechtsfakultät haben für 14 Uhr zu einer Demonstration am Archäologischen Museum aufgerufen, das sich direkt neben dem ebenfalls besetzten historischen Gebäude des Polytechnikums in der Patission-Allee befindet. Es versammelt sich eine größere Menge, die gegen 15:30 in Richtung Hauptquartier der Polizei losmarschiert. Uns ist zwar bereits klar, dass uns die Polizei niemals durchlassen wird, aber wir sind entschlossen, so nahe wie möglich an das Hauptquartier zu kommen. Sobald die Demonstration den Platz verlässt, werden Banken angegriffen und die Polizisten mit Steinen beworfen. Von der Alexandras-Allee aus können wir sehen, dass etwa 4.000 Leute aller Altersgruppen auf der Demonstration sind. Alle Geschäfte in Sichtweite des Umzugs werden angegriffen, insbesondere Händler von Luxus-Autos und Banken. Die Polizei hält zunächst einen Sicherheitsabstand zur Demonstration, um nicht zur Zielscheibe von Angriffen zu werden; als sie sich dem Zug nähert, wird sie vor allem mit Steinen eingedeckt. Am Argentina-Platz unternimmt sie einen ersten erfolglosen Versuch, die Demonstration mit Tränengas aufzulösen. Zehn Minuten später folgt jedoch ein zweiter, entschlossenerer Versuch, und tatsächlich gelingt es der Polizei nun unter Einsatz größerer Mengen Tränengas, die Demonstration auseinander zu treiben, woraufhin sich der Großteil der Leute Richtung Neapoli bewegt. Geschäfte und Banken werden weiterhin attackiert, auch Autos zerstört. Viele Leute versuchen, auf einer Parallelstraße doch noch zur Polizeihauptwache zu gelangen, aber es wird schnell deutlich, dass es kein Durchkommen gibt – in dieser Situation entsteht auch das inzwischen berühmte Foto eines Riot-Polizisten mit gezückter Pistole. Die Situation ist angespannt. Wir entscheiden uns, zurück zum Exarchia-Platz zu laufen, um zu sehen, was als nächstes zu tun ist. Auf dem Rückweg gehen die Zusammenstöße mit der Polizei weiter, allerdings nehmen sie etwas ab. Einige Leute greifen zudem die nahe gelegene 5. Polizeiwache an, die Polizei antwortet mit Gummigeschossen.

Später am Abend beginnen in der Gegend um das Polytechnikum und die Wirtschaftsfakultät erneut Auseinandersetzungen mit der Polizei und in geringerem Maße Angriffe auf Geschäfte, die sich bis spät in die Nacht ziehen.

Montag, 8. Dezember

Am morgen versammeln sich Jugendliche mehrerer weiterführender Schulen zu einem spontanen Protest vor dem Hauptquartier der Polizei. Viele Jugendliche aus den nördlichen, östlichen und westlichen Vororten veranstalten eine Spontandemonstration in der Innenstadt. Schüler aus Piräus, dem Hafenviertel im Südwesten der Stadt, greifen die zentrale Polizeiwache an und schmeißen Polizeifahrzeuge um.

Für 18 Uhr haben die Besetzer der Wirtschaftsfakultät zu einer Demonstration auf dem zentralen Propylaia-Platz aufgerufen. Unseren Schätzungen zufolge sind mehr als 20.000 Leute – vor allem Jugendliche – gekommen und etwa 1.500 gehen immer wieder aus dem Demonstrationszug raus, um Banken zu entglasen und die Luxusgeschäfte in der Innenstadt anzugreifen. Praktisch vom ersten Augenblick der Demonstration an beginnen die Angriffe und Plünderungen. Die Jugendlichen zerstören die Banken am Omonoia-Platz und greifen mehr als die Hälfte der Geschäfte in der Stadiou- und der Filellinon-Allee an. Zudem werden die Geschäfte am Eingang der Piräus-Allee ausgiebig geplündert. Der Zug bewegt sich langsam und niemand versucht ernsthaft, die Angriffe oder Plünderungen zu verhindern. Manche schauen sogar zu und applaudieren den Jugendlichen. Zeitgleich greifen Jugendliche Polizei, Banken und Geschäfte in verschiedenen Teilen der Stadt bis hinunter zur Syggrou-Allee an, die in den Süden Athens führt. Der genaue Sachschaden, den das Privateigentum in dieser Nacht erleidet, ist bis heute unklar. In den Medien ist von 10 Milliarden Euro die Rede, was durchaus stimmen könnte, da tatsächlich Dutzende von Geschäften attackiert, geplündert oder niedergebrannt werden, in erster Linie von griechischen und immigrierten „unkontrollierbaren Jugendlichen“.

