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“no way out?”



Der …ums Ganze!-Kongress vom 7.-9. Dezember 2007 in Frankfurt/M. diskutiert Postoperaismus und Wertkritik. Die Berliner Gruppe Zlatan Orek befragt Franz Katz und I. M. Zimmerwald von der Zeitschrift Kosmoprolet zum Hype um den Postoperaismus

Das …ums-Ganze!-Bündnis will auf seinem Kongress Positionen zur Diskussion stellen, die für Theoriebildung und Praxisperspektiven linker Bewegungen nach dem Niedergang des traditionellen Parteimarxismus relevant wurden. Im Zentrum der Diskussion stehen der Postoperaismus, der mit Negri/Hardts Empire zur globalen Referenz geworden ist, und die werttheoretische/-kritische Perspektive, die sich in Deutschland hauptsächlich in zwei Lager scheidet: Eines wird von Autoren der Marxgesellschaft wie Backhaus, Heinrich oder Rakowitz repräsentiert, das andere durch Autoren und Ehemalige der Gruppe Krisis. Was die unterschiedlichen Strömungen eint, ist die Frage nach dem werttheoretischen Kern der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie.

Antonio Negri hatte bereits in seiner Lektüre der Marxschen Grundrisse in Marx oltre Marx (Marx über Marx hinaus) von 1978 – damals als eine Art zusammenfassender Vorstellung des Operaismus für ein französisches Publikum gedacht – eine entscheidende Abkehr vom traditionellen Marxismus vollzogen, und zwar von dessen Ökonomismus, Funktionalismus, Determinismus und Teleologie der Geschichte.[1] Der revolutionäre Gehalt der marxschen Kapitalismuskritik und ihr Gebrauchswert für die politische Praxis sollte gegen den so genannten „ökonomischen Marx“ wieder herausgearbeitet werden. Der Marxsche Begriff der Herrschaft des Wertgesetzes wird historisiert: Spätestens in den 70er Jahren sei dieses unpersönlich vermittelnde Prinzip einer subjekthaft verselbständigten Kapitalakkumulation abgelöst worden durch das konkrete Regiment von Fabrikkommando und Planstaat. Die "lebendige Arbeit" und Spontanität des Massenarbeiters stehe dem Kommando des (von Negri so genannten) "konstanten Kapitals" gegenüber.[2] Der Arbeiter als industrieller Massenarbeiter treibe das Kapital vor sich her – bis mit der Repressionswelle Ende der Siebziger die "Zentralität" des Massenarbeiters von Seiten des Kapitals gebrochen wird. Die Fabrik löse sich in eine fabbrica diffusa auf, und der Massenarbeiter in den operaio sociale. Hier setzt in Negris Konstruktion eine List der Geschichte ein, die darin besteht, dass mit dem Angriff auf den Massenarbeiter von Seiten des Kapitals die lebendige Arbeit vom "konstanten Kapital" losgelöst und als "immaterielle Arbeit" befreit wird. Die proletarische Niederlage der 70er brachte dem Kapital also keinen dauerhaften Sieg, da untergründig eine lautlose Kollektivierung der Produktivkraft in den zunehmend integrierten Wissenssystemen eines – die gesamte Gesellschaft umfassenden – General Intellect (Marx, Grundrisse) von statten gehe.

Was von diesem theoretischen Angriff auf das „automatische Subjekt“ der Werttheorie zu halten ist, welche Bedeutung das unter dem Begriff „immaterielle Arbeit“ gefasste Phänomen für eine aktuelle Kritik des gegenwärtigen Kapitalismus hat, wie die neueste Begeisterung für militante Untersuchungen einzuschätzen ist[3], und was aus all dem für die Praxis folgt – das sind einige der auf dem Kongress zu diskutierenden Fragen.

Zlatan Orek: Beginnen wir mit den empirischen Voraussetzungen der gegenwärtigen Konjunktur des Postoperaismus. Was sind die für kommunistische Theorie und Praxis relevanten Veränderung des Kapitalismus nach 1989 und nach der sog. ‚digitalen Revolution’? Seht ihr qualitative Brüche, die z.B. eine grundlegende Revision des Wertbegriffs bedingen?