Man könnte zwar sagen, dass die Initiative von den griechischen Jugendlichen – Studenten und prekären Arbeitern – ausgeht und sich die Migranten ihnen anschließen, aber im Straßengeschehen sind die einen kaum von den anderen zu unterscheiden. Die albanischen Migranten der zweiten Generation greifen vor allem Polizisten und Geschäfte an, während andere Migranten – überwiegend Afghanen und Afrikaner – sich weitgehend auf Plünderungen beschränken. Etwa das halbe Stadtzentrum ist von Riots und Plünderungen betroffen. Am Abend kommt es zu mehreren Verhaftungen, aber die Polizei ist weit entfernt, die Lage unter Kontrolle zu haben, da zu viele Leute auf der Straße sind und in 10- bis 20köpfigen Kleingruppen vorgehen.

Dienstag, 9. Dezember

Lehrer der Grund- und weiterführenden Schulen streiken gegen die Polizeibrutalität. Mittags beginnt eine Demonstration vom Propylaia-Platz zum Parlament, an der jedoch nur rund 3.000 Menschen teilnehmen. Nach der Demonstration decken Jugendliche – obwohl sie nur eine kleine Gruppe von 150 Leuten sind – die Riot-Polizei unter anderem mit Brandsätzen und Steinen ein.

Die so genannte Kommunistische Partei (KKE) ängstigt die Aussicht auf allgemeine Unruhen – einmal mehr offenbart sie ihr konterrevolutionäres und reaktionäres Wesen. Sie erklärt die Randalierer und Plünderer zu Geheimagenten „dunkler ausländischer Mächte“ und ruft die „Volksbewegung“ – ein imaginiertes Subjekt, dessen rechtmäßige Repräsentantin vermutlich die KKE darstellt – dazu auf, sich von den Zusammenstößen fernzuhalten. Die Geschichte wiederholt sich: Seit 35 Jahren ergeht sich diese Partei in dem immergleichen monotonen und gefährlichen Mantra über „Provokateure“; so hielt sie es schon mit den Studenten und Arbeitern, die 1973 das Polytechnikum besetzten und damit den Sturz der Diktatur einleiteten. Heute versucht sie erneut, den Staat zu retten und die öffentliche Ordnung wiederherzustellen.

Um 15 Uhr findet auf dem Friedhof von Palaio Faliro, eines Vororts im Süden von Athen, die Beerdigung des erschossenen Jungen statt. Mehr als 5.000 Menschen versammeln sich, um sich von Alex zu verabschieden und Parolen gegen die Mörder von der Polizei zu rufen. Während des Begräbnisses greifen etwa 200 Jugendliche die Riot-Polizei an, die sich ein paar Straßen weiter bereit hält. Die Zusammenstöße dauern mehr als eine Stunde, Geschäfte und Banken werden attackiert und ein Polizeiwagen wird mit Steinen angegriffen. Nach einer Stunde versuchen einige Jugendliche zur Polizeistation von Palaio Faliro zu gelangen, aber die Polizei stoppt sie ein paar Straßen vor ihrem Ziel. Während dieses Riots geben drei Motorrad-Polizisten mehr als zehn Schüsse in die Luft ab, um die Randalierer „einzuschüchtern“.

Bei heftigen Zusammenstößen mit der Polizei, die in der Nacht in den Straßen um das Polytechnikum und die Wirtschaftsfakultät stattfinden, tauchen auch Faschisten auf. Am Victoria-Platz attackieren Migranten die Polizei und versuchen, drei Geschäfte zu plündern, aber einer von ihnen wird von Zivilpolizisten und „Zivilisten“ brutal festgenommen. Überhaupt versucht der Staat an diesem Tag, bestimmte Teile der Gesellschaft in seinem Sinne in die Auseinandersetzungen einzubeziehen, indem er Geschäftsinhaber, Faschisten, „Zivilisten“ und Polizei zur Zusammenarbeit gegen die Aufrührer ermuntert.