Zimmerwald: Wenn man sich Kongresse wie den in Frankfurt geplanten ansieht, könnte man sagen: Die folgenreichste Veränderung besteht darin, dass die auf sich selbst zurückgeworfene Theorie an sich selbst irre wird. In Abwesenheit richtungsweisender gesellschaftlicher Kämpfe wird es beliebig, was man überhaupt diskutiert. Die Wirklichkeit zwingt niemandem bestimmte Fragen auf, und entsprechend zäh und wirr und diskontinuierlich verlaufen die theoretischen Diskussionen. Das betrifft alle Fraktionen der Linken, und dem linksstudentischen Milieu kann man nur vorhalten, dass es diese Situation nicht reflektiert, sondern lieber alle zwei Jahre fruchtlose Kongresse veranstaltet.

Dass in einer solchen Situation selbst ein so offenkundiger Blödsinn wie der Postoperaismus als neues heißes Ding herumgereicht wird, überrascht nicht weiter, ist als Symptom aber durchaus ernst zu nehmen. Der Postoperaismus ist offenbar attraktiv, weil er tatsächliche Veränderungen aufbauscht und sich dann als Siege zurechtlegt. Das Schrumpfen – nicht Verschwinden – der Industriearbeiterklasse und das gleichzeitige Wachstum anderer Sektoren in den Metropolen wird – nicht nur von Negri – zur Ankunft einer grundlegend veränderten Produktionsweise stilisiert. Die Arbeiterklasse hat den Taylorismus, die Fließbänder besiegt und sich als „Multitude“ bereits auf dem Boden des Kapitalverhältnisses die Autonomie in der Produktionssphäre gesichert.

Das ist die konformistische Botschaft der Postoperaisten, und folglich erschöpft sich ihre Programmatik in der Existenzgeldforderung. In völligem Kontrast zum alten Operaismus findet keinerlei Untersuchung der Arbeitsverhältnisse mehr statt. Wäre es anders, könnte man beispielsweise kaum die Behauptung aufrechterhalten, es gebe keinen Unterschied zwischen Arbeitszeit und sonstiger Lebenszeit mehr. Das mag für ein paar prekäre Kopfarbeiter gelten, die rund um die Uhr mit ihren „Projekten“ beschäftigt sind, nicht aber gesamtgesellschaftlich. Warum wollen die Kapitalisten wie eh und je die Arbeitszeiten verlängern und die Arbeiterinnen das Gegenteil? Ebenso würde man, wenn man sich auf die wirklichen Verhältnisse einlassen würde, anstatt über die „konstituierende Macht“ der Multitude zu fabulieren, sofort feststellen, dass der Taylorismus – nicht nur in Südostasien – keineswegs verschwunden ist.

Katz: Meiner Ansicht nach bedarf der „Wertbegriff“ keiner grundsätzlichen Revision. Allerdings ist er auch in seiner makellosesten Form noch kein Garant für seine kritische Verwendung. Er sagt nichts darüber, wie unsere verschiedenen produktiven und reproduktiven Tätigkeiten entweder direkt verwertet oder für die Verwertung nutzbar gemacht werden und was dagegen zu tun wäre.

Der Wertkritik deutscher Prägung ist der Produktionsprozess bekanntlich egal, ebenso egal wie der Reproduktionsprozess. Im so genannten Postoperaismus ist es genauso, Empire ist ja keine Untersuchung oder Analyse, sondern ein philosophisch delirierendes Geraune mit angeblichen Evidenzen. Wenn man die konkreten „biopolitischen“ und „immateriellen“ Arbeitsformen untersucht, findet man schnell heraus, dass die technische Organisation dazu dient, Produzentenmacht zu verhindern.

Negri und Hardt sprechen in Empire von der Notwendigkeit einer neuen Werttheorie: „Die zentrale Rolle bei der Produktion des Mehrwerts, die früher der Arbeitskraft der Fabrikarbeiter, dem ‚Massenarbeiter’, zukam, spielt heute zentral die intellektuelle, immaterielle und kommunikative Arbeit (…) Es ist daher notwendig, eine neue politisch Werttheorie zu entwickeln, der es gelingt, das Problem dieser neuen Kapitalistischen Akkumulation des Werts als Kern des Ausbeutungsmechanismus (und deshalb vielleicht auch einer potentiellen Revolte) zu erkennen. (…)“[4] – Was ist von dieser Analyse zu halten? Ist die werttheoretische Konsequenz gerechtfertigt? Es wird der Anschein erweckt, Dienstleistungen seien die dominanten Arbeitsformen. Und damit wird die alte Frage virulent, ob solche Arbeit überhaupt 'mehrwertbildend' ist.

Zimmerwald: Zunächst erstmal zur „neuen Werttheorie“ von Negri. Worum geht es überhaupt beim Wertbegriff? Marx will zeigen, dass die Zerrissenheit der gesellschaftlichen Arbeit den Arbeitsprodukten Warenform aufherrscht. Sobald die Menschen nicht mehr isoliert auf dem Rübenacker hocken, sondern füreinander produzieren, diese gesellschaftliche Produktion aber nicht gesellschaftlich, also kommunistisch regeln, vermittelt sich die Gesamtarbeit über den Wert. Wenn Marx fragt, „warum dieser Inhalt jene Form annimmt, warum sich also die Arbeit im Wert und das Maß der Arbeit durch ihre Zeitdauer in der Wertgröße des Arbeitsprodukts darstellt“, fragt er vor allem – aber davon ist in der akademischen Marxologie selten die Rede – nach der Abschaffbarkeit dieser Form. Wert ist Ausdruck gesellschaftlicher Trennung, und der Kommunismus wäre das Ende dieser Trennung. Wertgesetz bedeutet, dass sich die „gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit als regelndes Naturgesetz gewaltsam durchsetzt, wie etwa das Gesetz der Schwere, wenn einem das Haus über dem Kopf zusammenpurzelt.“ (Kapital I, 89). Daran hat sich seit 1867 überhaupt nichts geändert und wird sich auch nichts ändern, bis die Produktion kommunistisch vergesellschaftet wird.

Bei Negri geht alles kunterbunt durcheinander. Soweit man seine kryptischen Ausführungen überhaupt nachvollziehen kann, sollen sie wohl besagen, dass die Verwissenschaftlichung der Produktion und die sagenumwobene freie Kooperation der „Multitude“ das Wertgesetz aushöhlen, weil man „nicht mehr“ berechnen könne, welcher Produzent welchen Anteil am gesellschaftlichen Gesamtprodukt hat – als wären die Lohnarbeiterinnen jemals danach - und nicht seit eh und je nach den durchschnittlichen Kosten der Reproduktion ihrer Arbeitskraft - bezahlt worden, als hätte Marx eine Gesellschaft einfacher Warenproduzenten vor Augen gehabt, als er vom Wertgesetz sprach. Wert verwandelt sich von einer kritischen Kategorie in eine unschuldige, positive: Die Multitude produziert den Wert kollektiv, der Anteil des Einzelnen kann nicht mehr bemessen werden, daher Existenzgeld für alle.

Diese krude Historisierung des Wertgesetzes heißt natürlich, dass Negri nicht den blassesten Schimmer von der heutigen Weltgesellschaft hat. Was wäre der Weltmarkt anderes als das Wertgesetz in Aktion? Wie will man Standortkonkurrenz, Arbeitshetze, den anhaltenden Kampf um die Länge des Arbeitstages begreifen, wenn man den Wertbegriff wegschmeißt? Im Weltbild der Postoperaisten löst sich der Begriff des Kapitalverhältnisses auf in die autonom produzierende Multitude einerseits, parasitäres Geld andererseits.