Mittwoch, 10. Dezember

An diesem Tag findet ein Generalstreik statt, der bereits vor einem Monat beschlossen wurde und sich vor allem gegen den Staatshaushalt für 2009 richtet. Aufgrund der anhaltenden Riots sprechen sich die Gewerkschaftsführer jedoch auch gegen die Polizeibrutalität aus, wobei sie zwischen „Krawallmachern“ und „verantwortungsvollen friedlichen Demonstranten“ trennen. An der Kundgebung auf dem Syntagma Platz nehmen über 7.000 Menschen teil. Einige Protestierende greifen die Polizei mit Brandsätzen an; der Generalstreik legt Griechenland lahm und verstärkt den Druck auf die bereits wankende Regierung.

In der Panepistimiou-Allee kommt es zu kleineren Riots. Im Anschluss an die Demonstration nehmen viele Leute an Versammlungen im Polytechnikum und der Rechtsfakultät teil, um zu beraten, was in den nächsten Tagen zu tun ist. Später findet eine große Versammlung des antiautoritären Milieus in der Wirtschaftsfakultät statt. Am Morgen haben Schüler die Polizeiwache im Vorort Kaisariani angegriffen. Nachts kommt es in der Tritis-Septemvriou- Allee in der Athener Innenstadt zu Zusammenstößen mit der Polizei.

Die Riots haben sich inzwischen auf 42 Regierungsbezirke in Griechenland ausgeweitet, selbst auf Städte, wo zuvor nicht einmal Demonstrationen stattgefunden haben. Das Muster ist überall das gleiche: Vor allem Studenten und Jugendliche greifen Polizeiwachen, Banken, Geschäfte und staatliche Gebäude an. Sie kommunizieren per Handy miteinander und versammeln sich spontan. Anarchisten und Politniks machen nur einen kleinen Teil der Randalierer aus und sind oftmals selbst von der Heftigkeit, der Ausweitung und der Dauer der Ausschreitungen überrascht.

Vor allem in Athen und in Heraklion (Kreta) bilden Migranten einen großen Teil der Aufrührer, so dass sich die Unruhen mit Recht als erster multinationaler Riot in Griechenland bezeichnen lassen. Die Medien versuchen ihre Propaganda dieser vollkommen neuen Situation anzupassen und sprechen von „griechischen Protestierern“ und „ausländischen Plünderern“, um den Rassismus anzuheizen. Bis zum jetzigen Zeitpunkt (14. 12.) sind etwa die Hälfte der Festgenommenen Migranten, der Vorwurf lautet in den meisten Fällen Plünderung. In ganz Griechenland handelt es sich bei der großen Mehrheit der Inhaftierten um Jugendliche.

Donnerstag, 11. Dezember

In ganz Athen verlassen Schüler ihre Schulen, um sich vor den Polizeistationen zu versammeln, die teilweise mit Müllsäcken und Steinen attackiert werden. Die Polizei setzt Tränengas ein und wirft in einigen Fällen sogar die Steine zurück. Insgesamt werden in Athen 35 Polizeistationen blockiert, woran sich mitunter auch andere Leute – meist Eltern der Schüler – beteiligen. Auch der Eingang des Gefängnisses von Korydallos wird von Schülern angegriffen. Laut Medienberichten wurden in den ersten fünf Tagen der Unruhen 4.500 Tränengaskanister verbraucht – das Tränengas wird allmählich knapp und es wird darüber nachgedacht, aus Israel Nachschub zu importieren!

Am Morgen besetzt eine Gruppe von Libertären das Rathaus von Aghios Dimitrios, eines Vorortes im Süden Athens. Abends findet dort eine Versammlung statt, an der sich auch viele Anwohner aus der Nachbarschaft beteiligen; die örtlichen Arbeiter aus dem öffentlichen Dienst unterstützen die Besetzung und geben ein Kommuniqué heraus, das wir im Anhang dokumentieren. Das Rathaus dient seitdem als Versammlungsort und Zentrum der Gegeninformation.

In mehreren Universitäten werden Versammlungen abgehalten, während die Besetzungen auf weitere Universitäten übergreifen. Kader der Studentenverbandes der Kommunistischen Partei (PKS) versuchen die Versammlungen zu blockieren, um weitere Besetzungen zu verhindern (so geschehen an der Panteion Universität und der Philosophischen Fakultät der Universität Athen). Diese Versuche scheitern jedoch, die Besetzungen breiten sich über Athen und ganz Griechenland aus.