Katz: „Dienstleistung“ wird ja üblicherweise definiert als Arbeit, die sich nicht in einem Gegenstand vergegenständlicht, sondern im Moment ihrer Produktion auch konsumiert wird. Diese sagt überhaupt nichts darüber, ob sie Mehrwert bildet oder nicht. Kapitalproduktiv ist sie, wenn sich das Kapital durch sie auf erweiterter Stufenleiter reproduziert.

Die Frage, ob Dienstleistung die „dominante Arbeitsform“ ist, muss genauer gefasst werden: Besteht die „Dominanz“ in der Menge der Beschäftigten in diesem Sektor? Besteht sie darin, dass in diesem Sektor die größte Wertschöpfung stattfindet? Negri und andere übersteigern unter dem Begriff der „Zentralität“ die Produktivität zu einem besonderen revolutionären Potential. Ist die Dominanz eine „kulturelle“? „Dienstleistung“ ist ja ein völlig beliebiger, inhaltsleerer Begriff (die Soziologen sagen „Restkategorie“), gerade deshalb ist er so beliebt. Er suggeriert, die Industrie sei heute passé, dabei ist die industrielle Produktion weltweit gewachsen, nicht geschrumpft. Das Verhältnis der Sektoren muss qualitativ, nicht quantitativ begriffen werden. Nur die gestiegene Produktivität eines Sektors macht das Wachstum des nächsten möglich; also erst die größere Produktivität der Landwirtschaft macht die industrielle Revolution möglich, erst die Produktivität der Industrie kann eine Dienstleistungsgesellschaft erhalten. Ohne große Industrie kommt der Kapitalismus jedenfalls nicht aus.

Zimmerwald: Die Situationisten haben sich einmal über die Frage mancher Marxisten lustig gemacht, „ob der Lokomotivführer persönlich Mehrwert produziert.“ Die Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit ist eine analytische – hilfreich beispielsweise, um den gegenwärtigen Drang zu Privatisierungen zu verstehen –, aber keine, die darüber entscheidet, ob man irgendwelche dubiosen Subjekte in den erlauchten Kreis vollwertiger und revolutionstauglicher Proletarier aufnimmt oder nicht. Anstatt diese falsche Identifikation zurückzuweisen, behauptet Negri kurzerhand, dass alle Tätigkeiten gleichermaßen produktiv geworden seien – und weil Sprache und Kommunikation in seinem Weltbild zu den wichtigsten Produktivkräften geworden sind, sind auch die Überflüssigen, die an der Straßenecke herumstehen, produktiv, da sie gelegentlich neue Worte erfinden.

Mit dieser „Analyse“ wird die ohnehin unsinnige Existenzgeldforderung erzkonformistisch begründet: Weil alle produktiv sind, sollen auch alle Geld bekommen. Wer arbeitet, darf essen. Ein Mitstreiter Negris aus dem Euromayday-Dunstkreis, ein italienischer Wirtschaftsprofessor namens Andrea Fumagalli, wirbt für das Existenzgeld sogar mit dem Argument, dass es den Kapitalismus produktiver machen würde.

Ihr habt in eurer Zeitschrift Kosmoprolet den Postoperaismus mit dem frühen Operaismus konfrontiert. Was muß von diesem frühen Operaismus gegenüber dem Postoperaismus hochgehalten werden, welche Fragestellungen, Kategorien, Praxen?

Zimmerwald: Auch Kritikerinnen Negris machen manchmal den Fehler, sein Geschwurbel für eine Fortsetzung des Operaismus zu halten, der dann entsprechend vorschnell abgetan wird – so etwa Kerstin Stakemeier unlängst in dieser Zeitschrift. Dabei genügt eigentlich bereits flüchtige Bekanntschaft mit den Operaisten, um sie gegen diese Verquickung in Schutz zu nehmen.