Am frühen Abend findet im Athener Stadtzentrum eine große Demonstration mit rund 5.000 Teilnehmern statt, zu der eine vor allem aus linken Gewerkschaftern und Organisationen zusammengesetzte Versammlung in der besetzten Rechtsfakultät aufgerufen hat. Gegen Ende der Demonstration beginnen im Stadtzentrum und in der Gegend um die Rechtsfakultät Zusammenstöße mit der Polizei, die mehrere Stunden andauern.

In Komotini, einer Stadt im Nordosten nahe der Grenze zur Türkei, wird eine überwiegend studentische Demonstration von Faschisten und ultrarechten Schlägern, die zum Schutz der nationalen Sicherheit in die Gegend einfallen, angegriffen und in die Universität gejagt.

Es herrscht allgemein ein Gefühl der Feindschaft gegenüber der Polizei und viele haben überhaupt von allem genug. Die Polizeibrutalität und der Ausbau des Polizeistaates seit den Olympischen Spielen 2004, miese Löhne und Arbeitsbedingungen, der Druck und das heftige Arbeitspensum, das den Schülern der höheren Schulen abverlangt wird, der Unmut der Studenten angesichts eines Lebens, das zunehmend von Unsicherheit und Angst bestimmt ist, die Korruption der Regierung und der klerikalen Autoritäten, die Überausbeutung der Migranten und eine Gesellschaft, die von einer immer tieferen Klassenspaltung geprägt ist – das alles bildet eine explosive Mischung, der Mord an dem Jugendlichen war lediglich der zündende Funke.

Für allgemeine Empörung sorgt auch die auszugsweise Veröffentlichung der Aussage des Bullen, der den Jungen ermordet hat. Er ‚beschuldigt’ den Schüler eines „abweichenden Verhaltens“, da er „von seiner Privatschule verwiesen wurde“ (was, vorsichtig gesprochen, eine Lüge ist). Noch provokativer ist eine Äußerung seines Anwalts, eines notorischen Fernseh- Promis: „Es ist jetzt allein Sache der griechischen Justiz, zu entscheiden, ob der Junge rechtmäßig getötet wurde oder nicht.“ Der Bericht der ballistischen Untersuchung soll heute vorgelegt werden. Aus „Lecks“ in Medienkreisen ist bereits durchgesickert, dass es im Bericht heißen wird, Alexandros sei von einem Querschläger und nicht durch einen direkten Schuss getötet worden (was den Aussagen sämtlicher Augenzeugen widerspricht). Immerhin finden derartige Provokationen eine Antwort in den Straßen. Unter anderem werden täglich neue phantasievolle Parolen erfunden: „Wir haben keine Steine geschmissen, das waren Querschläger“, „Der Anwalt hätte es verdient, von einem Querschläger getötet zu werden“.

Freitag, 12. Dezember

Inzwischen sind 700 weiterführende Schulen und 100 Universitäten besetzt und es wird damit gerechnet, dass ihre Zahl weiter zunehmen wird. In Athen findet eine große Demonstration von mindestens 10.000 Schülern und Studenten statt, die – zusammen mit anderen – die Polizei angreifen und Banken zerstören. Während der Demonstration verwüsten außerdem 200 Anarchisten das Büro des erwähnten Anwalts. Die Riot-Bullen verhaften einige Schüler und Studenten, darunter 13- und 14jährige.

Samstag, 13. Dezember

Ein Koordinationskomitee der besetzten Universitäten und politischer Gruppen ruft für den Mittag zu einem Sit-in auf dem Syntagma-Platz auf. Mehr als 1.000 Leute aller Altersgruppen nehmen daran teil, Studenten und Schüler ebenso wie Arbeiter. Das Sit-in dauert bis in die Nacht an. Nach Mitternacht greift die Polizei den friedlichen Protest mit Tränengas an und treibt die Menge auseinander. Auch in den Athener Vororten Nea Smirni, Peristeri und Zografou finden Demonstrationen und Proteste statt.