Was mittlerweile als Operaismus in die Theoriegeschichte eingegangen ist, war nichts weiter als der Versuch einiger revolutionärer Marxisten, sich gegen die Sogkraft des Reformismus zu behaupten. Sie wollten keinen zeitlosen Theorieansatz entwickeln, sondern die damalige italienische Arbeiterbewegung radikal erneuern, oder aber den Klassenkampf jenseits dieser Arbeiterbewegung voran bringen. Zentrales Angriffsziel war die Stillhaltepolitik der offiziellen Arbeiterbewegung gegenüber dem beschissenen Fabrikalltag und die damit verbundene Vorstellung, man müsse nur den Staat als rationalen Gesellschaftsplaner gegen die Anarchie des Marktes in Anschlag bringen. Dagegen haben die ersten Operaisten das revolutionäre Ziel wieder zur Geltung gebracht: die Abschaffung des Lohnsystems, die Aneignung und Umgestaltung der Produktion, das Verschwinden des Staates zugunsten von Organen der Selbstverwaltung. Das war streng genommen alles.

Das in gewissem Sinne Neue bestand darin, den unmittelbaren Produktionsprozess als alltägliches Terrain des Klassenkonflikts genauer unter die Lupe zu nehmen, also die Rolle von Technologie und Arbeitsorganisation zur Unterwerfung von Arbeitskraft wie auch das dagegen gerichtete Verhalten der Arbeiterinnen zu untersuchen. Zwar finden sich derartige Überlegungen bereits im Kapital, aber selbst bei den radikalen Strömungen des Marxismus hat dies eine allenfalls untergeordnete Rolle gespielt, während die offizielle Arbeiterbewegung den technischen Fortschritt immer als einen hin zum Sozialismus gefeiert hat. Mit diesen falschen Gewissheiten bricht die Gruppe um Raniero Panzieri in den fünfziger Jahren.[5] Vieles, was heute als großer Durchbruch gefeiert wird – etwa bei Moishe Postone – wurde schon vor Jahrzehnten entwickelt, aber nicht als Marxologie, sondern als kritische Intervention in die Arbeiterbewegung und die Fabriken.

Auch der Postoperaismus fragt nach der "neuen Gestalt von Subjektivität" unter den historischen Transformationen des Kapitalismus. Neben einer neuen Werttheorie bedürfe es einer neuen Theorie der Subjektivität, die Formen der Ausbeutung und revolutionäre Potentiale gleichermaßen erfasst. Als "Ausgangspunkt" gilt wiederum die im gegenwärtigen Reproduktionsprozeß dominante Rolle von "Wissen, Kommunikation und Sprache"[6]. Wie verhält sich das zur Thematisierung proletarischer Subjektivität im Operaismus.

Zimmerwald: Es ist der Unterschied zwischen Kitsch und Kritik. Die Fragestellung der frühen Operaisten lautete: Was heißt heute „Arbeiterklasse“ – welchem Fabrikregime ist sie unterworfen, wie bewegt sie sich darin tagtäglich, wie könnte sie aus der Umklammerung durch die staatstragende Arbeiterbewegung ausbrechen und die Produktivkraftentwicklung kommunistisch wenden, anstatt sich von ihr knechten zu lassen? In den frühen Fabrikuntersuchungen etwa eines Romano Alquati werden die Proletarier gerade nicht als hammerschwingende Halbgötter verherrlicht, sondern er bemüht sich um ein nüchternes Bild, das auch die ideologische Vergesellschaftung der Lohnabhängigen einschließt. „Subjektivität“ bezeichnet hier keine ursprünglich-sprudelnde Lebendigkeit, sondern ist so widersprüchlich wie die Produktionsweise, auf deren Boden sie sich herausbildet: Es gibt die Rationalisierung des eigenen Elends und das Aufbegehren dagegen, es gibt Spaltungen innerhalb der Arbeiterklasse und Momente der Solidarität usw. usf. Die Arbeiterklasse ist kein einheitliches Subjekt, und das Versprechen einer anderen Gesellschaft trägt sie nur in dem Maße in sich, wie sie gegen ihre Existenz als Arbeiterklasse rebelliert und sich an die eigene Aufhebung macht.