Am Abend greift eine Menge von 200 Leuten das Ministerium für Umwelt und öffentliche Arbeiten in der Patission-Straße an. Aus Protest gegen den Mord an Alexis-Andreas Grigoropoulos versammeln sich um 21:00 Uhr etwa 1.000 Menschen in Nähe des Tatorts in Exarchia. Einige Leute greifen die lokale Polizeiwache an, während sich andere Zusammenstöße mit der Riot-Polizei liefern. Eine Demonstration macht sich auf den Weg in die Stadtviertel Monastiraki und Gazi, wo Samstagabends viele Leute in die Clubs gehen. Da der Zug von der Polizei angegriffen wird, werden die meisten Demonstranten jedoch aufgehalten. Die Auseinandersetzungen in Exarchia gehen weiter, aber die Angriffe der Polizei zwingen die Leute dazu, sich in alle Himmelsrichtungen zu zerstreuen; der Großteil der Menge wird auf das Gelände des Polytechnikums zurückgedrängt. In den angrenzenden Straßen gehen die Riots die ganze Nacht über weiter.

Der Teil der Demonstration nach Monastiraki und Gazi, der nicht aufgehalten wurde, versucht über die Piräus-Straße zurück ins Stadtzentrum zu gelangen. Die Demonstranten attackieren einige Banken und Überwachungskameras. Am Omonia-Platz greift die Polizei erneut den Zug an und verhaftet mehr als 50 Leute, die allerdings ohne Anklage wieder freigelassen werden.

Während des Tages werden mehrere Banken in Athen angegriffen.

Was tun? Wer weiß das schon. Eines ist sicher: Die Riots gehen weiter!

TPTG, Athen, 14. Dezember 2008

Fortsetzung (leider nur auf Englisch).


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Kommuniqué
von Arbeiter/innen aus Aghios Dimitrios



Samstagnacht tötete die griechische Polizei einen fünfzehnjährigen Schüler.

Der Mord stand am Ende einer gesteuerten staatsterroristischen Kampagne, die sich mit Hilfe der faschistischen Organisation „Goldene Dämmerung“ gegen Studenten und Oberschüler, die gegen die Privatisierung der Bildung kämpften, richtete, gegen Immigranten, die unter beständiger staatlicher Kontrolle stehen, weil sie die falsche Farbe haben, und gegen die Arbeiterklasse, die lebenslänglich für Hungerlöhne schuften muss.

Die Prätoren der Regierung, die alle möglichen Verbrechen gegen die Gesellschaft vertuschten und die griechischen Wälder im Sommer des Jahres 2007 niederbrannten, sind die Verantwortlichen für das Niederbrennen der griechischen Städte dieser Tage. Sie pflegen die Vetternwirtschaft: Das Regierungspersonal, das in den Mobiltelefon-Abhörskandal verwickelt war, wie auch die Plünderer der öffentlichen Rentenkassen werden ebenso geschützt wie die Entführer und Folterer von Immigranten und die Beteiligten an diversen Justiz-, Börsen- und Kirchenskandalen.

Wir stehen im Bürgerkrieg mit den Faschisten, den Bankern, dem Staat und den Massenmedien, die sich die Jugend unterwürfig und die Gesellschaft befriedet wünschen. Und obwohl sie keinerlei Rechtfertigung besitzen, versuchen sie wieder einmal mit Verschwörungstheorien, gleichwie mit Theorien eines „irregulären Angriffs“ die Leidenschaften zu zerstreuen.

Die über die Jahre aufgestaute Wut muss ihren Ausdruck finden und darf nicht enden.

Weltweit schauen die Leute auf das, was hier passiert.

Überall müssen sie sich erheben.

Diese Generation der armen, arbeitslosen, prekären, obdachlosen und migrantischen jungen Leute wird die Schaufenster dieser Gesellschaft zerschlagen und die fügsamen Bürger aus ihrem Schlaf eines flüchtigen Amerikanischen Traumes reißen.

SCHAUT NICHT DIE FERNSEHNACHRICHTEN, DAS BEWUSSTSEIN ENTSTEHT AUF DER STRASSE

WENN JUNGE LEUTE ERMORDET WERDEN SOLLEN DIE ALTEN NICHT SCHLAFEN

ADÉ ALEXANDROS, MAG DEIN BLUT DAS LETZTE EINES UNSCHULDIGEN SEIN, DAS GEFLOSSEN IST.


Die Arbeitergewerkschaft der Gemeinde von Aghios Dimitrios, Athen, den 11. 12. 2008