Ganz anders der heutige Negri: Er lässt die „Multitude“ als Lichtgestalt gegen das „Empire“ antreten, das die „Expropriation des Gemeinsamen“ betreibt. Dass dieser Quatsch überhaupt Gehör findet, kann meines Erachtens nur über die Befindlichkeiten des laut Selbsteinschätzung kreativen „Prekariats“ erklärt werden – irgendwelche „Kulturproduzenten“, die zwar über ihren Kontostand jammern, an ihrer Arbeit aber nichts auszusetzen haben und sich als Modell der neuen Arbeitswelt imaginieren. Die Negativität des Operaismus, die Auflehnung gegen den Arbeitsalltag, ist einem glücklich-falschen Bewusstsein von Teilen des akademischen Proletariats gewichen. Es wird also gerade die entscheidende Kritik der frühen Operaisten in ihr Gegenteil verkehrt: Von der kritischen Untersuchung der Produktion geht man zu ihrer Verklärung über, und statt der Selbstaufhebung der Klasse will man die Selbstaffirmation der „Multitude“.

Daher erstaunt es nicht, dass es in Multitude – dem Folgeband zu Empire – nur noch um Demokratie geht: Die „biopolitische“, „kommunikative“ und „affektive“ Produktion der „Multitude“ ist bereits das Reich der Freiheit, der es nur noch an der passenden politischen Form fehlt. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Negris staatstragende Einlassungen der letzten Jahre keineswegs Ausrutscher sind. Kurz nach dem Irak-Krieg hat er Schröder und Chirac für ihre Orientierung an „der Kommunikation und Kooperation der Multitudes“ gefeiert und die sozialen Bewegungen dazu aufgefordert, „eine demokratische und föderalistische Wahl zu treffen, die das politische Europa als möglichen Übergang zu einer demokratischen Weltordnung betrachtet“. Mir wäre nicht bekannt, dass die Epigonen Negris, die sich in Frankfurt versammeln werden, auch nur einen kritischen Satz über diesen Mist verloren hätten.

Was wäre eine aktuelle operaistische Position, wofür wäre sie wichtig?

Katz: Meiner Ansicht nach sollten Kommunistinnen und Kommunisten heute – das heißt: unter völlig veränderten Bedingungen! – die Methode der Untersuchung wieder beleben, um Theorie und Praxis zu vermitteln. Wir können uns inspirieren lassen von dem offenen und undogmatischen, unmarxistischen Umgang der Operaistinnen mit der kommunistischen Theorie und ihrer Überzeugung, die geschichtliche Entwicklung vorantreiben zu können. Die Begriffe und Methoden der Operaisten lassen sich sicher nicht einfach übernehmen, vielleicht aber ihre Herangehensweise. Wesentlich an der ist, dass für sie Kategorien wie „abstrakte Arbeit“ oder „Wert“ rein historisch, also auch immer umkämpft sind. Solche Theorie ist sozusagen „anti-fetischistisch“: Sie kritisiert die Verdinglichungen und führt sie auf aktuelle menschliche Praxis zurück.

Das Interview erschien zuerst in der Zeitschrift Phase 2 Nr. 26 (Januar 2008)

Anmerkungen

[1] So auch in seinen 20 Thesen zu Marx, auf deutsch unter: http://rosa-luxemburg-gesellschaft.org/materialien/Negri.pdf.
[2] Vgl. Antonio Negri, Sabotage, München 1979, S. 73ff.
[3] Vgl. z.B. http://transform.eipcp.net/transversal/0406.
[4] A. Negri/M. Hardt, Empire, Frankfurt/New York 2000, S. 43f.
[5] Vgl. Claudio Pozzoli (Hg.), Spätkapitalismus und Klassenkampf – Eine Auswahl aus den „Quaderni Rossi“, Frankfurt/M. 1972 [Anm. Zlatan Orek].
[6] A. Negri/M. Hardt, Empire, Frankfurt/New York 2000, S. 43.